Cem Özdemir, in Deutschland geboren, Pädagoge und grüner Politiker, hat nach Zwischentönen gesucht. In seinem Buch "Die Türkei - Politik, Religion, Kultur" befasst er sich nicht nur mit der Geschichte des Landes zwischen Europa und dem Nahen Osten, er sieht sich vor der eigenen Haustüre um, erzählt persönliche Geschichten. Sein Credo: Die Türkei besser zu verstehen heißt auch, die in Deutschland geborenen Türken besser zu verstehen. Er stellt Religionen und Tradition in der Türkei vor, befasst sich mit Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und dem Bildungssystem, berichtet vom Alltag im Land seiner Vorfahren. Auf der anderen Seite zeigt Özdemir auch auf, inwiefern die Republik Türkei auch durch deutsche Denker, Wissenschaftler und Architekten geprägt wurde.
Dabei gibt es auch Momente, da wird aus dem Sachbuch angesichts der Absurdität so mancher Begebenheiten schon mal Real-Satire. Etwa, wenn Özdemir erzählt, wie Passanten einem Türken, der seiner Leidenschaft fürs Hupen freien Lauf ließ, vorwarfen, das sei doch sehr uneuropäisch: "Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich in den Kopenhagener Kriterien tatsächlich etwas über den Gebrauch von Hupen findet."
Auch wenn das Buch, dessen Anhang einen Mini-Sprachkurs sowie eine Zeittafel der Historie enthält, nach hinten raus ein bisschen an Systematik einbüßt - es macht Spaß, Özdemirs Schilderungen der zahlreichen Facetten der Türkei diesseits und jenseits der Grenzen zu folgen.
Cem Özdemir: Die Türkei - Politik, Religion, Kultur, Beltz & Gelberg, Weinheim 2008, 256 Seiten, 19,90 Euro. Ab 13.
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