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01. April 2009

Calvin-Ausstellung: Die Wiederkehr der Sinne

 Von HARRY NUTT
"Das Schiff der Kirche" (1640/1649), Jacob Gerritsz. Loef (zugeschrieben); Utrecht, Museum CatharijneconventFoto: DHM

Dem Reformator Johannes Calvin zum 500. Geburtstag: Die Kuratoren der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum wollen ein differenziertes Bild des Calvinismus zeigen. Von Harry Nutt

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Deutsches Historisches Museum (DHM), Berlin. Bis zum 19. Juli 2009. Der im Sandstein Verlag erschienene Katalog kostet 25 Euro.

www.dhm.de

"'t Licht is op den Kandelaer gestelt", lautet der Schriftzug in der Mitte eines Ölgemäldes aus den nördlichen Niederlanden, das die Elite der Reformatoren um einen Leuchter gruppiert zeigt. Das Licht des Evangeliums ist auf den Leuchter gestellt, und drum herum sitzen Luther und Calvin, Zwingli und Melanchthon, John Knox, William Perkins et al. Im unteren Bildraum verweist eine Textlegende auf das versammelte Personal und dessen deutlich von Gründungsstolz geprägte Gesichter. Doch das Licht ist bedroht: Römisch-katholische Geistliche versuchen, die Kerze wieder auszublasen, die der Lungenkraft der Dunkelmänner jedoch wie ein elektrisch betriebenes Dauerlicht widersteht.

Das Bild, dessen Motiv zu seiner Zeit immer wieder aufgegriffen wurde, befindet sich im Eingangbereich der großen Berliner Calvinismus-Ausstellung, die bis zum 19. Juli im Deutschen Historischen Museum (DHM) zu sehen ist. Auf 1100 Quadratmetern werden über 370 Exponate präsentiert, von denen nicht wenige erstmals außerhalb ihrer niederländischen und schweizerischen Herkunftsmuseen gezeigt werden.

Bildnis Johannes Calvin, um 1550; Utrecht, Museum Catharijneconvent.
Bildnis Johannes Calvin, um 1550; Utrecht, Museum Catharijneconvent.
Foto: DHM

Bürgerliche Selbstbestimmung

Die Ausstellung, für die aus Anlass des 500. Geburtstages von Johannes Calvin wertvolle Erstdrucke, Gemälde und Kirchenzubehör zusammengetragen wurden, entfaltet in verschiedenen Themenräumen die Kultur-, Wirtschafts- und Wirkungsgeschichte einer Glaubensrichtung, die heute vor allem für puritanische Lebenshaltung, exemplarische Sinnenfeindlichkeit und fanatisierten Gruppenzwang steht.

Die Kuratoren der Ausstellung, Sabine Witt und Ansgar Reiß, haben es sich daher zum Ziel gesetzt, ein differenzierteres Bild dagegenzuhalten, das den Calvinismus als ein wesentliches Element der neuzeitlichen europäischen Geschichte entwirft, in der das Bedürfnis nach bürgerlicher Selbstbestimmung und parlamentarischer Demokratie bereits angelegt sind. Alle unsere Weisheit, schreibt Calvin im ersten Satz seines Werkes "Unterricht in der christlichen Religion", umfasse zweierlei: die Erkenntnis Gottes und die Selbsterkenntnis des Menschen. Letztere ist es, der er einen beachtlichen Dienst erwiesen hat. Der Calvinismus hat auf vielen Gebieten als Katalysator der europäischen Modernisierung gewirkt.

Die theologischen Einlassungen des 1509 im französischen Noyon geborenen Johannes Calvin waren früh geprägt von Auseinandersetzungen mit der herrschenden Kirchenordnung. 1528 forderte ihn sein Vater auf, nicht Theologie sondern Rechtswissenschaften zu studieren, weil dieser als Kirchenangestellter in einen Streit mit seinen Arbeitgeber geraten und schließlich unter den kleinen Kirchenbann gestellt worden war. Als sein Vater starb, musste Johannes Calvin miterleben, wie dem gläubigen Mann wegen des Bannes die Totenmesse verweigert wurde.

