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Buchkritik "Ende der Märchenstunde": Moderner Ablasshandel

Das Zauberwort heißt Lohas: Der "Lifestyle of Health and Sustainability" verspricht Konsum mit reinem Gewissen. Quatsch, schreibt Katrin Hartmann, die Wüste blüht nicht, wenn wir Volvic trinken. Von Christian Schlüter

Während die offiziellen Seiten immer noch Konsum propagieren, weiß der der Nachdenkt: Konsum ist nicht unendlich und die Ressourcen unseres Planeten auch nicht.
Während die offiziellen Seiten immer noch Konsum propagieren, weiß der der Nachdenkt: Konsum ist nicht unendlich und die Ressourcen unseres Planeten auch nicht.
Foto: dpa

Die mediale Begleitung des Kopenhagener Klimagipfels war interessant, besonders die Versuche, dem gemeinen Volk das doch etwas abstrakte Thema Klimawandel näher zu bringen: Journalisten erörterten ausgiebig ihre persönliche Klimabilanz, unterzogen sich aufwändigen Selbstversuchen und gingen mit guten Beispielen voran. Dabei kam immer das Gleiche heraus: die Einsicht, dass wir uns ändern müssen und können, uns aber noch lange nicht von unserer konsumistischen Ordnung und deren Annehmlichkeiten zu verabschieden haben.

Im Klartext: Es kann immer so weiter gehen, wenn wir nur intelligent konsumieren. Erstaunlich an diesem Ergebnis ist nicht nur die Schlichtheit und, seien wir ehrlich, Falschheit, erstaunlich ist auch, dass sich die Ideologie des Lohas offenbar einiger Beliebtheit erfreut. Lohas, so lernen wir aus Katrin Hartmanns wunderbarem Buch "Ende der Märchenstunde", ist ein Akronym für "Lifestyle of Health and Sustainability" und bezeichnet einen Lebensstil, der durch Konsumverhalten Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern will. Mit anderen Worten, wenn wir nur die richtigen Produkte kaufen, wird die Welt besser.

Das Buch

Kathrin Hartmann, Ende der Märchenstunde. Karl Blessing Verlag, München 2009, 384 Seiten, 16,95 Euro.

Man kennt das. Wir trinken das Wasser von Volvic, und schon blühen die Wüsten in Afrika, die Fischstäbchen von Iglo helfen den Weltmeeren… Hartmann nennt eine Vielzahl von Beispielen, in denen der Kauf eines Produkts zur moralisch guten Tat avanciert. Die Brauerei Krombacher etwa spendet ein paar Cent von jedem verkauften Kasten Bier für den Regenwald im Dzanga-Sangha-Schutzgebiet: Krombacher konnte 2008 "in einem rückläufigen Markt den Umsatz um 5,6 Prozent steigern, der Gesamtumsatz betrug 642,5 Millionen Euro". Für die Natur blieb eine Summe im fünfstelligen Bereich übrig.

Von diesem eher bescheidenen Ergebnis einmal abgesehen, mag man auch eine Logik nur wenig überzeugend finden, die Alkoholiker zu Umweltaktivisten promoviert. Doch ist das nicht immer noch besser als gar nichts zu tun? In dieser Frage steckt der moralische wie ökonomische Kern des Lohas: Sie zu bejahen bedeutet, mit gutem Gewissen weiter zu konsumieren. Zur Rettung von irgendeinem Stück Natur trägt sie allerdings kaum etwas bei, wie Hartmann immer wieder zeigt.

Perpetuum mobile des Konsums

Der Logik des Ist-doch-besser-als-gar-nichts ist schwer zu widerstehen. Dabei ist Lohas vor allem eine Erfindung der Konsumgüterindustrie zum Zwecke der Konsumsteigerung, eine Art . Noch nie schien moralische Unschuld so leicht zu haben. Man muss sie sich allerdings auch leisten können: Der ohnehin teure Urlaub in fernen Ländern ruiniert die persönliche CO2-Bilanz allein wegen des Fluges, kann aber mit dem Kauf eines Zertifikats abgegolten werden - das Geld kommt dann Menschen in den Regionen zu gute, die kaum CO2 produzieren, also den Armen.

Dieser Ablasshandel mit dem Klima lässt auch CO2-trächtige Fernreisen moralisch opportun erscheinen. Dass wir weiterhin unbeschwert urlauben können, setzt aber die Armut anderswo voraus, weil nur so der Handel mit Emissionszertifikaten überhaupt möglich ist. Das Leben auf Kosten anderer bleibt als konsumistisches Prinzip bestehen. Zugleich aber bleiben die ungerechten Verhältnisse und die Armut dort, wo sie aus Sicht der wohlgenährten Bionade-Spießeridyllen in Berlin oder München hingehören - außerhalb des eigenen Blickfeldes. Hinzu kommt, und das ist nach Hartmann nur ein weiterer "zynischer Widerspruch", dass in Lohas-Mileus zwar Kinderarbeit, Hunger und Armut in den Entwicklungsländern belärmt, "aber vor der Armut im eigenen Land die Augen verschlossen werden. Doch gegen die gibt es auch kein schickes Produkt, das man kaufen und genießen kann". Anders gesagt, Hartz IV-Empfänger leben nicht in Armut, sondern nur falsch, weil nicht konsumorientiert. In der Lohas-Welt entbindet der moralische Konsum von aller gesellschaftlichen Verantwortung. In erster Linie soll das persönliche Harmoniebedürfnis gestillt werden.

Schilderungen in nüchternem Ton

Damit ist Hartmann bei ihrem zentralen Punkt angelangt: den Irrglauben, Konzerne oder Politik ließen sich mit dem "richtigen" Kaufverhalten beeinflussen. An der Ladenkasse können ohnehin nur die abstimmen, die hinreichend viel Geld auszugeben in der Lage sind. Das aber hat mit dem Einkommen und nichts mit organisiertem politischen Willen zu tun. Wer die Bürger zu Konsumenten erklärt wie es etwa auch unsere Parteien tun, indem sie sich von Ex-Unternehmensberatern das Wahlkampfprogramm designen lassen, hat den entscheidenden Schritt weg von Demokratie und Bürgerrechten vollzogen. Hartmann beschreibt all dies in einem nüchternen Ton. Vorhaltungen sind ihre Sache nicht. Das liest sich angenehm - immerhin kommt man sich mit seinem vermurksten Konsumverhalten nicht wie der letzte Depp vor. Hartmann, früher Redakteurin der FR und beim Lohas-Fachblatt Neon, hält sich an die Fakten. Und die sprechen für sich: Es irrt gewaltig, wer glaubt, ohne politisches Engagement und schmerzfrei die Welt verändern zu können. Und so bleibt auch nach Kopenhagen festzuhalten: Beim Klimawandel ist weder auf Politik noch auf Konzerne zu hoffen. Verzicht, heißt das, muss endlich zur politischen Maxime werden. Alles andere wäre Lüge und Betrug.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  18 | 12 | 2009
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