Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

14. April 2011

Besuch in Jerusalem: Stille Tage in Nachlaot

 Von Volker Heins
Der Charme Nachlaots wird mit dem des Berliner Kreuzbergs oder New Yorker Eastends verglichen.  Foto: dpa Picture-Alliance

Nachlaot, ein Stadtviertel von Jerusalem zeigt das posttraumatische, spirituelle und multikulturelle Gesicht Israels: Orthodoxe Juden aller Strömungen, Studenten, Künstler, asiatisches Hauspersonal, afrikanische Migranten sorgen hier für eine bunte Geräuschkulisse. Nur Araber spielen keine Rolle.

Drucken per Mail

tMan hat Nachlaot, ein verwinkeltes altes Stadtviertel in Jerusalem, mit Kreuzberg oder dem New Yorker East Village verglichen. Aber solche Vergleiche sind irreführend, auch wenn der erste Anschein für sie spricht. „Antifa Zone“ steht auf dem Zaun einer Baustelle. Streunende Katzen durchsuchen Müllcontainer nach Küchenabfällen. Es gibt Bioläden, alternative Cafes, Architektur- und Musikschulen sowie einen Gemeinschaftsgarten. Manche Anwohner entsperren ihre drahtlosen Internetanschlüsse, damit mittellose Nachbarn umsonst im Netz surfen können. Auf einem Plakat lächelt Bob Marley sein Haschischlächeln.

In einem Online-Forum für die Bewohner des Viertels werben Heilkräuterspezialisten, Masseure, Yoga- und Hebräischlehrer, die Rabbi Kook Memorial Tour, DJs für Bat Mitzvah Parties („Get the Girls Moving!“) und die von einer Rabbinerin geleitete Gruppe „Frauen, kennt Eure Rechte“. Die Galerie Barbur präsentiert nicht nur avantgardistische Kunst, sondern ist auch ein Treffpunkt von Leuten, die sich für die wachsende Zahl afrikanischer Flüchtlinge in Israel engagieren oder gemeinsam Platons „Staat“ lesen wollen.

In den Wohnhäusern und draußen auf der Straße scheint immer irgendwo jemand zu singen oder Musik zu machen. Wäsche hängt zum Trocknen an kreuz und quer gespannten Leinen. Vor allem israelische Touristen kommen hierher, weil das weitgehend autofreie Viertel zwischen der Jaffa Straße und dem Sacherpark als malerisch und geschichtsträchtig gilt. Und Investoren werden angezogen, weil Lage und Bausubstanz zur Gentrifizierung einladen.

Ein besonderer Sound

Vor Beginn des Schabbat gewinnt man einen Eindruck von der kulturellen Vielfalt der Gegend. Plötzlich sind alle unterwegs, um noch rasch auf dem lokalen Mahane Yehuda Markt einzukaufen: orthodoxe Juden fast aller Strömungen, Studenten, Künstler und Pilger, asiatisches Hauspersonal, afrikanische Migranten, frisch eingewanderte Ausländer und heimkehrende Wehrpflichtsoldaten, viele davon zierliche junge Schwarze äthiopischer Herkunft. Man sieht mehr offen getragene Waffen als in Tel Aviv, mehr Männer mit Kippas, mehr Araber.

Ein besonderer Sound entsteht aus dem Durcheinander von Hebräisch, Englisch, Russisch, Amharisch und Arabisch. Jeden Freitag vor Sonnenuntergang patroullieren grimmige Ultraorthodoxe mit Pelzmützen, um pflichtvergessene Händler zur raschen Schließung ihrer Stände zu bewegen, bevor der Schabbat beginnt. Am Ausgang des Marktes scherzen dunkelhäutige Polizistinnen mit Schnellfeuergewehren, für die der Schabbat vor allem Dienstschluss bedeutet. Der Fremde wird als solcher gar nicht wahrgenommen, weil die Einheimischen einander selbst fremd sind.

