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Bloß ein Hund?: Mein letztes Weihnachtsfest in Bandra

Wir lebten in Bandra, einem Vorort von Mumbai, in den 1970er Jahren, als ich dort am örtlichen Gericht tätig war. Von Aravind Adiga

Aravind Adiga wurde 1974 in Chennai geboren und wuchs in Mangaluru auf.
Aravind Adiga wurde 1974 in Chennai geboren und wuchs in Mangaluru auf.
Foto: rtr

Wir lebten in Bandra, einem Vorort von Mumbai, in den 1970er Jahren, als ich dort am örtlichen Gericht tätig war. Die Richterwohnung befand sich in einem alten Gebäude am Ende von Waterfield Road. Das war das schönste Haus, in dem meine Frau und ich je gewohnt haben. Unsere Vermieterin, eine ältere Dame aus Goa namens Mrs Rego, hatte Kokosnusspalmen im Vorgarten angepflanzt, und das Meer war nur fünf Minuten entfernt an der Carter Road.

Meine Amtszeit endete 1979, und schon ab April sagte meine Frau des öfteren zu mir: "Warum kaufen wir uns hier in der Gegend kein Haus?"

Zur Person

Aravind Adiga wurde 1974 in Chennai geboren und wuchs in Mangaluru auf. 1990 emigrierte er mit seiner Familie nach Sydney. Nach dem College-Abschluss studierte er zunächst an der James Ruse Landwirtschaftsschule, bevor er an die Columbia University, New York, ging, um englische Literatur zu studieren. Er wurde Journalist und arbeitete für die Financial Times, das Wall Street Journal und für Money.

Inzwischen lebt Adiga in Mumbai. In seiner Freizeit neben seiner journalistischen Arbeit schrieb er den Roman "The White Tiger" ("Der weiße Tiger", C.H. Beck, München), für den er in diesem Jahr den Booker Prize erhielt. Schon vor der Preisvergabe fand der Roman in unbekannter, aber hoher Auflage, nämlich als Raubdruck, in Indien Verbreitung.

Wir sahen uns sogar in Pali Hill und auf der Turner Road um, wo die Filmstars wohnen. Sie müssen jetzt nicht denken, dass ich einen Haufen Geld auf einem Schweizer Nummernkonto gehabt hätte. Weit gefehlt - ich war ein ehrlicher Richter. Die Leute hatten in den 1970ern Indien den Rücken gekehrt. Jeder junge Mann wollte so schnell wie möglich seine Sachen packen und nach Amerika auswandern. In jenem Jahrzehnt waren die Grundstückpreise in Mumbai niedrig, und so war im Jahre 1979 ein nettes Plätzchen in Bandra zum ersten und letzten Mal seit Indiens Unabhängigkeit für einen ehrlichen Bürger dieses Landes erschwinglich.

Meine Freunde fragen mich noch heute: "Warum hast Du damals nicht etwas gekauft, bei den Preisen? Du würdest jetzt neben den Filmstars wohnen."

Ich habe nicht so viel übrig für Filme. Was ich aber vermisse, sind die Kirchen. Meine Frau und ich sind zwar keine Christen, hätten es aber durchaus werden können. Als ich unten im südlichen Mangaluru aufwuchs, nahmen mich die Priester an meiner jesuitischen Schule in den Katechismusunterricht mit, stellten mich vor die Klasse und erklärten: "In diesem Brahmanensohn lebt der Geist des alten Testaments." Und dann, man soll es kaum glauben, musste ich den gelangweilten Christenjungen die Geschichten aus der Bibel vortragen: von dem großen König David, von Samson, dem Starken und Salomon, dem Weisen.

Die Geschichten der Propheten haben mich tief beeindruckt, und ich glaube, dass ich deswegen Richter geworden bin.

Die meisten der Fälle vor meinem Gericht waren Bagatellen: Familienstreitigkeiten, Besitzrecht - da ging es vor allem darum, den Gesetzestext genau zu lesen und anzuwenden. Aber manchmal gab es auch Kriminalfälle, und dann war eine Eigenschaft gefragt, die über den Buchstaben des Gesetzes hinausging: Mitgefühl.

Wenn die Polizei einen Burschen in schmutzigen Kleidern in den Gerichtssaal schubste und sagte, der Mann habe in einem Hotel oder von einem Geschäftsmann auf der Linking Road Geld gestohlen, lautete meine erste Frage stets: "Haben Sie dem Mann die Gelegenheit gegeben, seine Sicht der Dinge darzulegen?" Wenn ich die Wahl zwischen der Polizei und den Armen hatte, wusste ich, wem ich eher Glauben schenken mochte. Aus diesem Grund gibt es in Bandra heute noch Beamte, die bei der Erwähnung meines Namens ausrufen: "Dieser verdammte Richter aus dem Süden!"

Zu jener Zeit war mir ein Dienstwagen samt Chauffeur zugeteilt. Der Chauffeur hieß Antony und war Christ. Abends, während ich noch über die Fälle des Tages nachdachte, fuhr Antony mich nach Hause. Kurz bevor wir auf das Tor von Mrs Regos Haus zukamen und Antony herunterschaltete und die Fahrt verlangsamte, passierten wir stets eine Müllhalde, auf die das Licht unserer Scheinwerfer fiel. Unter all dem Abfall fiel mir immer eine Sache ins Auge: ein Haufen abgeschnittener Hühnerfüße, die dort jeden Abend von irgendeinem Metzger entsorgt wurden und die sich immer heftig hin und herbewegten, als wären sie etwas Lebendiges, während die Ratten wie wild an ihnen rissen und nagten.

Jedes Mal, wenn ich diese Hühnerfüße sah, dachte ich an die Sultane, die in unserer barbarischen Vergangenheit herrschten und gemäß der Scharia vermeintlichen Verbrechern Hände und Beine abschlagen und diese Gliedmaßen in einer Ecke ihrer vermeintlichen Gerichtshöfe aufhäufen ließen.

Wenn Antony dann an der Müllhalde vorbei zu unserem schönen Haus fuhr, überkam mich immer ein bestimmtes Gefühl der Befriedigung, und ich dachte daran, wie weit sich unser Land trotz aller Schwierigkeiten entwickelt hatte und wie ich in bescheidenem Maße zu dieser Entwicklung beitrug.

Meine Unbestechlichkeit blieb nicht unbemerkt. Der große Rechtsanwalt Nani Palkiwala sagte in einem offiziellen Gespräch mit dem indischen Justizminister: "Dieser junge Mann wird bald im Obersten Gerichtshof von Indien sitzen." Trotzdem wurde ich bei der Beförderung übergangen. Die Regierung wollte nicht zu viele unbestechliche Richter auf einmal im Obersten Gerichtshof. Und obwohl es mich schmerzte, übergangen worden zu sein, war ich entschlossen, während der letzten Monate meiner Amtszeit nicht zu schmollen, sondern meine Arbeit mit unvermindertem Enthusiasmus zu machen.

Eine meiner eher ungewöhnlichen Aufgaben bestand darin, jeden Samstag die Adoptionsanträge ausländischer Paare zu unterzeichnen. Meinen Kollegen war diese Arbeit verhasst. Einige dachten, es sei unter ihrer Würde. Andere fanden es demütigend, dass Ausländer unsere Kinder aus den Waisenhäusern holen kamen, als wäre ganz Indien ein einziger großer Menschenmarkt.

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Autor:  ARAVIND ADIGA
Datum:  24 | 12 | 2008
Seiten:  1 2 3
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