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27. Oktober 2014

Buddhismus: Jeder von uns ist Buddha

 Von 
Das Mandala von Saravid Vairochana.  Foto: Peter van Ham/Hirmer Verlag

Wie werden aus Gedanken Taten? Wie kann der Mensch sich verändern? Was ist die Rolle der Kunst? In einem buddhistischen Kloster des 11. Jahrhunderts kann man die Antworten sehen.

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Herr van Ham, was interessiert Sie an Tabo?
Tabo ist das älteste unverändert erhaltene Kloster der gesamten tibetischen Welt. Die Klöster im benachbarten Tibet wurden von den Chinesen weitgehend zerstört. Die Region Spiti, in der Tabo liegt, war Jahrzehnte lang, bis 1993, Sperrgebiet. Hier am Westhimalaya stoßen Indien und China aufeinander. Auch jetzt gibt es immer mal wieder Scharmützel zwischen chinesischen und indischen Militärs. So ist Tabo kein Ort des Massentourismus geworden, aber es gibt doch eine Menge Menschen, die sich dort staunend die Malereien und Plastiken anschauen und rätseln, was sie bedeuten. Mein Buch ist der Versuch, mir und anderen zu erklären, was es dort zu sehen gibt. Dafür habe ich mich zwanzig Jahre in die Materie eingearbeitet, kunsthistorische Fakten zusammengetragen und die Übersetzungen der den Tempeln und ihrer Kunst zugrundeliegenden Texte studiert.

Was ist das Besondere an Tabo?
Die Anlage markiert den Übergang vom indischen zum tibetischen Buddhismus. Aus Indien flohen die Buddhisten vor dem vordringenden Islam. In Tibet gab es ein Wiedererstarken der bis heute existierenden tibetischen Bön-Religion, die vor dem seit dem achten Jahrhundert eindringenden Buddhismus in den Hintergrund getreten war. Jetzt setzten sich lokale Machthaber für die Verstärkung des Buddhismus ein. Sie schickten Übersetzer nach Indien oder Kaschmir. Dort lasen die nicht nur die Heiligen Texte des Buddhismus, ließen sich nicht nur in ihnen unterweisen, sondern lernten auch die buddhistische Kunst kennen. Sie animierten dann ihre Gönner, indische Künstler nach Tibet kommen zu lassen. Nach deren Maßgaben wurde Tabo erbaut und auch die Innenausstattung, die Gemälde und Skulpturen angefertigt.

Das erinnert an protestantische Fürsten, die ihre Studenten ins weit entfernte Wittenberg schickten und sich Cranach-Schüler für den Kirchenausbau bestellten.
Nun, der tibetische Buddhismus der ersten Epoche hatte eine sehr magische Färbung. Geister und ein falsch verstandener Tantrismus spielten darin hervorragende Rollen. Doch ein aus Zentraltibet geflohener König errichtete im ausgehenden 10. Jahrhundert im Westen Tibets ein neues Fürstentum, zu dem auch Spiti gehörte, in dem ein reiner, ein gereinigter Buddhismus herrschen sollte. Darum hieß es zurück zu den Quellen, zu den Texten. Es sollte wieder vor allem um Meditation, um die Wege zur Erleuchtung gehen. Tabo wurde so etwas wie eine Propagandazentrale, ein Vorbild für die Wiederherstellung des alten, des wahren Buddhismus, ein Reformkloster, ein buddhistisches Clairvaux. Tabo ist der Versuch, diese Philosophie Kunst werden zu lassen.

Zur Person

Peter van Ham wurde 1964 in Darmstadt geboren, 1984-1986 studierte er Musik am Musicians Intitute in Hollywood, 1988 – 1991 Lehramt in den Fächern Deutsch, Musik und Biologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. In der Stadt arbeitet er seit 1993 als Lehrer. Daneben reist van Ham und hat ein Dutzend Bücher über Indien und Tibet geschrieben. Seit 2000 ist er Mitglied der Royal Asiatic und Geographical Societies in London und des Explorers Club in New York.

Im Münchner Hirmer Verlag hat er gerade – leider nur auf Englisch – herausgebracht: „Tabo – Gods of Light: The Indo-Tibetan Masterpiece“, eine verführerische, opulente, intelligente Einführung in die ferne Welt eines tibetischen, heute im nordindischen Teil des Himalaya liegenden Klosters des 11. nachchristlichen Jahrhunderts.