Auch wer kein Jude ist, ist noch lange kein Außenseiter, und wer nicht gläubig ist, wird immer noch als Muslim oder Christ – und damit als potenzieller Jerusalemer – klassifiziert. Tatsächlich überrascht mich auf dem Markt ein freundlicher Herr im schwarzen Anzug mit der Frage, ob ich ein religiöser oder ein säkularer Christ sei. Ich hatte ihm zuvor erklärt, dass ich seine Einladung zum Freitagsgebet mit den vom Talmud vorgeschriebenen Gebetsriemen ausschlagen müsse, da ich kein Jude sei. Während woanders darüber gestritten wird, wer dazugehört und wer nicht, scheint hier nicht einmal Einigkeit über den Charakter der Gruppen zu bestehen, denen man überhaupt angehören kann. Vielleicht ist der Grund, dass Nachlaot am Rand der israelischen Gesellschaft liegt. Aber wo ist der Rand, wenn es kein Zentrum gibt?

Was "radikale jüdische Musik" ist

In Jerusalem treffen extrem unterschiedliche Gruppen aufeinander, ohne dass so etwas wie eine Mehrheitsgesellschaft entsteht: jüdische und arabische Bürger Israels, israelische Bürger und Araber ohne volle Bürgerrechte aus dem annektierten Ostteil der Stadt, Juden mit europäischen und mit arabischen oder nordafrikanischen Wurzeln sowie religiöse und säkulare Juden. Das religiöse Lager wiederum zerfällt in ein Spektrum höchst unterschiedlicher Strömungen. Die Spannbreite dieses Spektrums kann man an der Vielzahl der Synagogen ablesen, die es allein in Nachlaot gibt.

Auf einem einzigen Quadratkilometer gibt es Dutzende, manche sagen „einhundert“ Synagogen, die oft als solche nur an den religiösen Gesängen zu erkennen sind, die an Feiertagen aus unauffälligen Häusern oder sogar Kellern dringen. Die zumeist sephardischen Synagogen spiegeln die Herkunft der Gruppen, die hier seit vielen Generationen wohnen und deren Vorfahren aus Aleppo in Syrien, Alexandria in Ägypten, der Türkei, Kurdistan, Griechenland, Bulgarien, Marokko, dem Irak oder Jemen stammen. Man hört Musik, die man im wohlhabenden Nachbarviertel Rechavia nicht hören würde, wo die Kinder zum Klavierunterricht geschickt und Mozart oder Rachmaninoff gespielt werden.

Einer meiner israelischen Freunde findet diese Musik, weil sie so alt und dunkel und orientalisch klingt, ganz unisraelisch, obwohl die Lieder auf Hebräisch gesungen werden. Für andere ist es gerade diese eigenartige Musikkultur, die religiöse und säkulare Israelis verbindet und einen der besten Gründe dafür bietet, in Nachlaot zu leben. Dazu gehören junge Musiker wie Nori Jacoby und Yonatan Niv, die mir in der Kneipe „Slow Moshe“ erklären, was „radikale jüdische Musik“ ist – eine Neuinterpretation sakraler hebräischer Poesie aus dem Nahen Osten und Nordafrika. In den eher jungen und „synthetischen“ Städten der Gegenwart wie Tel Aviv, so die Künstler, wäre diese Musik, die inzwischen auf Festivals in New York, Krakau oder Melbourne zu hören ist, nicht entstanden.

Religiöse Lieder und "The Grateful Dead"

Eine andere Strömung, die das Gesicht des Viertels prägt, zeigt sich in der Gestalt von bärtigen Männern, die selbst in diesem an auffälligen Typen reichen Viertel hervorstechen. Sie sprechen vorwiegend Englisch, verwenden aber auch gerne jiddische Wörter wie „gevaldik“ (was soviel heißt wie: „immens“ oder „enorm“). Sie tragen betont lange Schläfenlocken und große gestrickte Kippas. Die rituell vorgeschriebenen weißen Wollfransen (Zizijot) ihrer Gebetsschals hängen lang und lässig an den Seiten ihrer weiten Hosen. In Begleitung dieser Männer sieht man häufig Frauen in fließenden langen Röcken und mit sorgfältig gebundenen farbigen Kopftüchern. Man fühlt sich an Laiendarsteller eines Moses-Films erinnert. Tatsächlich handelt es sich um die Nachfahren von Amerikanern, die in den sechziger oder siebziger Jahren unter dem Einfluss eines charismatischen Rabbis namens Shlomo Carlebach ihr verschüttetes Judentum neu entdeckt haben oder konvertiert sind.

