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21. Juli 2012

Beschneidungs-Debatte: Die Macht der Ahnungslosen

 Von Dirk Pilz
Gott ist tot und Jesus eine Schleuder? Vielleicht. Aber auch mit dem Atheismus vertritt man noch keine glaubensfreie Position.  Foto: imago

Und der Verfall der Vernunft: Der heftige Streit um das Beschneidungsurteil offenbart die ganze Erbärmlichkeit des derzeitigen Atheismus, dessen Grundüberzeugungen zu Dogmen verkommen.

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Und der Verfall der Vernunft: Der heftige Streit um das Beschneidungsurteil offenbart die ganze Erbärmlichkeit des derzeitigen Atheismus, dessen Grundüberzeugungen zu Dogmen verkommen.

Die heftige Debatte über Beschneidung fördert äußerst Aufschlussreiches über die deutsche Gesellschaft zutage. Gestern schrieb Christian Bommarius in unserer Zeitung, „unter dem Deckmantel einer juristischen Frage werden antiislamische und antisemitische Affekte erkennbar, die für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohlicher sind als jede religiös motivierte Zirkumzision“. So ist es. Es wird zudem aber erkennbar, dass sich der Atheismus in einem erbärmlichen Zustand befindet.

Denn es sind ja Atheisten, also ihrem Selbstverständnis gemäß Gottbefreite, die mit energischem Missionseifer wider das Recht auf Beschneidung streiten. Sie sind es, die Beschneidung als religiöse Barbarei betiteln. Sie sind es auch, die religiöse Erziehung als Indoktrination bezeichnen und gemeinhin davon ausgehen, dass erstens die Zahl der Gläubigen ohnehin unaufhaltsam sinken wird und zweitens der Verzicht auf Religion, also auch auf religiöse Erziehung, ein Glück für die Gesellschaft und den Einzelnen sei. Das Urteil stärke die Rechte der Kinder vor „religiösen Übergriffen“, so die Stellungnahme des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten.

Atheismus versteht sich als Sieger der Geschichte

Das sagt bereits Entscheidendes über den Zustand jenes Atheismus aus, der damit vertreten wird: Er versteht sich als überlegen, als Sieger der Geschichte. Die Stellungnahme der „Gesellschaft für wissenschaftliche Aufklärung und Menschenrechte“ lässt in dieser Hinsicht an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Die Mehrheitsgesellschaft sollte ihnen (den Juden und Muslimen, die Red.) unmissverständlich klarmachen, dass das Einfordern von Akzeptanz gegenüber irrational-grundrechtswidrigen Traditionen und Bräuchen nicht geduldet wird.“ Die Religion wird hier zu einem Feind erklärt, der (endlich) niedergerungen werden müsse.

Ein Atheismus dieser Machart ist nicht minder bedrohlich für das gesellschaftliche Zusammenleben, zumal er die Glaubensrichtung mit den derzeit höchsten Zustimmungswerten ist: Er ist die meinungs- und weltanschauungsbildende Leitkultur, auch wenn nach wie vor über 50 Prozent zu den beiden großen Kirchen gehören, und die islamischen Glaubensgemeinschaften weiter wachsen werden. Die Mehrheit fühlt sich dem Atheismus verpflichtet, allerdings in der Regel, ohne sich dafür explizit entschieden zu haben: Die meisten sind Atheisten aus Gewohnheit. Das ist nicht das Problem.

Atheistische Grundüberzeugungen verkommen zu Dogmen

Das Problem ist, dass zumeist nicht mehr gewusst und begriffen, noch nicht einmal geahnt wird, was man mit dem Atheismus bejaht und ablehnt. Seine Grundüberzeugungen verkommen damit zu Dogmen, zur blindmachenden Ideologie: Wer nicht weiß (und wissen will), welche Vorannahmen und Hintergrundüberzeugungen eine atheistische Position impliziert, mutiert zum unmündigen Meinungstrottel. Daher rührt wahrscheinlich auch die große Aggression, mit der dieser Atheismus auftritt.
Es ist augenscheinlich vonnöten, an einige Selbstverständlichkeiten zu erinnern, die offenbar in Vergessenheit geraten sind.

Erstens: Mit dem Atheismus vertritt man keine glaubensfreie Position. Auch Atheisten machen Annahmen über die Welt und den Menschen, die auf Vermutungen basieren. Auch der Atheismus ist eine Glaubensphilosophie: Wer nicht an Gott glaubt, hat sich nicht vom Glauben, sondern allenfalls von Gott losgesagt.

