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12. November 2009

Botticelli im Frankfurter Städel: Schönheit im Gemetzel

Sandro Botticelli: "Allegorisches Bildnis einer Frau" (Bild: Botticelli, Städel Museum). Foto: Städel

Eine solche Botticelli-Ausstellung hat es noch nie gegeben. Man sieht alle vier Tafeln mit den Leben und Wundertaten des Heiligen Zenobius. Nie wieder wird man dazu die Gelegenheit haben. Von Arno Widmann

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Die Gelehrten streiten darüber, ob Botticelli (1445-1510) so gelehrt war, wie sie sein müssen, um seine Bilder zu entziffern. Wer nachschlägt bei Ovid oder Lukrez, der wird "Die Geburt der Venus" begreifen. Die Bilder füllen sich nach der Lektüre der Klassiker mit Bedeutung. Kaum ein Künstler hat die Erzählungen der Alten so genau umgesetzt wie Botticelli. Wir wollen das hier nicht herunterspielen. Wissen schadet der Lust nicht. Es nährt sie.

Aber gestern haben wir gelesen und morgen werden wir werden lesen. Heute haben wir die Bilder gesehen. Schreiben wir nicht über das, was wir wissen, sondern über das, was wir sehen.

Sandro Botticelli ist der Maler der Bellezza. Das berühmte Idealbildnis einer jungen Frau, wahrscheinlich die Profilansicht von Simonetta Vespucci, ist der Prototyp einer Schönheit, die Botticelli unter die Leute brachte wie Hugh Hefner Anna Nicole Smith. Simonettas bevölkern Botticellis Gemälde. Sie ist Venus und Flora, Minerva und die Grazien. Sie ist das Pin-Up-Girl des Goldenen Zeitalters der Stadt Florenz. Sie war, um mit der Wahrheit herauszurücken, mein allererstes Pin-Up-Girl. Eine Reproduktion des Städel-Bildes hing bei einer meiner Tanten. Ich war kaum zehn, als ich mich in sie verguckte. Seit dem 19. Jahrhundert, seit den Nazarenern und den Präraffaeliten, ist dieser Frauentypus wieder en vogue. Es sind blonde junge Frauen in wallenden - Woodstock lässt grüßen - Gewändern. Sie sind Nymphen und Grazien. Ihre Gesichter sind so spitz wie die junger Mädchen. Aber sie haben Busen und - wichtiger noch - Bauch. Viele der Bilder, an die wird denken, wenn wir an Botticelli denken, haben mit Hochzeit zu tun. Es geht also um Fruchtbarkeit. Da muss eine Frau Bauch zeigen. Dass sie gleichzeitig noch ein Mädchen sein soll, das machte ihren Reiz aus.

Auch das 19. Jahrhundert entflammte für diese Kombination. Die "Belle dame sans merci" machte seit Keats Gedicht Karriere. Botticellis Judith aus dem Museum in Cincinatti zeigt Simonetta als Judith. in der rechten Hand hält sie das Schwert des Holofernes, in der linken einen Olivenzweig. Neben ihr die Magd mit einem Korb auf dem Kopf, aus dem lugt das abgeschlagene Haupt des assyrischen Feldherrn.

Schmalgesichtig, mit langem Hals , schnellfüßig, zart aber dabei gnaden- und mitleidlos wenn es um die Durchsetzung der Ziele geht, die sie sich vorgenommen haben. So sind diese Damen. So wünscht sie sich die florentinische republikanische Aristokratie, davon schwärmten ihre Dichter, so malten sie ihre Maler. Und keiner malte sie attraktiver als Sandro Botticelli.

Es ist eine Schönheit, bei der die Assoziation der Reinheit, der Keuschheit ganz wesentlich war. Eine Schönheit, die nicht wirkt durch das, was sie selbst empfindet, sondern durch die Empfindungen, die sie weckt. Es geht um Projektion, um das Bedienen eines Klischees. Man nennt das in vornehmeren Kreisen ein Ideal.

Zum Ideal gehört, dass die einzelne Frau darin verschwindet. So hat die Forschung verblüfft festgestellt, dass Simonetta Vespucci möglicherweise anders aussah, dass Botticelli in Wahrheit sie nicht porträtiert hat, sondern sie idealisiert, sie allenfalls als Ausgangspunkt eines Idealisierungsprozesses benutzt hat. War es Linda Evangelista, die sagte: "Wenn ich morgens aufwache, bin auch ich noch nicht Linda Evangelista"?

Botticelli hat ein Image geschaffen. Vielleicht war er damit in Florenz damals so erfolgreich wie heute Claudia Schiffer es ist. Auch Simonetta war, wenn sie morgens aufwachte, noch keine Simonetta. Dafür aber begegnete sie, wenn sie das Haus verließ, in den Straßen lauter Simonettas, jungen Frauen also, die alles getan hatten, um so auszusehen wie sie.

Die Stadt wurde regiert vom Medici-Clan. Mit eisernem Besen. Aber eben auch mit den Mitteln der Propaganda. Botticelli machte eine vom Clan zum Schönheitsideal der Epoche. So waren die Medici nicht nur die Mächtigen und die Reichen, sondern auch noch die Schönen. Sie sorgten dafür, dass sie oder ihre Freunde - oder die, die es werden sollten - die Turniere gewannen, dass die Sieger von den besten Dichtern gefeiert würden. Die Kunst half, den Staatsapparat zu schmieren. Die Schönheit diente der Gewalt.

Botticelli war ein wichtiger Faktor in diesem Spiel. Jetzt, nach fünfhundert Jahren, ist er womöglich der wichtigste. Ohne unser Entzücken über die Schönheit der Simonetta Vespucci wären die Medici möglicherweise vergessen oder wir würden uns doch besser an ihre Untaten erinnern satt daran, dass sie Botticelli sein Leben und seine Kunst finanzierten.

Die Bellezza ist wieder ein Faktor der Politik geworden. Nicht nur im Italien Berlusconis. Wir sind wieder anfällig geworden für die Verbindung von Schönheit und Macht. Wir neigen dazu, dem, der uns Schönheit bietet, allerhand Brutaltäten nachzusehen. Wir lassen uns wieder gerne zu Tode amüsieren. Wir betrachten diese Bilder und sind hingerissen von der Haut, von der Linie des Halses, von dem klug geschlossenen Mund, der uns davon träumen lässt, wie er wohl wäre, wenn er sich zu einem Lächeln öffnete. Würden die Augen noch größer oder zögen sie sich spöttisch zusammen? Wir vergessen darüber die Zeit, auf der dieses Gesicht blickte. Es soll in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts enstanden sein. 1478 hatte die Familie der Pazzi, ein konkurrierender Bankiersclan, versucht, die Medici zu stürzen. Sie hatten päpstliche Truppen zur Unterstüzung erhalten. Als die Pazzi mit dem Ruf "Freiheit!" die Florentiner aufforderte, die Medici zu stürzen, da stürzten sich die Florentiner auf die Pazzi und vereitelten den Umsturz. So jedenfalls berichtet uns die Geschichtsschreibung der Sieger davon.

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