Abgestoßen von der sterilen Scheinreligion ihrer Eltern und inspiriert von der Gegenkultur der sechziger Jahre suchten die Jünger Carlebachs eine authentische, musikalische und naturnahe Lebensform, die sie nur im biblischen Land Israel finden zu können glaubten. Heute sieht man sie und ihre Kinder in Nachlaot auf dem Weg zur Bushaltestelle oder der chassidischen Kol Rina Synagoge. Am Todestag des in Berlin geborenen Shlomo Carlebach finden alljährlich Gedenkzeremonien statt, in denen auch die zahlreichen Songs des Rabbis gesungen werden. Zu dem kleinen Reich dieser munteren Szene gehört eine eigene Yeshiva-Schule, in der es ausreicht, 500 hebräische Wörter zu beherrschen und man ansonsten den Talmud auf Englisch studieren kann, sowie der Privatsender „Radio Free Nachlaot“, der neben religiösen Liedern vor allem Musik von Jerry Garcia und den Grateful Dead spielt.

In diesem Flickenteppich der Minderheiten fehlt eigentlich nur eine Gruppe, nämlich die Araber. Zwar sind Araber immer wieder zu sehen und zu hören, aber sie scheinen ebenso wenig beachtet zu werden wie die allgegenwärtigen Katzen. Mehr noch als bei einigen Händlern auf dem Markt hört man Arabisch auf den Baustellen des Viertels. Daran, dass viele der Bauarbeiter so jung sind, kann man erkennen, dass sie aus Ostjerusalen kommen. Araber aus dem Westjordanland müssen nämlich 35 Jahre alt sein und eine Familie mit Kindern haben, um in Israel eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten.

Araber spielen keine Rolle

Im öffentlichen Leben Nachlaots spielen die Araber keine Rolle. Sie wohnen woanders und wären vermutlich auch nicht wohlgelitten als Nachbarn. Das Verhältnis der Bewohner Nachlaots zu den Arabern ist so schizophren wie überhaupt das Verhältnis der Jerusalemer zum arabischen Osten ihrer Stadt. Jerusalem soll eins und unteilbar sein, aber keiner traut sich in die arabischen Wohngebiete. Ebenso wenig denkt kaum jemand daran, die arabische Bevölkerung, die 36 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt umfasst, zu gleichberechtigten Bürgern Israels zu machen. „Kolonialismus“, rufen die Kritiker aus dem Ausland, aber aus der Perspektive der Bewohner Nachlaots ist die Sache komplizierter. „Wir haben kein Mutterland, in das wir uns zurückziehen können“, erklärt mir Inbal, eine Studentin aus Nachlaot in schwarzer Lederjacke, an deren Wohnungstür ein Che Guevara-Sticker klebt: „Wir sind hier zu Hause“.

Zudem trübt das Trauma der zweiten Intifada die Wahrnehmung. Es ist nicht lange her, dass die unmittelbare Umgebung Nachlaots zum Schauplatz schwerer terroristischer Anschläge auf Linienbusse, Passanten und eine Pizzeria wurde. Diese Anschläge haben sich tief ins lokale Gedächtnis des Stadtviertels eingegraben und nähren bis heute das Misstrauen gegen „die Araber“. So souverän die Bewohner Nachlaots – wie die meisten Israelis – den alltäglichen Umgang mit kulturellen Differenzen beherrschen, so schwer überwindbar scheint doch diese besondere Schranke zu sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass Inbal ebenso wie viele der frommen Hippies und Musiker in Nachlaot zumindest die demokratische Volksbewegung im benachbarten Ägypten mit vorsichtigem Optimismus beobachten.

Volker Heins ist Wissenschaftler am Institut für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt und lernt zur Zeit Hebräisch an der Rothberg School in Jerusalem.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Chaos

Wer hier weiß, wo er welches Buch abgelegt hat, darf zurecht stolz auf sich sein.

Die Vorstellung, sich im eigenen Chaos glänzend zurechtzufinden, gehört zu den großen Menschheitsträumen jenseits von Weltfrieden und ewigem Leben.  Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 29. August

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 29. August 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps