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03. Juni 2012

Bülent Ceylan in Frankfurt: Er lässt das Nichts leuchten

 Von Jamal Tuschick
Bülent Ceylan im Waldstadion, das länst Commerzbank-Arena heißt. Foto: Michael Schick

Bülent Ceylan feiert in Frankfurt die Zivilisation - mit dem Destillat der Verachtung: dem Spott. Der supercharismatische Deutschtürke präsentiert 42.000 Fans seine Show "Wilde Kreatürken".

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Damnatio ad bestias nannten die Römer die tierische Zerfleischung zumal von Christen in der Arena. Bekanntlich verdanken wir den antiken Italienern die Zivilisation. In den Prozessen der Zivilisation vermindert sich das Leibliche zugunsten des Geistigen. So wurde aus Gewalt (in friedlichen Zeiten) Verachtung. Ein Destillat der Verachtung ist der Spott. Dafür gibt es einen gewaltigen Markt, er ergibt sich aus einem kollektiven Affektstau. Damit kann man zeitgenössische Arenen zum Bersten füllen.

So macht der Deutschtürke Bülent Ceylan Karriere. Er verputzt das Idiom seiner Gegend, die heißt Mannheim. Die kurpfälzische, zurzeit von Baden beanspruchte Hochburg präsentiert sich seit Joy Fleming und Xavier Naidoo als melting pot. Da kommen die „Wilden Kreatürken“ her, die Bülent Ceylan in sich vereint. Er ist ein Bauchredner deutscher Stimmungen.

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Wie gut das geht, zeigten zuletzt 42.000 Zuschauer mit ihrer hingerissenen Gegenwart in der Commerzbank-Arena an, die Bülent „Ich scheiß auf Kommerz“ Ceylan immer noch Waldstadion nennt. Er weiß, was sich gehört, und wo das Volk sein Herz an den Tropf preiswerter Wohltaten hängt. Ceylan ist supercharismatisch, er könnte auch eine Religion verkünden. Er erinnerte an seine Anfänge vor 30 Zahlenden in der Frankfurt-Bornheimer „Frau Batz“. Im Stadion trugen 800 Spezialisten zum Gelingen bei, in der Bühne wurden hundert Tonnen Stahl verbaut. Es gab auch pyrotechnischen Budenzauber zu solchen Scherzen: „Ich hab eine deutsche Uhr an. Die ist pünktlich“.

Bülent Ceylan bespielte sämtliche Klischees: „Heiratet ein Türke eine Polin: dann vercheckt der eine, während die andere klaut.“ Ein Aufschrei aus 42.000 Kehlen, auf Papier hält der Satz kein müdes Lächeln aus. Bülent Ceylan zeigte sich als Harald mit einem Puma auf dem Herzen. H. leidet jede Nacht unter „standing ovation“. Sein Dilemma: Harndrang in Koinzidenz mit einer Erektion. Das Problem löst die Lebenszeit für so ziemlich jeden Harald, selbst wenn er im nächsten Durchgang Hasan heißt und seinen Hals mit einer Kette drosselt, hätte man realistisch einwenden können; doch wollte die Begeisterung der anderen Hälfte der Menschheit für jedes genitale Detail davon nichts wissen. In unheimlicher Einigkeit mit dem vortragenden Künstler setzte sie den Index für jugendgefährdende Schriften außer Kraft.

Der Komiker weiß, was emotionale Blockaden sind. Folglich riet er: „Komm Deutschland, lass die Sau raus“ ... und lach dich schlapp über deine Ressentiments, wenn man sie dir wie Honig ums Maul schmiert. Das liest sich zu kritisch für gerecht. Wie gesagt, Bülent Ceylan ist ein grandioser Seelenfischer vulgo Rampeneber vor dem Herrn. In seiner Aura stürmt die Bagatelle aufs Siegertreppchen und solange „der Türk“ Chef im Ring ist, gehört sie da auch hin. Der Mann lässt jedes Nichts leuchten. Er brachte auch das Auditorium dazu, die Arena mit blitzenden Telefonen auszuleuchten.

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