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Botticelli im Frankfurter Städel: Schönheit im Gemetzel

Zur Schönheit Botticellis gehört, dass sie vom Hässlichen nicht redet, dass sie es zudeckt. Das gehört zu ihrer Reinheit. Dieser Schönheit ist nicht anzusehen, wogegen sie entstand, wovon sie uns ablenken möchte. Sie will nichts sein als schön. Das ist überwältigend. Damals aber standen die Menschen davor mit blutbefleckten Händen und haben diese Schönheit erkannt als Gegenbild und Reklame zugleich. Als Reklame für die Sieger und als Verheißung einer schöneren Welt.

Aber der Olivenzweig, den Botticellis Judith als Zeichen des Friedens in der Linken hält, trügt. Frieden gab es in diesen Stadtrepubliken nie. Keine Generation, in der kein Aufstand war, kein Jahrzehnt, in dem nicht die eine Stadt die andere bekriegte. Botticellis Schönheit ist die Schönheit im Gemetzel. Seine Menschen intrigieren gegeneinander. Ja, sie ermorden einander. Noch die zarteste Judith wird nicht zögern, einem Holofernes im richtigen Augenblick den Kopf abzuschlagen. Das macht sie nicht hässlich. Es steigert ihre Schönheit.

Auf einem der berühmtesten Bilder Botticellis - man muss nach Florenz fahren, um es zu sehen - , zeigt er, wie aus einer Nymphe eine Frau wird, nachdem sie vom Ehemann vergewaltigt wurde. Er zeigt es so, dass wir es nicht sehen, sonder unschuldig begeistert vor dem "Frühling" stehen und uns nicht sattsehen können an der Flora, die aus der Defloration hervorgegangen ist.

Wer der Simonetta auf der gegenüberliegenden Seite auf den Hals schaut, der entdeckt dort ein Medaillon. Wer genauer hinsieht, erkennt Apoll und Marsyas. Es ist eine Gemme, die Lorenzo de´ Medici 1487 erwarb. Man hielt sie damals für das Werk des griechischen Bildhauers Polyklet.

Marsyas spielte Kythara und hatte Apoll zum Wettstreit aufgefordert. Die Musen ernannten den Gott zum Sieger. Der ließ Marsyas auf einer Fichte aufhängen und ihm bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Das war die Strafe dafür, dass ein Sterblicher den Gott herausgefordert hatte.

Wer also genau hinschaut, der sieht dann doch, dass auch hier die Gewalt nicht ausgeschlossen, nicht ganz und gar verdeckt, sondern zitiert wird. Die Schönheit der jungen Frau wird gesteigert, wenn man sich klarmacht, mit welchen Brutalitäten sie sich beschäfigt, ja schmückt. Keinem der Pazzi-Parteigänger wurde wegen Hybris die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen. Aber durch die Stadt gejagt und zu Tode getreten, im Arno ertränkt, das war doch gerade erst zigfach passiert. Die schöne Gemme der schönen Frau war auch ein Warnschild. Nicht nur Verführung sondern auch eine Drohung. Zur Bellezza gehört die Kälte, die Erbarmungslosigkeit. Damals wie heute.

Eine vergleichbare Botticelli-Ausstellung hat es noch nie gegeben. Man geht hindurch voller Freude. Entzückt und beglückt. Man sieht die vier Tafeln mit den Leben und Wundertaten des Heiligen Zenobius zusammen. Nie wieder wird man dazu die Gelegenheit haben. Und doch ist der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, ein völlig abwegiger, nebensächlich-dummer: Warum sind die Londoner Tafeln so hell? Und warum ist die Dresdner so dunkel? Und schon denkt man: Die Übersetzer erklären uns: Du liest nicht Dante oder Philip Roth. Du liest uns, die Übersetzer. Bei den Bildern ist es nicht anders: Wir sehen nicht Botticelli. Wir sehen die Restauratoren. Es macht doch einen Unterschied, ob weiß so totweiß, so Dekoweiß ist wie auf den Bildern aus London oder so gar nicht weiß wie auf der Dresdner Tafel. Wie sah Botticellis Weiß aus?

Dumme Gedanken, Nebenprobleme. Aber es ist wichtig, dass wir sie haben, dass wir verstehen, durch wie viele Filter unsere Wahrnehmung gebrochen ist. Was alles sich stellt zwischen uns und den Maler. Noch verrückter sind die nazarenischen Popfarben des Tondos aus Houston. Ich weiß nicht, wie die Drucker der Frankfurter Rundschau "Die Anbetung des Kindes" auf dieser Seite aussehen lassen, aber gehen Sie in die Ausstellung, schauen Sie an, was fleißige, akribische, unter einer Lupe arbeitende Hände da hingelegt haben. Dem Laien scheint das absurd. Er steht vor diesem Bild und lacht. Wie satt die Farben aufgetragen sind. Josephs Stoff hat so gut wie keine Struktur. So durfte in Florenz damals niemand arbeiten. In der Stadt standen Hunderte Webstühle. Vor diesen Bildern standen die Experten einer der wichtigsten Textilindustrien Europas. Für Umhänge wie diese hier hätten sie Botticelli seine Judith auf den Hals geschickt, dass sie ihm den Kopf abschlage.

Zur Schönheit gehört die des Materials. Es glänzen zu lassen, mit ihm zu prunken und Arme wie Reiche zu beeindrucken, war eine der Hauptaufgaben der Malerei. Nicht nur der weltlichen. Auch Madonnen und Heilige waren Ausstattungsstücke. Sehr zum Ärger eines Predigers, der gewissermaßen der Counterpart Botticellis war: Savonarola. Er predigte gegen den Luxus, gegen die Schönheit. Er prangerte an, dass die Reichen sich als Heilige darstellen ließen. Exakt das hatte Botticelli bei seiner Anbetung der Heiligen drei Könige mit den Medici getan.

Die Macht der Medici hatte sich mit der Schönheit gegen Savonarolas Glauben verbündet. Aber der Fanatismus Savonarolas trug erst einmal den Sieg davon die Medici wurden aus der Stadt vertrieben. Über die Einzelheiten der Auseinandersetzungen und der Verflechtungen des Malers mit und gegen Savonarola streiten die Experten. Es gibt und es gab von Anfang jede Menge Legenden dazu. Thomas Mann hat sein einziges Drama "Fiorenza" diesem Konflikt gewidmet.

Eine Weile glaubten wir, wir wären der stählernen Macht der Bellezza - die Simonetta auf der Seite gegenüber trägt unter ihrem Hemd einen Panzer - entkommen, hätten uns zum Ärger von Katl Heinz Bohrer eingerichtet in der trüben Mittelmäigkeit unserer Gartenzwergästhetik. Aber inzwischen kommt die Macht nicht mehr aus ohne die Schönheit. Auch wir haben einen Kulturminister, der sich als Propagandaminister begreift. Wir warten auf den Botticelli unserer Banker. Es wäre uns eine Lust seine Bilder anzuschauen, aber ein schlechtes Zeichen für uns.

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Datum:  12 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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