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06. November 2015

Bremerhaven: Deutschland als Einwandererland

 Von Reinhart Wustlich
Eindrucksvoll inszenierte Lebenswege.  Foto: Reinhart Wustlich

Aus aktuellem Anlass: Ein Besuch im Deutschen Auswandererhaus ist eine eindrucksvolle Erfahrung, sich die Situation von Flüchtlingen und die eigene Geschichte zu vergegenwärtigen.

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Man steht mitten unter ihnen, Gestalten am Kai. Vielleicht im Morgengrauen. Riesig die schwarze Schiffswand, das Gegenüber. Die Regelhaftigkeit der Nietenmuster, die Bullaugen, die steile Gangway, die hinaufführt. Die Gruppe der Menschen, wie erstarrt. Ein Hafenambiente mit roten Speichermauern. Lärm.

Es könnte irgendwo sein in Europa. Marseille, Lissabon, Le Havre, Antwerpen, Amsterdam. Du schaust deinem Nachbarn über die Schulter. Ein junger Mann. Da vor ihm, der abgegriffene Koffer. Ein ärmliches Stück. Ein elektronisches Accessoire macht ihn zu einem Ausstellungsstück von heute.

Du aktivierst den Kontakt mit dem Boarding Pass, das gehört zum Spiel. Mitten im Hafenlärm kommt aus dem Koffer, der ein Abspielgerät enthält, eine Ansage, die erklärt, wer die Person ist neben dir. Es ist kein Chip aus der Zukunft, keine Ansage von Big Brother. Du musst dich hinunterbeugen, um die Ansage zu verstehen. Es ist die Vergangenheit, die Worte findet. Die Person neben dir ist Carl Laemmle, 17.01.1867 - 24.09.1939. Er ist 1884 in Bremerhaven an Bord des Auswandererdampfers „Neckar“ gegangen. Ziel: Amerika. Du bist im Museum. Im Deutschen Auswandererhaus, Bremerhaven.

Es ist eine eindrucksvolle Erfahrung, sich hier in diesen Tagen, in denen so viel von Refugees zu sehen und zu lesen ist, ein Stück eigener Geschichte zu vergegenwärtigen. Deutschland als Auswandererland. Deutschland als Einwandererland.

Die Phantasie des Besuchers wird durch zwei Vorstellungs-Paten geleitet. Da ist zum einen Carl Laemmle, der aus dem Oberschwäbischen nach Los Angeles emigrierte und dort die berühmten Universal Studios gründete, zum anderen Recep Keskin, geboren am 01.01.1949 in Dervisli Köyü, Türkei, der 1967 nach Karlsruhe einwanderte, Bauingenieur wurde, Hochschullehrer, Besitzer eines Beton-Fertigteilwerks in Gevelsberg.

Die Personalisierung, die bildhafte Verdeutlichung der Lebensgeschichten von Menschen, bildet den Kern der didaktischen Erzählung des Museums, deren Kapitel es an verschiedenen Stationen zu entdecken gibt – am Beispiel von 33 exemplarischen Lebenswegen. Für alle gilt, sie sind über ein administrativ vorgegebenes, geordnetes Verfahren an ihre Zielorte gekommen, haben sich monatelang, jahrelang um ihre Einreise bemühen müssen.

Man lernt sie kennen, die Auswanderer, die Einwanderer, wie man die Refugees von heute auf der Straße kennenlernt, face to face, sympathische Menschen, die Unvorstellbares auf sich genommen haben, um ihr Ziel zu erreichen. Da, wo sie als Menschen zurücktreten, wo sie vom Individuum, vom Du zur großen Zahl werden, kommt etwas qualitativ anderes ins Spiel, das Gesetz der Abstraktion, der Distanzierung, das in der Statistik hilfreich ist, im Alltag weniger. Im Deutschen Auswandererhaus dient es dem erhellenden Überblick.

Eine große Wandgrafik macht deutlich, woher die Einwanderungsströme in die Bundesrepublik – es gibt sie, quasi inoffiziell – zwischen 1952 und 2010 gekommen sind: über zwei Millionen Menschen aus Russland, über 4,5 Millionen aus Polen, über vier Millionen aus Asien, über vier Millionen aus der Türkei, über 800 000 aus Griechenland, fast vier Millionen vom Balkan, fast 4,5 Millionen aus Italien, etwa 1,3 Millionen aus Afrika, 1,2 Millionen aus Spanien, 550 000 aus Portugal, gut eine Million aus Frankreich, usw. Die Zahlen der Zuwanderung summieren sich über die Jahre auf ungeahnte 31 840 647 Menschen, rund 32 Millionen.

32 Millionen zwischen 1952 und 2010

Deutschland, kein Einwanderungsland? 32 Millionen zwischen 1952 und 2010, das sind, bei einer Bevölkerung von rund 81 Millionen statistisch 548 976 Menschen pro Jahr. Kanada, das als Einwanderungsland par excellence gilt, mit standardisierten, genau beschriebenen Einwanderungskriterien, nimmt – bei einer Bevölkerung von rund 35 Millionen – pro Jahr relativ mehr Menschen auf: 260 000 Zuwanderer, kürzlich erhöht auf 285 000.

Es relativiert einiges, die Zahlen der Zuwanderung nach Deutschland über die Jahre auf sich wirken zu lassen. Rund 32 Millionen Menschen sollen gekommen sein? Aber, das gehört zur Bilanz, nicht alle sind geblieben. Oder anders – es gab Aus- oder Rückwanderungen, gleichfalls in großer Zahl: 400 000 Menschen nach Russland, 2,8 Millionen nach Polen, mehr als zwei Millionen nach Asien, etwa 2,7 Millionen in die Türkei, 580 000 nach Griechenland, fast drei Millionen auf den Balkan, fast vier Millionen nach Italien, fast eine Million nach Afrika, 1,1 Millionen nach Spanien, etwa 450 000 nach Portugal, rund 850 000 nach Frankreich, usw..

Immerhin resultiert aus der Differenz über die Jahre ein deutliches Plus in der Zuwanderung von 9 437 493 Menschen – oder 162 715 Menschen pro Jahr, 58 Jahre lang. Verglichen mit den kanadischen Zahlen, die dort festgelegt sind, um mittelfristig Daseinsvorsorge, Arbeitsmarkt und Wohlstand zu sichern, könnten es in der Bundesrepublik um die 600 000 Menschen pro Jahr sein. Unter transparenten Bedingungen, gesteuert durch ein Einwanderungsgesetz mit demokratisch ausgehandelten Kriterien. Kriterien, die Bedingungen, Erwartungen und Qualifikationen darlegten.

Zurück zur Gruppe der Personen in der Kulisse am Kai, zu einer Szenerie, die eine des Theaters sein könnte, mit Figuren, denen eine Sprache gegeben wäre, wie sie Anna Seghers oder Erich Maria Remarque ihren Protagonisten, den Emigranten in den finsteren Zeiten der eigenen Vergangenheit gegeben haben. Um die Aussagen der je Einzelnen verständlich zu machen, sie zu einer empathischen Gesamtschau zu führen. Einer Gesamtschau, die auf andere Art differenziert ist als Statistik, Skeptizismus und distanzierter Blick suggerieren mögen. Eine Gesamtschau, zu der gleichwohl klare Perspektiven, geordnete Strukturen und ein Plan gehören.

So, wie es ist, steht man eher unvermittelt unter ihnen, den Gestalten am Kai.

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