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21. Juni 2008

Boris Groys in eigenen Worten: Bilder einer Ausstellung

Boris Groys vor Yuri Alberts Arbeit "Für Taubstumme (Was will uns der Künstler damit sagen)". Aus der Serie "Elitär-demokratische Kunst", 1987. Foto: Boeckheler

Kurator Boris Groys zur ersten Ausstellung über die Moskauer Konzeptkunst zwischen 1960 und 1990.

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Die Frankfurter Schirn zeigt unter dem Titel "Die totale Aufklärung" 130 Arbeiten von 30 Künstlern der Moskauer Konzeptkunst der Jahre 1960 bis 1990. Es ist - weltweit - die erste Ausstellung, die dieser wichtigsten russischen Künstlergruppe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet wird.

Boris Groys, geboren 1947, einflussreicher in Karlsruhe lehrender Kulturphilosoph, war seit den 70er Jahren Mitglied der Gruppe. Er hat die Ausstellung kuratiert und er zeigt sie den Rundschau-Lesern in einem Blitzdurchgang.

Die Ausstellung ist von heute an bis zum 14. September geöffnet. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet in der Schirn 29,80 Euro. www. schirn.de

Das ist die erste Ausstellung über die Moskauer Konzeptkunst zwischen 1960 und 1990. Auch in Russland gab es noch nichts Vergleichbares. Einzelne Künstler, einzelne Kunstwerke daraus wurden und werden auf Ausstellungen gezeigt, aber einen Überblick über die ganze Szene gab es noch nicht.

Besonders wichtig sind mir die Anfänge dieser Kunst. Ich bin mit ihr aufgewachsen. In den 70er Jahren. Sehen Sie hier die Männer im Schnee? Alle schwer vermummt. Es war eiskalt. Wenn Sie genau hinschauen, links außen, das bin ich. Und hier, sehen Sie da dieses Banner? Da steht drauf: "Ich war noch nicht hier, aber ich denke, dass sich dieser Ort in nichts von allen anderen unterscheidet." Das war Mitte der 70er Jahre. Es gab den offiziellen Sozialistischen Realismus in seinen hundert Spielarten, es gab die Künstler, die sich von ihm absetzen wollten und mit dem Surrealismus liebäugelten - hinten im Labyrinth gibt es eine Mappe, da können Sie sich diese Sachen ansehen.

Die Moskauer Konzeptkunst dagegen war etwas ganz anderes. Sie negierte nicht den Sozialistischen Realismus: Sie spielte mit ihm. Sehen Sie hier: Das ist ein Gemälde von Ilya Kabakov aus dem Jahre 1983. Er hat eine Schwarzweiß-Vorlage eines Gemäldes von Alechin, "Geprüft", das eine Situation bei einer Parteisäuberung verherrlicht, mit Farben versehen. Oder hier die "Laika" von Komar und Melamid. Laika war die Hündin, die als erstes Lebewesen ins All geschickt wurde. Und hier gleich daneben von Kosolapov "Lenin-Coca-Cola". Das allerdings viel später entstanden. 1993. Ein Nachzügler. Die Betrachter im Westen denken bei diesen Bildern gerne an die amerikanische Popart und fragen nach ihrem Einfluss auf die russischen Künstler. Es gab ihn. Aber er war gering.

Ich glaube, es handelt sich um parallele Vorgänge. In beiden Gesellschaften - auf der ganzen Welt - entstand so etwas wie eine Massenkultur mit neuen Bilderwelten. Russland, die Sowjetunion war überschwemmt von Bildern und Texten. Wir wurden vollgepumpt mit Ideologie, an jeder Häuserwand, an jeder Straßenbahnhaltestelle.

Im Westen waren es die Waren, deren Bilder überall hin gespült wurden, in Russland war es die Ideologie. Aber Massenkultur war beides. Und so waren auch die Reaktionen auf diese Massenkultur ähnlich. Wir mussten einander nicht kopieren. Wir lebten in derselben Welt. Es gibt eben nicht nur eine Moderne.

