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23. Mai 2014

Brauchitsch Documenta-Satire: Das Nationalheiligtum

 Von Joachim Tornau
Franz Josef Strohmeier, Alexander Weise, Caroline Dietrich und – Kunst.  Foto: Matthias Jung/Staatstheater Kassel

Munter gegen die Worthülsen, Aufgeblasenheiten und Peinlichkeiten des Kunstbetriebes: Boris von Brauchitschs Documenta-Satire „Im tiefen Tal der Todeskralle“ wird vor Ort, auf der Fridericianum-Studiobühne des Staatstheaters Kassel, uraufgeführt.

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Weltkunst und Schlager kurzzuschließen, dazu gehört schon Chuzpe. „Also dann, adieu / Ich mach dir keine Szene“, singt Mary Roos. „Vielleicht bin ich verzweifelt, vielleicht geht es mir schlecht / doch du wirst sehn / jetzt werde ich erst recht / aufrecht geh’n.“ Pathos, große Geste, Streichorchester. Inhalt: nun ja.

Der deutsche Beitrag zum Eurovision Song Contest 1984, übrigens abgeschlagen auf Rang 13 gelandet, ertönt an diesem Abend im Kasseler Staatstheater immer wieder. Dabei geht es um die Documenta. Um hehre Hochkultur also. Was das miteinander zu tun hat? Vielleicht, wenn man ehrlich ist, gar nicht so wenig. Pathos? Keine Frage. Große Worte, kleiner Inhalt? Kommt vor. Nur am Streichorchester mangelt es meist.

Weitere Termine

Am Staatstheater Kassel, Fridericianum: 24., 29. Mai, 26. Juni, 23. Juli.

„Im tiefen Tal der Todeskralle“ heißt der am Donnerstag uraufgeführte Dreiakter, den der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch der Kasseler Weltkunstausstellung gewidmet hat. Es ist das erste Theaterstück des Autors und – Mary Roos und der B-Movie-inspirierte Titel deuten es an – es erstarrt nicht eben in Respekt vor dem Mega-Event der Kunstszene. Über weite Strecken eher Kabarett als Theater, will das Stück die Geschichte der Documenta erzählen, sich lustvoll lustig machen über die Worthülsen und Aufgeblasenheiten des Kunstbetriebs, die Schau als Marketing- und Medienereignis entlarven. Und fast nebenbei bietet es auch noch eine hemmungslos abstruse Handlung, die im Abschied der Documenta aus Kassel kulminiert. Also dann, adieu. Von Brauchitsch hat so viele Perlen aus dem Documenta-Archiv zutage gefördert, dass sein Opus wagnerianische Ausmaße annahm: Ungekürzt würde es sechs Bühnenstunden füllen.

Ohne Künstler auskommen

Kassels Oberspielleiter Patrick Schlösser und Dramaturgin Stephanie Winter haben daraus knapp zwei unterhaltsame Stunden destilliert. Der Plot: Die Zwillinge Natalia und Ben Grimmberger (Caroline Dietrich, Alexander Weise) sind die Kuratoren der überübernächsten Documenta im Jahr 2027. Auch sie wollen oder müssen alles anders machen als ihre Vorgänger. Beraten von dem abgezockten Marketingexperten Linus Gollinger (Uwe Steinbruch) planen sie deshalb eine Schau, die ohne Künstler auskommt. Jedenfalls ohne lebende.

Einzige Ausnahme: der Sohn von Tutti Schnorr, der örtlichen „Medienmacht“ (Eva Maria Keller). Er ersteigert bei Sotheby’s in London ein blaues Keramikei, das zum Symbol der Ausstellung werden soll, nur blöderweise Teil des Nationalheiligtums von Aloppachstan ist. Es kommt zu diplomatischen Verwicklungen, die am Ende bloß beigelegt werden können durch die Liebe. Und durch den Umzug der Documenta nach Liverpool.

Trash? Ja, aber trotz manch schlichter Gags immer wieder mit intelligenten Anspielungen. Und in gediegener Atmosphäre: Miron Schmückle hat auf die Studiobühne im Fridericianum – bekanntlich die Zentrale jeder Documenta – einen klassischen bürgerlichen Salon gebaut. Es macht Spaß, dem Quintett gut eingestellter Darsteller dabei zuzusehen, wie sie zwischen Biedermeiersessel und Chaiselongue mit Spaß ihr absonderliches Spiel treiben. Wie sie selbst den Passagen, in denen dem Autor der Kunsthistoriker durchgegangen ist, noch Witz abgewinnen. Kurz: wie sie nach Herzenslust Komödie spielen. Und das ist ja auch eine Kunst.

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