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John Malkovich im Interview: Casanova ist müde

Ab 5. Januar schlüpft US-Schauspieler John Malkovich auf der Bühne des Wiener „Ronacher“ in die Rolle von Casanova. Ein Gespräch über Verführung, Mozarts Musik, Mode und den Unterschied zwischen Bühne und Leben.

Ist es für Sie als Schauspieler schwieriger, eine so klischeebelastete Figur wie Casanova darzustellen?

Nicht notwendigerweise. Das hängt mehr vom Bühnentext ab als von irgendwelchen Assoziationen, die die Leute zu Casanova haben könnten.

Haben Sie Casanovas berühmte Memoiren gelesen?

Nein. Ich verlasse mich auf den Text von Michael Sturminger. Diese Dinge sind die Arbeit des Regisseurs, nicht des Schauspielers.

Können Sie Casanova brennendes Interesse an der Verführung von Frauen nachvollziehen?

Ja und nein. Ich glaube, dass möglicherweise irgendetwas mit ihm nicht gestimmt hat.

Warum? Weil er nicht damit aufhören konnte?

Ja. Er war entweder unglaublich oversexed oder seine Libido war vollkommen außer Kontrolle oder er hatte ein verzweifeltes Bedürfnis, sich ständig selbst zu beweisen.

Es ging bei Casanova aber nicht nur um sexuelle Verführung, sondern auch darum, andere durch seine Geschichten und seinen Unterhaltungswert zu verführen. Das muss Ihnen doch als Schauspieler sehr vertraut sein?

Es gibt sicher Schauspieler, die das brauchen, aber es gibt genauso viele, bei denen das nicht so ist

Zur Person

John Malkovich, 57, gilt als einer der begabtesten und klügsten Schauspieler Hollywoods. Sein Spezialgebiet: Vielschichtige, komplexe Charaktere, durchgeknallte Spinner oder intrigante Verführer wie in der Literaturverfilmung „Gefährliche Liebschaften“, die ihn 1988 berühmt machte.

Nachdem er 2009 im Wiener „Ronacher“ mit beunruhigender Intensität den Serienmörder Jack Unterweger dargestellt hat, spielt er dort im Januar den alternden Casanova im Musiktheaterprojekt „The Giacomo Variations“ von Michael Sturminger (Buch, Regie) und Martin Haselböck (Musikalisches Konzept/Dirigent), das die Geschichte Casanovas anhand von Szenen aus den drei Da Ponte-Opern von Mozart „Don Giovanni“, „Figaro“ und „Così fan tutte“ erzählt.

Anstelle von Rezitativen zeigt das Cross-over-Bühnenwerk Schauspielszenen, in denen Malkovich als Casanova auftritt und seine Bühnenpartnerin Ingeborga Dapkunaite („Sieben Jahre in Tibet“) in verschiedenen Frauenrollen. Ihre musikalischen Pendants sind der Bariton Florian Boesch und die Sopranistin Sophie Klussmann.

5.-9. Januar 2011 im Wiener Ronacher

www.musicalvienna.at

Ist die Interaktion mit einem Publikum nicht immer ein Stimulus?

Ich dachte, Sie meinten im Leben. Haben Sie die Bühne gemeint?

Gibt es da einen so großen Unterschied?

Für mich sind das Leben und die Bühne sehr stark voneinander getrennt. Ich kenne viele Schauspieler, die es vorziehen würden, im Leben niemals behelligt zu werden, gerade weil wir dauernd behelligt werden, jede Sekunde jedes Tages. Es heißt zum Beispiel dauernd „Foto, Foto, Foto!“. Dann sind da Twitter oder Facebook oder was auch immer. Deshalb bin ich vollkommen anderer Meinung: Die Bühne ist das eine, das Leben das andere. Aber für Casanova mögen sie ein und dasselbe gewesen sein. Ich weiß es nicht.

Verführung hat viel mit Macht zu tun. Gibt es da eine Verbindung zwischen der jetzigen Casanova-Inszenierung und Jack Unterweger, der auch als großer Verführer galt und den Sie voriges Jahr in „The Infernal Comedy“ im Ronacher dargestellt haben?

Schon möglich. Aber es ist lustig: Ich sehe keinen so engen Zusammenhang zwischen Verführung und Macht, obwohl ich weiß, dass das viele Leute tun – Frauen genauso wie Männer.

Die oberen Gesellschaftsschichten des 18. Jahrhunderts, in denen Casanova sich bewegt hat, waren eine müßige Klasse auf der ständigen Suche nach immer verfeinerten Vergnügungen. Hatte Casanova, der ja selbst nicht von Adel war, die Rolle eines Hofnarren?

Der Casanova, den ich spielen werde, spricht viel davon, wie müde er es ist, charmant und höflich zu sein, sich immer unter Kontrolle zu haben und den Unterhalter in jedem Salon zwischen Versailles und Sanssouci, zwischen Kew und St. Petersburg zu spielen. Und es ist ihm extrem wichtig, wie er gesehen wird, vor allem, ob er respektiert oder nicht respektiert wird. Diese Dinge ein paar Jahrhunderte später in ihrer Essenz zu erfassen, ist sehr schwierig.

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Datum:  3 | 1 | 2011
Seiten:  1 2
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