Der Westen glaubt, je mehr man ihm ähnele, desto moderner sei man. Das ist ein Irrtum. Die Sowjetunion war auch eine Moderne. Und betrachten Sie die indische Kunst der vergangenen Jahrzehnte: Das ist auch auf der Basis der Massenkultur wieder eine andere Moderne. Es ist höchste Zeit, dass der Westen zu begreifen beginnt, dass die Moderne sehr viele sehr unterschiedliche Gesichter hat und dass es niemals eine einzige Moderne geben wird. Die jungen russischen Künstler heute greifen auf die sowjetischen Bilder und Texte viel stärker zurück, als es die Generation vor ihnen getan hat. Sie haben das Gefühl - mir geht es genauso -, dass die Moderne, aus der sie kommen, noch nicht richtig verstanden wird.

Sehen Sie da drüben das schwarze Schild von Monastyrski, das ist das Schwarze Loch, der Tod, um den sich das Leben organisiert. Jeder Sinn formiert sich um den Unsinn. Alles strukturiert sich um das Absurde herum. Wir können ihm nicht entgehen. Dmitri Prigov hat von den 80ern bis in die 90er Jahre hinein obsessive Begriffe der jeweiligen Zeit, "Korruption", "Glasnost" oder auch "Serben", "Schwäche", "Geheimnis" auf Zeitungspapier wie gebrannt. Es sind Begriffe, die starke Evokationen hatten oder noch oder wieder haben. Er hat sie auf diesen Blättern eingefangen, vorgeführt, vor Augen gestellt.

Natürlich hat die besondere gesellschaftliche Situation dieser Kunst auch auf sie zurückgewirkt. Sie hatte keinen Markt. Die Künstler produzierten nicht für eine Nachfrage, sie folgten nicht den Bedürfnissen der anderen, sondern nur den eigenen. Dadurch haben die meisten Werke etwas für den westlichen Betrachter ungewohnt Privates. Der Künstler hat an nichts Kommerzielles gedacht, nicht an Käufer und nicht an sein Image. In der Sowjetunion war Kunst keine Ware. Schon gar nicht die Moskauer Konzeptkunst. Sie war es auch nicht im Westen. Lange Zeit wurde sie nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn gekauft. Selbst die Sammlung Ludwig hat sie erst in den letzten Jahren erworben.

Jetzt allerdings gehen die Preise in die Höhe. Der Grund ist einfach. Die reichen Russen haben angefangen, diese Kunst zu kaufen. Sie kaufen wie verrückt. Das war ein Problem auch für unsere Ausstellung. Arbeiten wechselten während der Vorbereitung ihre Besitzer. Wir mussten neu verhandeln, und auf das eine oder andere Objekt mussten wir dann verzichten, weil der neue Besitzer es nicht ausleihen wollte. Auch die Versicherungssummen änderten sich. Als wir die Ausstellung konzipierten, war es ein Randthema. Jetzt liegt die Moskauer Konzeptkunst ganz im Trend. Das hat auch mit etwas ganz Einfachem zu tun. Die russischen Käufer haben ein sehr sentimentales Verhältnis zu dieser Kunst. Es ist die Kunst ihrer Jugend. Es ist ein Spiegel der Welt, aus der auch sie kommen, und die eigenartige Verbindung von Schrecken, Liebe und Ironie, die diese Kunst prägt, ist ihrem eigenen Verhältnis zur sowjetischen Vergangenheit nicht unähnlich.

Je stärker der Westen ihnen vorwirft, es habe einen russischen Imperialismus gegeben, desto mehr identifizieren sie sich damit und wollen ihn wiederhaben. Als diese Kunst entstand, war sie das Produkt einer Vielvölkerbohème, die in Moskau zusammenkam und eigene Wege suchte, heute wird sie gekauft und gehandelt als Dokument eines glorreichen, frechen Aufbruchs ins neue Russland.

Aufgezeichnet von Esther Jacobs

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