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03. März 2012

Bruce Springsteen: Freiheit ist wie ein schmutziges Hemd

 Von Markus Schneider
Bruce Springsteen kann man als eine Art Denkmal des Stadionrocks sehen. Foto: dpa

Auf seinem neuen Album „Wrecking Ball“ wütet Bruce Springsteen gegen die Finanzwelt und den allgemeinen moralischen Verfall der Welt.

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Auf seinem neuen Album „Wrecking Ball“ wütet Bruce Springsteen gegen die Finanzwelt und den allgemeinen moralischen Verfall der Welt.

Das Problem mit Bruce Springsteens neuem Album „Wrecking Ball“ ist, dass er ein sympathischer Typ zu sein scheint. Als besonders heißes Eisen kann man seinen lang erprobten Rock ja nicht bezeichnen. Inspiriert hat ihn zu den neuen Songs jedoch die Wut auf die verwahrloste Wirtschaftswelt und die Spur aus Ruin und Armut, die sie hinterlässt – sicherlich ein ebenso legitimer Grund zur Gitarre zu greifen wie jeder andere, auch wenn Springsteen sich damit natürlich einem gewissen Hybrisverdacht aussetzt.

Immerhin kann man den 62-Jährigen als eine Art Denkmal des Stadionrock sehen, als den Erfinder einer ebenso lauten und schwergewichtigen wie etwas dumpf bodenständigen Rockhymnik, mit der er in den letzten vierzig Jahren hundertfacher Millionär geworden ist. Aber warum sollte sich der Sohn eines meist arbeitslosen Vaters und einer Sekretärin nicht die Solidarität mit seiner ehemaligen Schicht bewahrt haben? Zumal er sich – anders als etwa Bono – immer ein wenig unbehaglich in seiner Starrolle zu fühlen schien und lieber Gewerkschaften finanzierte als mit religiöser Inbrunst Afrika zu tätscheln.

Nicht vergessen sollte man, dass er die Basis seines Erfolgs in den mittleren 70ern mit Alben gelegt hat, deren etwas derber, aber drängelnd lebendiger Rock sich auf die Dynamik von frühem Rock’n’Roll und Rhythm’-n’Blues berief und diese mit sozialrealistischer Kennerschaft und Poesie der (sub)proletarischen Szene des weiteren New York gutschrieb. Allerdings begann Springsteen auch früh, das Pathos seines amerikanischen Traums nicht mehr aus romantisch-rebellischer Unruhe zu erklären, sondern in einen Ruf nach stabilen politischen Gefühlen zu wenden.

Hang zur breitreifigen Hymne

Seit den 80ern erschienen auch zurückhaltende Countryfolk-Alben, von „Nebraska“ bis zu „Ghost of Tom Joad“. Von dort hätte Springsteen einen eleganten Ausstieg ins rustikale Singer-Songwritertum finden können. Die Stimme klang ohnehin mit zunehmendem Alter nach dem wettergegerbten Countrytimbre von Outlaws wie Guy Clark.

Aber leider überwiegt in seinem Schaffen doch der Hang zur breitreifigen, hochgetunten Rockhymne, wie er sie 1984 mit „Born in the USA“ im höchsten Marktsegment etabliert hat. Sein Ticket in diesen Supermainstream mag inhaltlich eine gut gemeinte Abrechnung mit der republikanischen Kälte der USA in den frühen Achtzigern sein. Aber wie es zeitgleich und nicht unähnlich auch Stallone-Figuren in „Rocky“ oder den „Rambo“-Sequels zeigten, spielt der Titel mit seinem hurrapatriotischem Arrangement und der populistischen Harmonik natürlich ästhetisch und emotional einem reaktionären Mythos vom bedrohten Volk und seinem unverbildeten sogenannten kleinen Mann zu.

Womit wir wieder bei „Wrecking Ball“ wären. Dessen „Born in the USA“ heißt „We Take Care of Our Own“ und handelt davon, dass man sich in der Heimat, also „wo auch immer die Flagge geschwenkt wird“, gefälligst wieder um die Seinen kümmern möge. Der Traum verrotte, es fehlten Gnade, Liebe, ehrliche Arbeit – und das Signalhorn der Kavallerie. Als solches versteht er offenbar diesen Albumopener, denn er zittert unter einer wahrscheinlich vierfüßig getretenen Rockbass-drum, bald von weiteren wuchtigen Drums verstärkt, und einem typischen, überdimensionalen Springsteenriff, in das zum Ende hin noch ein seltsames Kopf-Hoch-Orchester einsteigt.

Solcherart gerüstet beginnt er seinen Feldzug durchs Land und wütet dabei gegen skrupellose Unternehmer, Finanzgauner und den allgemeinen moralischen Verfall der Welt. Deren Bild wirkt allerdings ein bisschen wunderlich gezeichnet, denn sie scheint ausschließlich bevölkert von muskulös verhärmten Männern und Ernährern, die im Blaumann auf dem Feld und in der Fabrik, als Dachdecker oder Autoschlosser schwitzen. Oder eben nicht mehr schwitzen dürfen, sondern arbeitslos und ausgehungert vor ihren Waffen zu Hause sitzen und Mordgedanken gegen die, wie er gegen die Faktenlage öfter betont, immer fetter werdenden Ausbeuter ausbrüten.

Kontakt zur Straße ein bisschen verloren

Ohne die Schwierigkeiten, die aus dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft entstehen, kleinreden zu wollen: Man könnte schon auf die Idee kommen, der „Boss“, wie er seit den 60ern leider genannt wird, habe beim Pendeln zwischen seiner 150-Hektar-Pferdefarm in New Jersey und seinem Haus in Beverly Hills den Kontakt zur Straße, die er einst recht farbenfroh beschreiben konnte, ein bisschen verloren: „Freiheit, mein Sohn, bedeutet ein schmutziges Hemd, die Sonne im Gesicht und die Schaufel im Dreck.“ Politiker, als doch irgendwie Mitverantwortliche der Finanzen und Verwalter des Verfalls, treten übrigens nicht auf.

Man könnte sicherlich einwenden, dass es Springsteen eben ums ahistorische Ganze geht, weshalb in biblischen Farben die heldenhafte Geschichte der USA vom Bürgerkrieg über die große Depression zur Bürgerrechtsbewegung beschworen wird. Immerhin zitiert er als solidarische Geste an die multiethnischen Ursprünge reichlich Musikgeschichte von altem Country zu jüngerem Folk, von Mariachi-Trompeten über Gospelchöre zu keltischen Dudelsäcken bis gar zu einer Rap-Einlage.

Wohlfeil und desinteressiert

Vor ein paar Monaten hat Ry Cooder, ein ungefährer Altersgenosse Springsteens, mit einem Album gezeigt, wie man den Bezug von aktueller zu vergangener Depression charmant darstellen könnte. Auch bei ihm ging es recht allgemein gegen Geldgier, Korruption und Rücksichtslosigkeit, aber umso liebevoller sorgte er sich um die historische Stimmigkeit seiner Musik.

Auch eine solche Arbeit schenkt sich Springsteen und brät den folkloristischen Anklängen seinen luftdicht produzierten Erwachsenenrock über, dessen gedehnte Refrains dazu entworfen sind, beim Wehen über eine Stadionstrecke nicht auseinanderzufallen. Man könnte Springsteens Zornesausbruch daher auch ziemlich wohlfeil und desinteressiert finden. Womit andererseits vermutlich auch das Eingangsproblem gelöst wäre.

Bruce Springsteen: Wrecking Ball (Columbia/Sony)

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