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Berliner Azteken-Ausstellung: Kritik der Pyramide

Die Ausstellung "Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt" in Berlin: Wenn wir auf die Überreste von Teotihuacan blicken, überfällt uns das Gefühl der Vergeblichkeit. Jeder Stein schreit uns an. Doch wir verstehen nicht. Von Arno Widmann

Eine anthropomorphe Maske aus Azcapotzako, San Miguel Amantla, Klassische Periode, späte Xolalpan-Phase, 450-550 n.Chr.
Eine anthropomorphe Maske aus Azcapotzako, San Miguel Amantla, Klassische Periode, späte Xolalpan-Phase, 450-550 n.Chr.
Foto: Martirene Alcántara/mgb

Morgens um elf Uhr stehen Hunderte in einer Schlange vor dem Berliner Martin-Gropius-Bau und warten darauf, dass sie in die Frida Kahlo-Ausstellung hineingelassen werden. Wie viele werden wohl in die Teotihuacan-Ausstellung kommen? Steht man im ersten Stock des Gebäudes, geht es ab heute rechts zu den Frida-Kahlo-Räumen und links nach Teotihuacan.

Als die Azteken im 14. Jahrhundert die Hochebene von Teotihuacan besetzten, standen von der Metropole Mittelamerikas, in der in Hochzeiten bis zu 160.000 Menschen gelebt hatten, nur noch Ruinen. "Hier werden Menschen zu Göttern" erklärten die Azteken, als sie die mächtigen Pyramiden, Paläste und Wohnhäuser sahen. In ihrer Sprache heißt das Teotihuacan. So nennen wir das knapp 50 Kilometer von Mexiko City entfernte Gelände noch heute.

Die Ausstellung

Martin Gropius Bau, Berlin, bis 10. Oktober.

www.berlinerfestspiele.de

Wir wissen immer noch wenig über die Kultur von Teotihuacan. Was wir wissen, steht im Katalog zur prächtigen Berliner Ausstellung. Von 100 vor bis etwa 650 nach Chr. gab es diese Kultur. Man weiß nicht, woher sie kam, und ebenso wenig weiß man, wohin sie verschwand. Der Generaldirektor des Instituto Nacional de Antropologia e Historia, Alfonso de Maria y Campos, weiß auch nicht mehr, aber er weiß Trost: "Das ist typisch für die Kulturen Lateinamerikas, für ihren zyklischen Charakter. Sie kommen und gehen."

Wer in Teotihuacan ist, der erfährt das sehr körperlich: Dass hier einmal eine große Kultur, ein mächtiger Staat war und dass er jetzt - ein schon Jahrhunderte währendes Jetzt - nicht mehr ist. Piranesi hat Roms Ruinen in diesem Gefühl gezeichnet, und der Abgeordnete der französischen Nationalversammlung Constantin François Volney blickte 1791 von Genf aus so auf die Weltgeschichte und nannte sein Buch "Les Ruines ou méditations sur les révolutions des empires". Sein republikanischer Schluss aus dem, was er sah, lautete: "Ihr Ruinen legtet, indem ihr Fürstenstaub mit Sklavenstaub vermengtet, Zeugnis ab für den heiligen Lehrsatz der Gleichheit."

Um eine Vorstellung vom Ganzen zu haben, muss man gleich im ersten Raum rechts an die Karte und sich ansehen, wie ausgedehnt, wie prachtvoll diese Stadt war. Denn sonst gibt es in der Ausstellung - wie könnte es anders sein? - nur Einzelnes zu sehen. Da wird sich jeder etwas herauspicken. Unbekannte Götter aus Grünstein und Muschelschale, Masken aus Stein oder Ton, ein schlanker nackter Männerleib aus blank geschliffenem Serpentin.

Wohl ein Gefangener, klärt uns der Katalog auf. Also einer von denen, die zu Hunderten - oder gar mehr - abgeschlachtet wurden. Ihr Opfer sollte die Sonne dazu bringen, wieder aufzuerstehen. Andere Gemüter sprechen die sogenannten "Wirtsfiguren" an. Gestalten aus Terrakotta, in denen kleine Figürchen Unterschlupf finden. Wir können sie nicht mehr unschuldig sehen. "Ich bin viele" sagen sie uns und das ist keine Verheißung, sondern ein Schrecken.

Mit einem Male ist man ganz nahe an Frida Kahlo. Die Zerstückelung des Leibes, das Auseinanderbrechen des Ich. Es ist modern und gleichzeitig eine uralte, immer wieder beschworene Angst. Die wird hier gesteigert durch die Stille. Diese Figuren sind keine Illustrationen. Sie sind. Die antiken Bilder dagegen sind Teil einer Geschichte. Sie sind Mythos, sind Erzählung.

Die Schreckgestalten aus Teotihuacan waren es auch. Aber kein Ovid ist überliefert, der ihre Metamorphosen beschrieb. Wie die Schlange Federn bekam, wie sie sich dann, davor oder zugleich, in den Jaguar verwandelte - wir wissen nicht, wie das geschah. Dass es geschah, sehen wir. Aber das Bild, die Plastik zeigen nur Ergebnisse. Sie zeigen nicht den Prozess, die Verwandlung.

Wenn wir heute auf die Überreste des zerstörten Teotihuacan blicken, dann überfällt uns das Gefühl der Vergeblichkeit. Jeder Stein schreit uns an. Er will uns etwas sagen. Er ist übersät mit Botschaften, jeder Quadratzentimeter bemalt mit einer neuen Gestalt. Propaganda fidei. Glaubens-PR. Das alles war einmal verständlich. Für jeden und sofort. Schon die Kleinsten wussten Bescheid. Doch niemand lebt mehr, der uns diese Botschaften dolmetschen könnte.

Dabei war Teotihuacan, daran erinnerte eine Kollegin in der Pressekonferenz, ein Stück "landart". Die Erbauer hatten sie als ein Abbild der sie umgebenden Landschaft angelegt. Die Stadt war Wohnort, Verkehrszentrum und Heiliger Berg. Alles in einem und jedes Einzelne nur, soweit sie auch das andere war. Aber das, das sehen wir noch. Das ist "auferstanden aus Ruinen".

Eines der großen Gedichte des 20. Jahrhunderts "Himno entre ruinas" von Octavio Paz, geschrieben 1946 in Neapel, ist nicht denkbar ohne die Erfahrung von Teotihuacan. Ohne den Anblick der übermächtigen Sonnenpyramide, ohne das Wissen um den Sonnenkult der Teotihuacaner. "Alles ist Gott", schreibt Paz, und "die Nacht fällt über Teotihuacan. Auf der Spitze der Pyramide rauchen junge Männer Marihuana, spielen auf heiseren Gitarren." In diesem Gedicht wird der Untergang - wie wohl auch in der Theologie von Teotihuacan - zur Chance eines neuen Anfangs.

Aus Worten, die den Untergang beschreiben, sollen Taten hervorgehen, die eine neue Welt schaffen. Die Ruinen sind nicht nur Anlass für eine Reflexion über das unausweichliche Ende. Der Weg zu einer neuen Gesellschaft, in der es keine Menschenopfer mehr gibt, so schrieb Octavio Paz im "Labyrinth der Einsamkeit", führt durch eine Kritik der Pyramide, der Pyramidengesellschaft. Denn hier werden Menschen zu Göttern. Das aber gilt es zu verhindern.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  30 | 6 | 2010
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