Können Sie mir das bitte erklären?
Im Vajrayana-Buddhismus, dem des Diamantenen Fahrzeugs – vajra ist der Diamant, yana das Fahrzeug – gibt es Mandalas, kosmische Schaubilder, die um einen zentralen Buddha vier weitere Buddhas und nachgeordnete Bodhisattvas (erleuchtete Wesen) und Göttinnen in Kreisen und Quadraten zeigen. Im Kloster Tabo haben wir es jedoch nicht mit einem Bild, sondern mit einem dreidimensionalen Mandala, einer Anlage aus Skulpturen und Malerei zu tun, die den Weltkreis der Erleuchtung darstellt und als solcher auch bis heute benutzt wird. Der Gläubige, der Besucher, betrachtet also nicht nur ein Mandala, sondern er ist, indem er den Hauptraum des Klosters betritt, ein Teil davon – bildet gar dessen Mittelpunkt. Er ist, wenn Sie so wollen, im Bild. In der doppelten Bedeutung des Wortes. Im Zentrum steht die Skultur des weißen Buddha, der das wahre Selbst des Menschen bedeutet – das, wozu sich der Gläubige hin vervollkommnen soll. Er bedeutet das All-Eine. Darum stehen um ihn herum ein gelber, ein grüner, ein roter und ein blauer Buddha. Wie das weiße Licht, die anderen Farben einschließt, so schließt der weiße Buddha die anderen Buddhas ein. Die Pointe dieser Lehre ist, dass jeder von uns Buddha ist. Er muss nur – ein sehr großes nur – die Verunreinigungen loswerden, dann wird er zu dem, für das der Buddha steht: uneingetrübtes Bewusstsein, symbolisiert als reines Licht. Den vier den weißen Buddha umgebenden Buddhas sind weitere Bodhisattvas zugeordnet, die für Eigenschaften stehen, Tugenden wenn man so will, die es gilt, auf dem Weg der Erleuchtung zu entwickeln.

Was macht der Gläubige?
Er vertraut sich einem Lama an, einem „geistigen Freund“, der ihn initiiert. Dieser sucht ihm eine Figur im Mandala aus, die der Gläubige gewissermaßen als sein Vorbild annimmt. Der Initiierte verinnerlicht all ihre Symbole, betrachtet genau den Gesichtsausdruck, die Handhaltung, auch ihre Position im Mandala, also die Stellung der Figur im Bezug zu den anderen. Der Gläubige versucht, all das genau zu erkennen und es sich vorzustellen als Bilder seiner eigenen Existenz. In diesem Prozess verinnerlicht er diese Figur, die für Teilaspekte seines „wahren Selbst“ steht und wird – das ist die Idee – selbst zu ihr, verwirklicht also einen Teil seines wahren Selbst. Dann geht es mit der nächsten Figur weiter und der Gläubige nähert sich so schrittweise dem Zentrum, der Erleuchtung. Aber dabei bleibt es nicht, denn – und das gefällt mir persönlich besonders an diesem Konzept – zu dieser Arbeit der Fantasie, gehört im Buddhismus die Einsicht, dass all das Illusion ist. Man braucht aber diese Illusion, um aus ihr herauszukommen. Ohne diese Illusion kommt man nicht dahinter, dass es eine Wahrheit hinter der Realität gibt, eine Wahrheit, die man nicht ausdrücken kann. All die Figuren, die uns in Tabo gezeigt werden, dienen nur dazu, uns klarzumachen: Es gibt sie nicht. Auch meine Vorstellung von mir selbst, ja mein Selbst, ist eine Illusion. Mein eigentliches Bewusstsein hat mit den Ängsten und Begierden, die ich als Mensch habe, nichts zu tun.

Das ist aber doch nicht das Besondere an Tabo?
Das Diamant-Mandala gibt es auch in anderen Klöstern. Aber nicht als Skulpturenanlage im ganzen Raum verteilt, sondern nur als zweidimensionale Gemälde an den Klosterwänden. Zudem ist all dies aus dem 11. Jahrhundert in feinster kaschmirischer Kunst erhalten. Und: In Tabo stehen acht weitere Tempel, in denen sich sämtliche weitere Stile der tibetischen Kunst und deren philosophische Hintergründe studieren lassen. Tabo gibt jedoch auch noch einige Rätsel auf. So gibt es zu manchen Figuren des Mandalas keine Textentsprechungen. Andere haben eine andere Farbe, als sie, wenn man den Texten folgt, haben müssten. Im der Anlage zugrunde liegenden Text, im Tattvasamgraha Sutra, durchläuft der Geist auf dem Weg zur Erleuchtung in fünf Abschnitten 37 Gottheiten. Im Mandala von Tabo sind aber nur 33. Warum fehlen vier? Und warum sitzt zum Beispiel in der Apsis ein weiteres Mal der zentrale Buddha der Versammlungshalle? Wozu ist er da? Welche Aufgabe hatte er? Das sind Fragen, über die die Fachleute streiten, derer sich das Buch ebenfalls annimmt. Der Haupttempel von Tabo, soviel ist sicher, ist eine künstlerische Visualisierung der ihm zugrunde liegenden Philosophie. Er ist aber keine Eins-zu-Eins-Umsetzung eines spezifischen Textes. Jedenfalls keines Textes, den wir kennen.

