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Bilder jüdischer Fotografen aus Litzmannstadt: Ein Hauch von Normalität im Ghetto

"Das Gesicht des Gettos" (so die Schreibweise des Originaltitels) heißt eine Fotodokumentation. Sie ist die erste Wechselausstellung der Stiftung Topographie des Terrors im neuen Gebäude in Berlin. Von Harry Nutt

Privatleben im Ghetto. Eine Aufnahme von Mendel Grossman.
Privatleben im Ghetto. Eine Aufnahme von Mendel Grossman.
Foto: Stiftung Topographie des Terrors

"Eine ganz frühe Erinnerung von mir ist, dass ich an einem langen Tisch sitze und mit einem Hölzchen Tabak in Zigarettenhülsen stopfe", schrieb der Berliner Schriftsteller Jurek Becker über seine Kindheit im Ghetto Litzmannstadt, das die Nazis von Dezember 1939 an in der polnischen Stadt Lodz einrichteten. Die Zigarettenfabrikation rettete Becker das Leben.

Er war noch keine zehn Jahre alt, aber sein Vater hatte ihn etwas älter gemacht. Kinder unter zehn wurden ermordet. "Ganz kleine Kinder", berichtet Becker, "wurden in Ghettos sozusagen als überflüssige Fresser betrachtet und sehr schnell deportiert."

Die Ausstellung

Topografie des Terrors: bis zum 10. Oktober 2010. Der Katalog kostet 8 Euro.

www.topographie.de

Das Ghetto Litzmannstadt gilt als Beispiel für die Radikalisierung nationalsozialistischer Judenpolitik, in dem die Ausbeutung und Ermordung der Juden systematisch geplant, zugespitzt und durchgeführt wurde. Noch kurz vor der Liquidation des Ghettos im August 1944 wurden die letzten 68.000 Bewohner nach Auschwitz gebracht und bis auf wenige Ausnahmen getötet.

"Das Gesicht des Gettos" (so die Schreibweise des Originaltitels) heißt eine Fotodokumentation, in der die Stiftung Topographie des Terrors ihre erste Wechselausstellung im neuen Gebäude gegenüber des Preußischen Landtags in Berlin zeigt. Im Rahmen ihrer Recherchen zu einem Gedenkbuch über die Berliner Juden in Litzmannstadt stießen Ingo Loose und Thomas Lutz bereits 2006 im Staatsarchiv Lodz auf etwa 12.000 Kontaktabzüge, die das Leben im Ghetto abbildeten.

Die nahezu unbekannten Fotos eröffnen einen detailreichen und zugleich einzigartigen Einblick ins Ghettoleben im von der deutschen Wehrmacht besetzten Polen. Historische Bedeutung erhalten die Bilder aber auch durch die besondere Beobachterperspektive. Es handelt sich um Auftragsarbeiten, die jüdische Fotografen, insbesondere Henryk Ross und Mendel Grossman, für den Judenrat, der jüdischen Selbstverwaltung des Ghettos, anfertigten. Sie machten Passfotos für Ausweise, gingen bald aber auch dazu über, das gesamte Alltagsleben abzubilden.

Im Ghetto Litzmannstadt wurde, gelitten, gehungert und gestorben, es wurde aber auch musiziert und Sport betrieben, gespielt und gefeiert. Auf irritierende Weise wechseln auf den Bildern die Dramen existenzieller Not mit einer beinahe leicht anmutenden Behauptung menschlicher Würde ab.

Die Fotos geben nicht zuletzt private Szenen wider, in denen Freude und Momente der Ausgelassenheit - ein Hauch von Normalität - nichts von einer permanenten Todesdrohung erahnen lassen. Der größere Teil dokumentiert jedoch das erbarmungslose Arbeitsleben im Ghetto, in dem allein der Ertrag die Hoffnung aufs Überleben gewährte.

Der legendäre Ältestenrat des Gettos, Chaim Rumkowski, verknüpfte mit dem Auftrag an die Fotografen die Hoffnung, dass die auf diese Weise dokumentierte Leistungsfähigkeit des Ghettos vor weiten Deportationen schützte. Die Fotos hatten also nicht zuletzt eine Art Werbecharakter, der so etwas wie ein positives Gettobewusstsein heraufbeschwören sollte. Unteraschwellig war mit der Bildproduktion aber auch die Aussicht auf Aufklärung über das tatsächliche Leben und Sterben im Ghetto verbunden.

Genau diese Ambivalenz ist es, die diese Fotos zu einem bewegend anschaulichen Fund zur zynischen Vernichtungspolitik des NS machen. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung über das Ghetto Litzmannstadt, wie wenig hilfreich die Unterscheidung von Täter- und Opferperspektive ist. Henryk Ross und Mendel Grossman erfüllten die Aufträge der Täter, zeigten sich aber zugleich äußerst kreativ im Umgang mit ihren begrenzten Gestaltungsspielräumen.

Es handelt sich nicht um eine Elendsfotografie in entlarvender Absicht. Man muss sehr genau hinsehen, um die destruktiven Mechanismen der Zwangsarbeit zu entdecken. Dass die Situation aber auch in eine Arithmetik der Verzweiflung münden konnte, verrät eine Rede Rumkowskis, der als Ältestenrat auch über Leben und Sterben zu entscheiden hatte. "Man verlangte von mir 24 000 Opfer" so Rumkowski, "doch es gelang mir, die Zahl auf 20 000 zu drücken, (...) allerdings unter der Bedingung, dass es Kinder bis zehn Jahren sind. Kinder über zehn Jahre sind sicher. Da die Kinder zusammen mit den Alten nur eine Zahl von ca. 13 000 ergeben, wird man die Menge erreichen müssen mit Kranken."

Mit der Ausstellung "Das Gesicht des Gettos" deutet die Stiftung Topographie des Terrors an, wie ihre künftige Erschließung der NS-Verbrechen aussehen könnte. Was in der SS-Schaltzentrale des Prinz-Albrecht-Palais Albrechtstraße in Berlin ersonnen wurde, hat anderswo zahlreiche Orte des Grauens hervorgerufen.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  23 | 6 | 2010
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