Flucht, Selbstbehauptung und ein ausgeprägter Widerspruchsgeist prägten Calvins theologische Laufbahn in den Reformationswirren, in denen er zwischen Paris, Genf und Basel hin und her pendelte und dabei unablässig an seinem Lebenswerk über die Unterweisung in die christliche Religion arbeitete, das als Bekenntnisbuch rasch großen Einfluss gewann. "Am Anfang der Geschichte des historisch wirksam gewordenen Reformiertentums", schrieb der Theologe Karl Barth, "steht ein Schulmeister mit einem Schulbuch."

Ein Buch, aus dem viel herauszuholen war. Am stärksten geprägt ist das Schlagwort des Calvinismus bis heute durch die Analyse von Max Weber, der in der auf Calvin zurückgehenden innerweltlichen Askese auf idealtypische Weise die Entstehungsbedingungen des Kapitalismus vorgebildet sah. Aus der Fähigkeit zur strengen Pflichterfüllung, in der Calvin in seiner Prädestinationslehre den menschlichen Willen der Allmacht Gottes unterordnet, geht jenes Arbeitsethos hervor, das in der aufblühenden Neuzeit zur Grundlage des Handels und des Gewinnstrebens wurde, wenngleich Webers geradlinige Deutung allerlei historische Mucken aufweist.

Die Ausstellung zeigt anschaulich, wie sich theologische Exegese und geschichtliche Dynamik miteinander verschränken. Obwohl der Calvinismus kaum in nationalstaatliche Mythologien eingegangen ist, zeitigte er Wirkung im gesamten nördlichen Europa, in dem sich die Reformierten netzwerkartig ausbreiteten und auch Einfluss auf die politische Macht erlangten, obwohl der Calvinismus erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648 offiziell als dritte Religion anerkannt wurde.

In der langen Zeit der Glaubenskämpfe erwiesen sich Calvins "Institutio" dabei nicht zuletzt als pragmatische Handreichung für Vertriebene. Die Einübung in die Disziplin, die in Calvins Lehre buchstäblich durchgearbeitet wird, erweist sich gerade für von Vertreibungen bedrohte Minderheiten als hilfreich; sein Buch wirkte als Handbuch, in dem man das Hinausgeworfensein in die Welt als Gottes Wille erfahren werden kann. Im Namen des Calvinismus wurden allerdings auch strenge lokale Religionsregime errichtet. Kein Lob der Disziplin kommt heute ohne einen Rückgriff auf Calvins Zucht- und Ordnungsbestrebungen aus.

Lebenspralle Darstellungen

Die wohltuend traditionelle Ausstellungsdramaturgie im DHM bringt aber auch zum Vorschein, wie die alltägliche Praxis vom theologischen Systemehrgeiz abweichen kann. Lehnten die Reformierten mit Verweis auf das zweite biblische Gebot bildliche Darstellungen von Gottvater, Jesus und Maria strikt ab und lösten dadurch tumultartige Exzesse der Bilderstürmerei aus, so war der Alltag der Reformierten keineswegs bilderlos.

Lebenspralle Darstellungen, wie sie aus der Bilderwelt Pieter Breughels bekannt sind, entstanden zunächst als pädagogische Motive, die vor Völlerei und übermäßigem Alkohol warnten. Doch die Kunst machte schon immer, was sie wollte. Die stilistische Ausarbeitung und die Differenzierung mit dem Pinsel machen aus den frommen Mahntafeln Feste der Lebensfreude, die nicht unbedingt der reinen Lehre Calvins entsprungen sein dürften. Die Sinne kamen nicht zuletzt dort zurück ins Spiel, wo man sie zu bezähmen versuchte.

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