Habe ich Sie richtig verstanden: Der Gläubige kann mittels des diamantenen Fahrzeugs, des beschriebenen Mandalas, aus dieser Existenz direktemang, ohne weitere Wiedergeburten, das Nirwana erreichen?
Ja. Das war die entscheidende Erneuerung im tantrischen Buddhismus. Das Tattvasamgraha Tantra bot als erstes Modell eine Art „Instant-Erlösung“. Es geht davon aus, dass die individuelle Existenz so umorganisiert werden kann, dass sie sich mit der letzten Wirklichkeit vereinigen kann. Die Vereinigung mit dem herausgesuchten Vorbild und mit dem ganzen Mandala zuzulassen, also nicht festzuhalten an seiner individuellen Existenz, erlaubt die unmittelbare Vereinigung mit Dharmakaya, der letzten Wirklichkeit. Dies beschreibt der Text als Vajradhatu, als diamantene Sphäre.

Können Sie noch etwas über das Mönchswesen sagen, wie es war und wie es sich änderte oder auch nicht änderte.
Auch hier unterscheidet sich Tabo. Schon die Klosteranlage ist ganz anders als die, die wir aus Tibet kennen. Die sitzen auf und an Bergen. Oben der Tempel, darunter die Mönchsklausen. Hundert oder gar Hunderte Mönche. Tabo dagegen liegt ebenerdig im Tal. Gleich neben dem Dorf. Von dem durch eine Mauer getrennt, die den heiligen Bezirk markiert. Die Mönche wohnten nicht innerhalb der Mauern, sondern in Höhlen oberhalb der Anlage. Im Winter – dort werden Temperaturen von minus 40 Grad erreicht – pilgerten die Mönche oft hinab ins irdische Tiefland, ins Warme. Dann kamen sie zurück, gaben im Tempel weiter, was sie in Indien gelernt hatten, arbeiteten am Rad der Lehre. Abends gingen sie dann zurück in ihre ärmlichen Höhlen. Mönche waren zur Gründungszeit Tabos noch stark von der Lokalbevölkerung abhängig. Die Klöster waren noch keine Feudalherren, sie hatten keinen Landbesitz und konnten niemand zur Fronarbeit zwingen. Das kam erst später.

So ganz ohne Wiedergeburt scheint es aber doch nicht zu gehen – das kann man im Klappentext Ihres Buches lesen.
Ja, der „Wertvolle“ von Tabo, die höchste Autorität des Klosters, Tsenshap Serkong Rinpoche, hat uns ein Grußwort beigesteuert. Er ist 1984 in Spiti geboren. In seinem vorigen Leben sei eben diese selbe Person der Lehrer und Debattiermeister des Dalai Lama gewesen. Mit solcher Selbstverständlichkeit werden in Tibet die früheren Leben eines Menschen als zur heutigen Person gehörend angesehen. In Spiti lebt im Übrigen auch die 19. Reinkarnation des Klostergründers von Tabo – ein guter Freund und Kollege von Serkong Rinpoche. Für uns sehr kurios.

Was ist ein Debattiermeister?
Die Mönche lernen die heiligen Texte auswendig und legten in Debatten Zeugnis ab über ihre Fortschritte im Verständnis der Lehre. Dabei wird jeder Satz einerseits in Frage gestellt, andererseits auch verteidigt – je nachdem, welche Position der Debattenmeister vorgibt. Es geht sehr um logische Kongruenz. Wissen wird also nicht nur abgefragt, sondern immer wieder neu erarbeitet. Ein dialektisches Spiel, das mit viel Vergnügen, oft laut lachend, betrieben wird.

Sie haben von Gläubigen und von Mönchen gesprochen. Frauen kommen aus der Tretmühle der Wiedergeburten nicht hinaus? Es gibt keine Erlösung für sie?
Der Buddha selbst hat die volle Ordination sowohl für Mönche wie auch für Nonnen eingeführt. Davon erzählt auch ein Bildfries in Tabo, in dem ein Pilger von einer Gruppe Nonnen in Erleuchtungsstufen unterwiesen wird. Jedoch ist diese volle Ordination von Nonnen und damit deren Gleichstellung mit den Mönchen nie in den tibetischen Raum überliefert worden, so dass Nonnen immer noch ein beklagenswertes Dasein im Schatten ihrer männlichen Kollegen führen – oft an ihre Familien angeschlossen, wo sie die niedrigsten Arbeiten übernehmen müssen und so indoktriniert, dass sie diese Tätigkeiten gewissenhaft und demütig in der Vorstellung übernehmen, in ihrem nächsten Leben ein Mann zu werden. Jedoch fand 2007 ein wegweisender Kongress zur Gleichstellung von Nonnen in Hamburg statt, dessen Ergebnisse auf dem schwierigen Weg – da „Kirchenrecht“ betreffend – der Umsetzung sind, vor allem durch die Autorität des Dalai Lama.

Interview: Arno Widmann

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