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23. März 2012

binooki-Verlag: Türkisch für Fortgeschrittene

 Von Astrid Kaminski
Oğuz Atay: Warten auf die Angst. Aus dem Türkischen von Recai Hallaç. 224 Seiten,15,90 Euro.Foto: binooki

Der neue Kreuzberger binooki-Verlag startet sein anspruchsvolles Programm mit einem türkischen Grantler: Oğuz Atay zieht die Grenzen zwischen Tragischem und Grotesken im Erzählband „Warten auf die Angst“ ähnlich virtuos dünn wie Autoren ostjüdischer Herkunft.

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Berlin –  

Ein Problem, das auf unterschiedlichstem Niveau vorkommen kann: „Ich (...) stecke in den Schwierigkeiten einer Sprache, mit der ich nicht gut umgehen kann“. So bekennt ein verzweifelt um Anerkennung ringender Briefeschreiber seinem Vorgesetzten, dem Adressaten des Briefes.

Und in diese Schwierigkeiten verschraubt sich der Schreiberling mit solch selbstzerstörerischer Ignoranz seinem eigenen Schamgefühl gegenüber, dass er sich aus der Peinlichkeit seiner eigenen Offenbarungen nie wieder hinauswinden wird können. Sein einziges Glück: Er hat den Brief nie abgeschickt.

Der Autor Oğuz Atay der diesen Briefeschreiber in seinem Erzählband  erfunden hat, schafft es darin verblüffend anschaulich, seine Protagonisten an ihren Seelen wie Fische an der Angel zappeln zu lassen – mit der sicheren, aber nie ausgespielten Gewissheit, dass sie daran irgendwann ersticken werden. Dabei zieht Atay die Grenzen zwischen Tragischem und Groteskem ähnlich virtuos dünn wie es vor allem Autoren ostjüdischer Herkunft, wie Isaac B. Singer, Bruno Schulz oder Franz Kafka, beherrscht haben.

Aus solchen Traditionszusammenhängen hat sich Atays Galgenhumor jedoch nicht entwickelt. Der schon 1977, mit 43 Jahren, in Istanbul gestorbene Autor ist einer der wichtigsten und viel zu spät übersetzten Vertreter des modernen türkischen Romans und dabei zugleich konsequenter Ablehner einer orientalisch-osmanischen Ornamentik.

Seine prägnanten Sätze sind im vorliegenden Band zwar stellenweise von russisch anmutender, ausholender Verbindlichkeit, ansonsten aber kurz und knapp, voller Gram und Ingrimm, dabei jedoch stets von einem selbstironischen Doppelgänger flankiert.

Klaustrophobische Halluzinationen

Im Bezug auf die Anzahl der Hassobjekte seiner Alter Egos könnte man Atay mit Thomas Bernhard messen, an seinen klaustrophobischen Halluzinationen und seinem „Brief an meinen Vater“ gemessen, könnte er als türkischer Kafka gelten. Mit seinem gesetzmäßigen Einsamkeitsextremismus steht er wiederum beiden nah: „Je mehr ich mich davor fürchte, allein zu bleiben, umso mehr nimmt meine Einsamkeit zu.“

Die acht Texte in „Warten auf die Angst“ können nicht alle als klassische Erzählungen gelten. Mehr als das Formale verbindet sie ihre Ansiedlung zwischen realistischem Figuren-Innenleben und magischem Realismus, Verrücktem und Entrücktem.

In der titelgebenden Erzählung lässt Atay das Innenleben seines Ich-Erzählers meisterhaft in die Alltagswirklichkeit entgleisen: Durch den – vielleicht fingierten – Brief einer Geheimgesellschaft wird dessen Existenz fast bis zur völligen Isolation getrieben. Immer schwerer fällt es dabei, zu unterscheiden, ab welchem Punkt das Realitätsbewusstsein des Protagonisten weltflüchtig geworden ist. Unmöglichkeiten sind hier die Abgründe des Möglichen, Selbstverluste die Folgen von Selbstreflexion.

2009 erschien mit „Der Mathematiker“ die erste deutsche Übersetzung Atays in der 2010 abgeschlossenen Türkischen Bibliothek im Unionsverlag. Nun endlich hat der noch ganz junge Kreuzberger binooki-Verlag mit dem Erzählband, der das Verlagsprogramm zugleich eröffnete, nachgelegt. Eine vielversprechende Wahl.

In ein charakterstarkes Deutsch übersetzt wurde von Recai Hallaç, der vor vier Jahren auch schon einmal als Verleger hervorgetreten war und die Edition Galata gegründet, allerdings bald wieder eingestellt hatte. Sein Ziel, türkische Gegenwartsliteratur und zeitlose Klassiker in Deutschland bekannt zu machen, teilen die türkeistämmigen binooki-Verlegerschwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye.

Ihr frischer Auftritt auf der letzten Leipziger Buchmesse verspricht dabei Durchhaltevermögen. Für SelmaWels, die zwölf Jahre jünger ist als ihre Schwester, und durch die schnelle Integration der Einwandererfamilie einen stärkeren Zugang zur deutschen Muttersprache hat, ist die Verlagsarbeit dabei auch eine Chance, endlich untereinander in den Dialog über türkische Autoren treten zu können.

„Wenn’s den mal auf Deutsch gibt, lese ich ihn auch“, hatte Wels früher, wenn es um Oğuz Atay und andere ging, gesagt. Jetzt haben es die Schwestern zum Glück für uns satt, darauf zu warten und die Sache selbst in die Hand genommen. 

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