Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

23. April 2012

Burgtheater: Wilder „Robinson Crusoe“ in Wien

 Von Dirk Pilz
Ich oben, du unten: Joachim Meyerhoff (r.), Ignaz Kirchner.  Foto: Burgtheater

Mein Theater: „Robinson Crusoe“ am Burgtheater Wien in der Regie von Jan Bosse wirbelt in einem der letzten Horte der Schauspielkunst mächtig Staub auf. Die beiden Darsteller des Abends, Joachim Meyerhoff und Ignaz Kirchner überzeugen.

Drucken per Mail
Wien –  

Am Burgtheater zu Wien haben sich vergangenes Wochenende schockierende Schändungsszenen zugetragen. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff riss die schönen samtroten Stühle aus ihrer Verankerung heraus und die Logenvorhänge achtlos herunter, er schlug Nägel in die Wände und hob eine der schweren Holztüren aus der Angel.

Auch der Teppich wurde gewaltsam vom Boden gelöst, sogar einer der herrlichen Kronleuchter aus der Wand entfernt. Dazu ließ der Darsteller Meyerhoff, seit nunmehr sieben Jahren im Ensemble des Hauses beschäftigt, höhnische Bemerkungen wie „Dies ist ein Hochkulturtempel!“ oder „Das wichtigste Gebot ist Denkmalschutz!“ fallen.

Überdies lief er nackt umher, ehe er einen Vorhang als Lendenschurz verwendete. Das Erstaunlichste an diesen wahrlich schändlichen Taten in einem der letzten behüteten Horte der Schauspielkunst aber war, dass das Premierenpublikum all dies mit lauten Lachern und lustigem Beifallklatschen begleitete.

Es ist den Menschen nichts mehr heilig. Schön wär’s ja, wenn’s anders wär, wenn nicht alles in Ironieschaum gebadet, also nicht derart glibberig und glitschig wäre, dass es einem immerfort durch die Finger ränne, wenn’s Halt und Verbindlichkeit, Unverbrüchliches, ja Festes gäbe, dem keine zersetzende Kraft etwas anhaben kann. Nicht die der Ironie, nicht die des Zweifels, die ja, letztlich, zwei Seiten derselben Medaille sind. Was für ein Traum.

Meine Insel!

So kann man die Geschichte von Robinson Crusoe auch erzählen: als lustiges Lehrstück vom Herrschen. Robinson Crusoe im 1719 erschienenen Roman von Daniel Defoe: ein Schiffbrüchiger, der sich seine menschenleere Insel und seinen zugelaufenen „Wilden“ Freitag in großkolonialistischer Geste zum Untertan macht, der beten, morden, Ackerbau und Viehzucht lernt und seinen Freitag als Einsamkeitsvertreiber und Schüler braucht, auf dass er lerne, was europäisch zivilisiert zu sein bedeutet: beten, morden, Ackerbau und Viehzucht.

Robinson Crusoe in der am Burgtheater herausgekommenen Inszenierung von Jan Bosse: ein Schiffbrüchiger, der zwischen den leeren Zuschauerrängen landet und sich das Theater in der Manier des Großironikers erobert: „Das ist alles meins! Meine Insel!“ Der seinen Freitag den Unterschied zwischen Herr und Diener („Du achte, ich erste Reihe!“), wichtige Burgtheatervokabeln („Stuhllehne mit Nussbaumapplikation“) und Foyersmalltalkfragen („Hat das eine Pause?“) lehrt. Der sich also das Theater untertan macht.

Das ist schön. Schön frech und schön selbstreflexiv: auch Interpretieren, auch Theater, auch Schauspielen heißt herrschen, erobern, unterdrücken. Nichts ist mehr heilig, wo Menschen Herren sind, also überall. Und wer die Wilden, wer die Zivilisierten sind – immer eine Frage der Perspektive. Wir Zuschauer sitzen nicht nur auf der Bühne und schauen in den schmucken Publikumssaal, wir werden so als Mitdeuter und Mitspieler im großen Beherrschungsgeschäft ausgestellt.

Das ist auch schön: Auf wie vielen Ebenen sich dieser kurzweilige Zweistünder gleichzeitig genießen lässt. Als heitere Kapitalismuskritik, als Bildungs- und Mittelstandsbürgerporträt, als eine Geschichts- und Gegenwartsbefragung, die sich an allen Dialektiken des Herrschens, Spielens, Kritisierens weidet.

Wer öfter schon Jan-Bosse-Abende sah, wird zudem selbstkritischen Zweifel finden. Der Meister des leichtluftigen Hochgeisttheaters stellt seine Theaterkunst selbst auf den Prüfstand: Wohin soll dieses Jonglieren mit den Widersprüchen führen? Was kommt danach? Auch schön, wenn eine Inszenierung sich nicht in purer Selbstgefälligkeit badet.

Meine Silben!

Aber es wär’ alles nur halb so schön ohne die beiden Darsteller des Abends: Joachim Meyerhoff als Robinson Crusoe und Ignaz Kirchner als dessen Vater erst und Freitag später. Wie dieser Meyerhoff spricht! Es ist, als würde er die Worte schaukeln und in die Höh’ werfen, um sie mit der Zungenspitze wieder aufzufangen.

Ein Silbenclown, der wie alle Clowns traurig und komisch, verloren und verliebt gleichermaßen ist. Er kann damit Texte, also Welten, zum Schweben oder Umsturz bringen: Er ist als Schauspieler immer ein Tänzer auf des Messers Schneide. Dieser Abend ist vor allem eine Lehrstunde dieser seiner Kunst. Meyerhoff: u-m-w-e-r-f-e-n-d. Robinson Crusoe ist damit auch einer, der auf seiner Theaterinsel nichts so sehr vermisst wie ein Publikum. Freitag kommt, Robinson ist erlöst.

Und Ignaz Kirchners Freitag – noch eine hübsche Pointe – ist ein Rollkoffertourist, der sich auf offener Bühne zum „Wilden“ schminkt, schwarz das Gesicht, rot die Lippen (nein das bedient keine rassistischen Klischees), also einen gibt, der sich auf Nature-Event-Tour befindet.

Und weil Kirchner, anders als Meyerhoff, zudem einer ist, der spricht, als kicke er jedes Wort mit der Fußspitze von sich fort, als wären die Sätze leere Bierdosen auf dem Hinterhof, sie also mal sanft wegschubst, mal ordentlich ins Weite haut, hat seine Sprache eine kindlich-trotzige, bübische Farbe: Freitag als Kind, das noch lernen muss, dass es Teufel, Gott und im Theater Lehnsitze mit Nussbaumapplikationen gibt. Was für ein geistreicher Spaß, den Beiden zuzuschauen.

Übrigens wird nur ein kleiner Teil des Romans gespielt, im Wesentlichen die Inselpartie. „Weiter, immer weiter!“ ruft am Ende Meyerhoff. Es gibt ja keinen Halt. Es gibt kein Zurück: Das Theater ist demoliert, die Träume sind beschädigt. Toll.

Burgtheater Wien, 26., 27., 29. April, www.burgtheater.at

Jetzt kommentieren

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

TV-Kritik
Videonachrichten Kultur
Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Fotostrecke
Otto Griebels Kind am Tisch

Otto Griebels "Kind am Tisch", ein undatiertes Aquarell, ist Teil des Münchener Kunstfunds bei Cornelius Gurlitt. Weitere Werke in unserer Galerie. Der Fall hebt das Thema Nazi-Raubkunst endlich auf die politische Agenda. Die Hintergründe dazu im Dossier "Münchener Kunstfund".

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!