Unter deutschen Programmkino-Betreibern gab es einmal den Versuch, das Wort "Kino" rechtlich schützen zu lassen. Weit kamen sie damit nicht. Hätten sie Erfolg gehabt, dann gäbe es kein Fernsehereignis mehr namens "Montagskino". Wenigstes hieße es dann nicht so. Am Siegeszug der DVD hätte der juristische Erfolg wenig geändert, aber vielleicht wäre die Verwechslungsgefahr zwischen privatem und öffentlichem Filmerleben, zwischen den gespeicherten Zahlen und dem schillernden Zelluloid, doch etwas eingedämmt. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Das Filmerlebnis auf DVD hat den Kinobesuch zurückgedrängt ohne ihn je ersetzen zu können. Viele Zeitungen präsentieren ihren Lesern seit längerem Film-Editionen der kanonisierten Klassiker. Und nun handelt auch noch der Suhrkamp-Verlag mit den Silberlingen und beginnt eine "filmedition". Ein Haus, das schon bei der Wahl seiner Buchumschläge die Bildkunst ja nicht gerade zu umarmen pflegt.
Doch die ersten Titel, die in diesen Tagen auf den Markt kommen, gehen nicht nur durch die verlagstypische, monochrome Verpackung auf Distanz zum Heimkinofutter. Nur eine von ihnen enthält überhaupt einen Spielfilm, die linksradikale Ikone des Weimarer Kinos, "Kuhle Wampe". Das ist zwar ein kanonisierter und vielbeschriebener Filmklassiker, nur riskierte bislang niemand eine Veröffentlichung auf DVD. Nun findet der Film seinen Platz im Verlagsprogramm neben den gedruckten Werken seines Drehbuchautors Bertolt Brecht.
Am Montag erscheint die neue "filmedition suhrkamp" mit drei DVDs:
Alexander Kluge: Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx - Eisenstein - Das Kapital. 3 DVDs, 570 Minuten, 29,90 Euro.
Bertold Brecht / Slatan Dudow/ Hanns Eisler / Ernst Ottwalt: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? DVD, 80 Minuten, 19,90 Euro.
Samuel Beckett: He, Joe, Quadrat I und II, Nacht und Träume, Geister-Trio, ... nur noch Gewölk ..., Was Wo, Not I. DVD, 156 Minuten, 19,90 Euro.
Weitere Titel sind in Vorbereitung. www.suhrkamp.de
Keine Frage, hier geht ein Verlag das Gebiet Film aus der Perspektive des gedruckten Wortes an, allerdings durchaus cinephil: Neben dem archivarisch korrekt abgetasteten Hauptfilm enthält die DVD noch ein wirklich vergessenes Juwel der Filmavantgarde: "Wie der Arbeiter wohnt", ein stummes Frühwerk des "Kuhle-Wampe"-Regisseurs Slatan Dudow, ist ein sozialpolitischer Gegenentwurf zu Walter Ruttmanns "Berlin - Die Symphonie der Großstadt". Was für eine Entdeckung: Dudow adaptiert bravourös das stilistische Repertoire der russischen Avantgarde mit verkanteten Kameraperspektiven und schneller Montage.
Um den größten aller Montagekünstler des Kinos geht es im Schaustück der neuen Suhrkamp-Edition, Alexander Kluges Viereinhalb-Stunden Essay "Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx - Eisenstein - Das Kapital."Ausgehend von dem selbst unter Filmhistorikern wenig bekannten Projekt des Meisterregisseurs, ausgerechnet im Weltkrisenjahr 1929 das Marx'sche Hauptwerk zu verfilmen, eifert ihm Kluge klammheimlich nach: Die filmhistorische Spurensuche gibt bald den Weg frei für eine eigene Marx-Verfilmung. So wird aus dem heimlichen literarischen Comeback des Krisenjahrs 2008 doch noch ein "Kapital"-Film.
Kluge rezitiert den Theoretiker mit samtener Stimme zur Piano-Begleitung oder inszeniert die rührenden Versuche junger DDR-Bürger, systemkonformen Sinn in sperrigem Textmaterial zu lesen. Helge Schneider spielt einen Arbeitslosen, der einen Marx-Kurs an der Volkshochschule absolviert, zu Bob Dylans "Ain't Talking" wird Marx' zerbrochene Grabplatte aufgespürt. Für einen Kinoproduzenten wären allein die Musikrechte der Szene unbezahlbar; nur mit einem finanzkräftigen Verlag im Rücken lässt sich so etwas überhaupt anstellen.
Die bildkräftigste Episode aber inszenierte ein Überraschungsgast: Tom Tykwer öffnet mit seinem Kurzfilm "Der Mensch im Ding" noch einmal das abgeschlossene Kapitel "Lola rennt". Während ein Franka-Potente-Double durch Berlin hetzt, hält er die Bewegung an und bewegt die Kamera in einem obskuren Stück Berliner Straße wie in einem Computerspiel. Jeder Pflasterstein, jeder Kaugummi-Fleck, selbst die Halterung eines Verkehrsschildes erzählt seine eigene Wirtschaftsgeschichte, vom Regisseur persönlich aus dem Off eingesprochen. In seinen Geschichten vergessener Erfinder und Unternehmer erhält die Warenwelt ein zweites Gesicht.
Eine weitere Spur führt vom Kapital zu einem weiteren Suhrkamp-Autor: Ausgerechnet Joyce' "Ulysses" hatte sich Eisenstein als Modell für die ästhetische Umsetzung seines nie gedrehten "Kapital"-Films erkoren. Der Philosoph Peter Sloterdijk kann sich vor Kluges Kamera sogar einen Reim darauf machen. Immerhin heißt Ulysses ja eigentlich Odysseus. Dessen strategischer Listenreichtum habe im Geld einen würdigen Nachfolger gefunden: "Das Geld ist ein materialisierter Verwandlungskünstler, der die Materie ins Umkleidezimmer bestellt und ihr Verwandlungen, Kostüme aufpresst, die sie von sich aus nicht angenommen hätte. Versetzt man sich in die bilderschaffende Intelligenz von Eisenstein im Jahre 1929, dann geht es um Kräfte, die die Materie Formen annehmen lassen, von denen sie nie zu träumen wagte im größten aller Umkleidezimmer, der Welt des Kapitals."
Ob Sloterdijk, der Eisensteins Montageprinzipien hier punktgenau erfasst, ahnte, wie sehr sich Eisenstein damals für die unendlichen Metamorphosen begeisterte, die ein kalifornischer Trickfilmer auf die Leinwand zauberte? Vielleicht wäre ja auch Walt Disney, dem Eisenstein eine bis heute gültige Monographie widmete, kein schlechter Marx-Regisseur gewesen. Er schreibt darin: "Metamorphose ist kein Versprecher, denn liest man Ovid (will es scheinen), dass er einige Seiten förmlich bei Disney abgeschrieben hat..." Auch der Film hat einige Metamorphosen durchlaufen. Hier, im Programm eines Literaturverlags, entsteht dem Kino ein neuer Kontext.
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