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25. Juni 2012

Blasphemie-Debatte: Her mit dem Blasphemie-Gesetz!

 Von Ingo Schulze
Ging doch: Früher landeten Gotteslästerer auch auf dem Scheiterhaufen.  Foto: imago

Kunst verdient doch nur dann ihren Namen, wenn ihr ein Leidensdruck zugrunde liegt. Oder hat die Fatwa Rushdie etwa geschadet? Schriftsteller Ingo Schulze antwortet Martin Mosebach.

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Leider habe ich erst gestern den Essay „Vom Wert des Verbietens“ von Martin Mosebach gelesen – mit Staunen und großer innerer Bewegtheit. Gern hätte ich schon früher meiner Zustimmung Ausdruck verliehen. Denn Martin Mosebach vermag so offen wie kühn wie niemand sonst im deutschen Feuilleton einen Bogen von der Religion über die politische Verfasstheit unseres Staates bis hin zur Ästhetik zu schlagen.

Schon vor einigen Wochen hatte mir Martin Mosebachs Deutung der unleugbaren Tatsache, dass der östliche Teil Deutschlands im Vergleich zum westlichen Teil praktisch nicht innovativ tätig wird, die Augen geöffnet. Gegen alle gängigen Erklärungsmuster verhalf Martin Mosebach dem Tatbestand zur Evidenz, dass nicht nur der verordnete DDR-Atheismus das Land ruiniert hat, sondern dass das Übel letztlich mit Luther als geistigem Brandstifter begann. Ohne Luther kein Bauernkrieg und erst recht kein Dreißigjähriger Krieg. Ich habe den Gedanken weitergesponnen und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Übersetzung der Bibel ins Deutsche keine gute Idee gewesen ist. Die Kirchensprache ist nun mal Latein. Und wir hätten besser daran getan, das zu akzeptieren und Latein und zumindest das simple Griechisch des Neuen Testamentes zu lernen (und die Gebildeten unter uns noch das gar nicht so schwierige Hebräisch), als aus Bequemlichkeit zu Übersetzungen zu greifen. Aber das nur nebenbei.

In unserer Gesellschaft, in der Beliebigkeit und Hedonismus Tag für Tag mit Freiheit und Unabhängigkeit verwechselt werden, ist der Ruf nach verbindlichen Richtlinien, die auch durch juristische Konsequenzen robust abgesichert werden, mutig und notwendig und für die Literatur ein Segen. Zumindest sehe ich keinen anderen Weg, wie unserer müden Gegenwartsliteratur wieder auf die Beine geholfen werden kann.

Kunst braucht Leidensdruck

Deshalb sollten gerade Schriftsteller die Forderung nach einem Blasphemiegesetz nicht leichtfertig abtun. Es gehört zu den unangenehmen aber durch Erfahrun-gen gesicherten Wahrheiten, dass Kunst nur dann ihren Namen verdient, wenn ihr ein entsprechend starker Leidensdruck zugrunde liegt. Ohne Leiden keine Kunst und keine Literatur. Das weiß eigentlich jeder. Nur handelt niemand danach. Wer wollte heute noch bestreiten, dass die Autonomie von Kunst und Literatur der Literatur und Kunst nicht gut getan haben, dass die Autonomie die Literatur in eine Ödnis des Anything-goes geleitet hat, wo sie nun still vor sich hin grast und wiederkäut, was seit Jahrhunderten Gemeingut ist. Gerade die Literatur braucht – gar nicht horribile dictu – Verbote und Grenzen.

Entgegnung auf Martin Mosebach

Der Schriftsteller Ingo Schulze bezieht sich in diesem Text auf einen Artikel von Martin Mosebach „Vom Wert des Verbietens“, in dem der Schriftsteller die These vertritt, es sei der Kunst und dem sozialen Klima dienlich, Blasphemie unter Strafe zu stellen. Ein Autor habe die Folgen seiner Gotteslästerung, auch existenzielle, zu tragen.


Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, studierte klassische Philologie und Germanistik in Jena, war bis 1990 Schauspieldramaturg am Landestheater Altenburg und gründete im selben Jahr das unabhängige Altenburger Wochenblatt.

Zu seinen bekanntesten Werken gehören „33 Augenblicke des Glücks“, „Simple Storys“ und „Adam und Evelyn“. Der mit zahlreichen Preisen geehrte Autor lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Berlin.