Zweitens: Der Gegenbegriff zu Glauben ist nicht Wissen, sondern Unglaube, derjenige zu Wissen entsprechend Unwissen. Gottesbeweise zum Beispiel bilden ein philosophisches Problem der Erkenntnistheorie; sie beschäftigen sich mit der Frage, was dem Menschen zu wissen möglich ist. Die Glaubenstatsachen berühren sie nicht, denn weder belegen Beweise noch widerlegen sie, worum es dem Glauben geht. Es ist daher naiv zu meinen, gäbe es einen Gottesbeweis, würden alle Menschen Gläubige, wie es umgekehrt ebenso naiv ist zu erwarten, mit dem Nachweis der Nicht-Existenz Gottes verschwände die Religion. Säkularisation ist keine eindimensionale Geschichte, die von einem Zuviel an Religion zu keiner Religion führt. Religionen verschwinden nicht, sie transformieren, wandeln sich.

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Glaube ist dabei, wie der Theologe Eberhard Jüngel treffend schreibt, der „existenziale Ausdruck dafür, dass der Mensch sich nicht selber hat“, ohne dass dies als Mangel zu begreifen wäre. Glaubende sind vielmehr die „von der Fixiertheit auf sich selbst Freigelassenen“, und zwar – so jedenfalls für den christlichen Glauben – von und durch Gott Freigelassene. Gott ist dabei weder bloße Fantasie noch schiere Projektion, sondern ein Gegenüber. Diese Glaubensstruktur lässt sich weder naturwissenschaftlich beweisen, noch ist sie durch Wissen zu beseitigen. Glauben hat durchaus mit einer Haltung der Demut zu tun: zu wissen, dass man selbst und die eigenen Überzeugungen nicht der Wahrheit letzter Schluss sind.

Glauben ist Vertrauen auf die Kraft eines Gegenüber

Deshalb kann man als Naturwissenschaftler oder Philosoph sehr wohl auch gläubig sein. Zum Glauben gehört aber dennoch das Begründen. Glaubende wissen, warum sie etwas glauben – die gesamte Bibel ist ein Buch aus Geschichten über diese Gründe. Das unterscheidet sie vom Mythos und von Märchen. Nur sind dies weder rein rationale noch naturwissenschaftliche Gründe. An einen Gott zu glauben, ist etwas anderes, als daran zu glauben, dass morgen endlich die Sonne scheint oder der FC Bayern München deutscher Fußballmeister wird. Es ist das Vertrauen auf die Kraft eines Gegenübers, das mehr ist, als ich mir selbst schenken kann.

Das hat mit einem dritten Punkt zu tun: mit Freiheit. Freiheit ist immer doppelgesichtig. Sie ist Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas. Es gibt deshalb nie Befreiung ohne Bejahung anderer Zwänge. Atheisten sind nicht (nur) von Gott Befreite, sie leben mit anderen Notwendigkeiten, in ihrem Fall mit jener, in allem einzig auf sich selbst, also den Menschen, verwiesen zu sein.

Und noch ein Viertes: Man kann sich von Überzeugungen trennen, aber man kommt nie zu ihnen in einem leeren, bezuglosen Raum. Jeder wird in ein prägendes Umfeld geboren. Wenn man etwa in der Frage von Beschneidung (oder auch Taufe) meint, man könne diese Entscheidung gleichsam aufheben, damit das Kind später selbst und frei wähle, heißt das zu hoffen, man könne es bis zu dieser Entscheidung vor wegweisenden Prägungen bewahren. Ein Kinderglaube.

Auch eine atheistische Erziehung ist Indoktrination. Was dem Kindeswohl dient oder nicht, lässt sich eben nie abschließend und nie im Vorhinein entscheiden. Darin liegt die Verantwortung, die Eltern haben. Eine atheistische Erziehung ist also nicht weniger Erziehung, sondern eine andere. Sie ist auch nicht per se besser oder dem Kind förderlicher. Um dies entscheiden zu können, müsste man von einem Punkt außerhalb der Gesellschaft und der Geschichte urteilen können. Es gibt ihn nicht.

Beschneidung muss legal bleiben

Für eine sinnvolle Position im Streit um Beschneidung sollte man das wissen. Das gilt für atheistische wie religiöse Überzeugungen. Wer aber Beschneidung verbieten und damit kriminalisieren will, muss sich klarmachen, dass man damit genau das tut, was man den Anhängern des religiösen Ritus vorwirft: in übergriffiger Weise anderen die Akzeptanz einer Glaubensposition aufzuzwingen. Auch deshalb muss Beschneidung legal bleiben, nicht nur aus Respekt vor der Tradition eines religiösen Ritus.

