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27. Januar 2016

Brief von Adolf Eichmann: Er habe doch um seine Versetzung gebeten

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Adolf Eichmann (ohne Kopfbedeckung) vor Gericht in Jerusalem, 1961.  Foto: © epd-bild / akg-images

In einem nun erstmals veröffentlichten Brief an Jizchak Ben-Zvi bemühte sich der NS-Verbrecher Adolf Eichmann 1962 um seine Begnadigung. Er versuchte, sich als kleines Rad im Getriebe darzustellen.

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„Ich verabscheue die an den Juden begangenen Gräuel“, schrieb Adolf Eichmann in seinem Gnadengesuch, datiert auf den 29. Mai 1962, an den damaligen israelischen Staatspräsidenten Jizchak Ben-Zvi. Echte Reue klingt allerdings nicht aus diesem bislang unveröffentlichten Brief, den Reuven Rivlin, Israels heutiges Staatsoberhaupt, zusammen mit anderen Dokumenten am Mittwoch, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, erstmals publik machte.

Wie schon im Prozess in Jerusalem, in dem Eichmann wegen Verbrechen am jüdischen Volk und an der Menschheit im Dezember 1961 zum Tode verurteilt worden war, stellte sich der ehemalige SS-Obersturmbannführer in dem Schreiben als kleines Rädchen im nationalsozialistischen Getriebe hin. „Wäre ich, wie die Richter annehmen, der anerkannte eifrige Treiber in der Verfolgung der Juden gewesen, so würde dies auch durch Beförderung und andere Vergünstigungen zum Ausdruck gekommen sein“, notierte er in steiler Handschrift. „Mir ist jedoch keinerlei Vorteil gewährt worden.“

„Unerhörte Gräueltaten“

Der Rückgriff auf die Verwaltungssprache zieht sich durch diesen Brief und erinnert an die Formulierung der Prozessbeobachterin Hannah Arendt zur „Banalität des Bösen“. So schrieb Eichmann in der Todeszelle, es sei nicht richtig, dass er sich niemals von menschlichen Gefühlen habe beeinflussen lassen. Er habe doch „gerade unter den erlebten, unerhörten Gräueltaten um meine Versetzung gebeten“.

Eichmann, dem eine Schlüsselrolle bei der Wannseekonferenz zufiel und der fortan die Massendeportation der Juden in die Vernichtungslager organisierte, besaß noch, um es mit einem jiddischen Begriff auszudrücken, die Chuzpe zu beteuern, er halte es für gerecht, die Verantwortlichen für die Verbrechen an den Juden zu bestrafen. Aber, so führte er in seinem Gnadengesuch aus, sei „eine Grenze zu ziehen, zwischen den Führern und den Personen, die wie ich lediglich Instrument der Führung sein mussten“. Kurzum, er habe nur Befehle ausgeführt und fühle sich daher nicht schuldig.

Rivlin brachte es in der Gedenkstunde, an der neben Holocaust-Überlebenden auch Rafi Eitan teilnahm, Leiter der Mossad-Operation zur Entführung von Eichmann aus Argentinien, so auf den Punkt: „Das Böse hatte ein Gesicht und eine Stimme. Und das Urteil gegen dieses Böse war gerecht.“ So hatte auch Präsident Ben Zvi entschieden, der Eichmanns Bitte, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, ablehnte. Noch in der Nacht zum 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehenkt, anschließend seine Asche im Meer verstreut.

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