Martin Mosebach ist der erste namhafte Intellektuelle, der öffentlich auszusprechen wagt, was bei mir schon lange innerste Überzeugung ist. „Entgegen der Forderung nach unbedingter Freiheit, die Künstler gern beanspruchen, ist in der Geschichte der Kunst die Beschränkung dieser Freiheit der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen. Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert; berühmt ist die Devise ,Die Zensur verfeinert den Stil’ oder die Maxime des wahrhaft zensurerfahrenen Karl Kraus: ,Ein Satz, den der Zensor versteht, wird zurecht verboten.’“

Schon allein ein Satz wie: „Gott ist tot“, wäre bei einem Blasphemiegesetz, wie ich es mir vorstelle, ganz sicher nicht so kurz und eindimensional ausgefallen. Ein Blasphemiegesetz wäre dem Autor Ansporn und Zuchtmeister gewesen, seine Formulierungskünste in die kühlen Höhen von schillernder Ambivalenz zu treiben, von der Poesie bekanntlich lebt. Und sie hätte den Verfasser zudem vor logischem Unsinn bewahrt, wie er ihm durch die contradictio in adiecto von dem Substantiv „Gott“ und dem Adverb „tot“ unterlaufen ist.

Oder nehmen Sie Lessings „Nathan der Weise“. Eine derart eindimensionale Figur wie den Patriarchen zu schaffen, der nichts weiter zu sagen hat, als: „Tut nichts! der Jude wird verbrannt!“, und das auch noch unter dem Hinweis auf eine dem christlichen Glauben angeblich immanente Logik, ist nach heutigen Maßstäben viel zu undifferenziert. Auch hier hätte juristischer Druck den Dramatiker sicherlich zu einer wahrhaftigeren Darstellung der Welt anhalten können.

Leider ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dass diejenigen, die in der Zensurbehörde der DDR der Literatur dienten, bei ihrem Einstellungsgespräch nicht nur die Parabel über den Großinquisitor aus den Brüdern Karamasow von Fjodor Dostojewski im Original zu lesen hatten, sie mussten auch eine fiktive Verteidigungsrede für den Großinquisitor halten, der den wiedergekehrten Jesus verbrennen will. Da half einem nicht wie sonst die übliche Parteilichkeit weiter, da musste man schon über die Dialektik von Buchstabenweisheit und real existierender Institution disputieren.

Martin Mosebach bezieht sich wohl unausgesprochen auf den Satz des Großinquisitors: „Denn die menschliche Natur vermag Gotteslästerung nicht zu ertragen und straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen Menschen nach allem, was Du für deren Freiheit gelitten hast.“ Ist es da nicht besser, es findet sich jemand, der straft? Wen Gott liebt, den schlägt er. Wen wir ernst nehmen, den bestrafen wir. Und was wünscht sich ein Schriftsteller mehr, als ernst genommen zu werden? Bei unseren Disputationen in der Behörde wurde am Ende jedem von uns klar, dass Jesus, selbst wenn er sich dagegen gesträubt hätte, tatsächlich kein besserer Dienst hätte erwiesen werden können, als ihn ans Kreuz zu schlagen. Oder anders gefragt: Was wäre Jesus ohne Kreuz?! Erst die Kreuzigung bringt – um einen schönen Mosebachschen Ausdruck aufzugreifen – Musik in die Geschichte.

Ingo Schulze.
Ingo Schulze.
 Foto: AP

Und so ist es auch mit der Literatur. Was können Autoren heute noch riskieren, selbst wenn sie es wollten. Wo haben sie überhaupt noch die Möglichkeit, seelische und charakterliche Größe zu beweisen? Dementsprechend sehen die Bücher unserer Gegenwartsliteratur auch aus. Ihnen fehlt, kurz gesagt, das Kreuz.

Um nicht in den Verdacht zu geraten, Mosebach unkritisch gegenüberzustehen, möchte ich anmerken, dass die von ihm offenbar zustimmend zitierte Beobachtung von Karl Kraus zumindest nicht jener Wirklichkeit entspricht, die ich kennenlernen durfte. Wir Zensoren haben alles verstanden, auch unsere besten Autoren. Wir verstanden sogar meist mehr als diese selbst. Insofern fühle ich mich berechtigt zu prognostizieren, dass eine staatliche Institution, die Neuerscheinungen unter dem Gesichtspunkt eines Blasphemieparagrafen prüft, dem jeweiligen Text bedeutende Interpretationen hinzuzufügen in der Lage wäre. Aber das nur am Rande.

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