Dass der derzeitige Atheismus meint, eine religiöse Praxis bekämpfen zu müssen, heißt insofern nichts anderes, als dass er blind für seine eigenen Voraussetzungen ist. Und wie unter Religiösen geht von dieser Blindheit die größte Gefahr aus: die Gefahr eines stumpfen Fundamentalismus.

„Es ist paradox“, hat der Philosoph Herbert Schnädelbach geschrieben, „aber in der westlichen Moderne müsste man die Menschen überhaupt erst wieder über die Religion aufklären – nicht nur über die christliche –, damit sie sich dazu ein freies und kritisches Urteil bilden könnten.“

Aufklärung über die Religion betrifft zunächst das bloße Faktenwissen – warum überhaupt beschnitten oder warum Pfingsten und Himmelfahrt zum Beispiel gefeiert werden, wissen immer weniger, obwohl dennoch die Mehrheit keineswegs auf die Feiertage verzichten will. Konsequenz zeichnet den Gewohnheitsatheismus ohnehin kaum aus. Und dass Kirchengeschichte nicht identisch mit Christentumsgeschichte ist, dass der Ortspfarrer oder der Papst noch immer als „die Religion“ genommen werden, zeugt von erschreckender historischer Unkenntnis. Das kann sich eine säkulare, über sich selbst aufgeklärte Gesellschaft nicht leisten.

Renate Künast und Volker Beck wie weltfremde Sektierer

Die Folgen sind fatal. Wenn etwa die Grünen-Politiker Renate Künast und Volker Beck in ihrem Beitrag vom 9. Juli aus der Bibel zitieren, um für Beschneidungsfreiheit zu plädieren, verfahren sie wie biblizistische Sektierer: Sie nehmen die Bibel wortwörtlich. Man sieht daran, dass Religionsverfall nicht Entkirchlichung meint, sondern den Verfall der historisch-kritischen Vernunft.

Atheismus, auch darauf muss offenbar immer wieder hingewiesen werden, ist ja keine Erscheinung der Moderne. Es waren gerade die ersten Christen, die sich dem Atheismusvorwurf ausgesetzt sahen. Johann Figl hat soeben in einer klaren Studie die philosophische Geschichte des Atheismus noch einmal nachgezeichnet (Philosophie der Religionen. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, 308 S., 36,90 Euro). Der Atheismus ist, kann man hier nachlesen, ein Phänomen des Christentums selbst.

Ein Atheismus, der das weiß, kann sich nicht damit begnügen, gegen Gott, Christentum oder Religion zu sein. Noch weniger kann er tun, was er in der Geschichte des Atheismus bislang getan hat: an die Stelle Gottes etwas Anderes zu setzen, die Vernunft, die Gesellschaft oder den Menschen. Denn damit ist der Atheismus der Struktur nach noch immer zutiefst christlich. Das hat Hegel bereits gesehen und Nietzsche zu Ende gedacht. Ein anspruchsvoller Atheismus besteht darin, jenen Platz, den Gott hinterlassen hat, nicht zu besetzen.

Und dies zu Ende zu denken, versucht der französische Philosoph Jean-Luc Nancy. Seine Religionsphilosophie ist die zurzeit gehaltvollste. Vor vier Jahren erschien ein erster Band seiner „Dekonstruktion des Christentums“; darin zeigt er, dass das Christentum auf jenen Atheismus angelegt ist, der an die Stelle Gottes ein anderes Prinzip setzt. Soeben ist der zweite Band erschienen (Die Anbetung, diaphanes Verlag, Zürich 2012, 160 S., 19,90 Euro). Es sei „unsere Verantwortung“, schreibt er hier, „den Menschen in Gänze dem Menschen auszusetzen“, ohne den Sinn dafür zu verlieren, dass der Mensch sich nicht selber hat. Daran, dass es der westlichen Moderne schwer fällt, dies jenseits eines irgendwie göttlichen Prinzips zu denken, ist für Nancy zu erkennen, wie sehr sie zum Abendland, nämlich zum Christentum auch dann noch gehört, wenn sie sich vom christlichen Gott verabschiedet hat.

Die Beschneidungsdebatte zeigt dies wieder einmal: Sie ist ein Kampf unter fundamentalistischen Ahnungslosen, weil es lediglich darum geht, die verschiedenen, zu bloßen Götzen gewordenen Götter gegeneinander auszuspielen. Vernunft gegen Gott, Recht gegen Ritus. Bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft ist dieser Glaubenskampf, weil sich weder mit Ahnungslosen noch mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern nur Meinungen.

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