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13. Juli 2014

Charlie Haden: Im Namen der Schönheit und des Hörens

 Von Hans-Jürgen Linke
Bassist Charlie Haden bei einer Probe, 2007.  Foto: rtr

„Wir müssen das Gegengift sein zu all dem Mist“: Zum Tode des Bassisten, Komponisten, Jazz-Visionärs Charlie Haden.

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Als George W. Bush 2004 zum zweiten Male zum Präsidenten gewählt wurde, schrieben Charlie Haden und seine Frau Ruth Cameron im Begleittext eines neuen Albums: „Wir hatten gehofft, Vernunft und Gerechtigkeit könnten sich durchsetzen. Aber sie haben gegen Gier, Grausamkeit und Ungerechtigkeit verloren. (...) Wir möchten, dass die Welt weiß, dass die Verheerungen, die diese Regierung anrichtet, nicht in unserem Namen geschehen.“ Und so hieß das Album, das Charlie Haden mit Carla Bley und zehn andere Musikerinnen und Musikern aufnahmen, „Not in Our Name“.

Es war und ist auch unter politisch in der Regel wenig konservativen Jazzmusiker nicht selbstverständlich, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen. Charlie Haden aber scheute sich nicht, dafür hingen Musik und Politik für ihn viel zu eng zusammen. 1969 fand sich auf dem ersten Album seines Liberation Music Orchestra – neben Hanns Eislers Einheitsfrontlied – ein liedhaftes Requiem für Ernesto „Che“ Guevara. Einen Auftritt der Band 1971 im Lissabon der Salazar-Diktatur widmete er dem anti-kolonialistischen Befreiungskampf in Angola. Nach dem Konzert wurde er hinter der Bühne verhaftet und saß eine Nacht und einen Tag im Gefängnis.

Charlie Haden, der jetzt am 11. Juli in Los Angeles gestorben ist, wurde am 6. August 1937 in Shenandoah, Iowa, geboren. Sein öffentliches Debüt als Musiker hatte er im zarten Alter von zwei Jahren, als er mit der Haden-Familie im Radio alte Country-Songs sang und jodelte. Er hat diese „Hillbilly“-Wurzeln, wie er selbst sie gelegentlich nannte, nie verleugnet und immer darauf verwiesen, dass seine Liebe zum Lied, zur menschlichen Stimme und sogar noch seine Auffassung von der Rhythmus-Arbeit als Jazz-Bassist eng mit seinen frühen Volksmusik-Erfahrungen zusammenhingen.

Haden war ein profilierter Vertreter der großen Umstürze im Jazz in einer Zeit, in der Songs und gesungene Texte eine eher untergeordnete Rolle spielten. Trotz seiner intensiven Teilnahme an musikalischen Befreiungsinitiativen war er aber nie ein Formzerstörer oder Neutöner. Er liebte Melodien und klassische Jazz-Harmonien, und am liebsten wäre er vielleicht Sänger geblieben. Eine Polio-Infektion, die er als Jugendlicher durchlitt, schwächte seine Stimmbänder, darum begann er, Bass zu spielen – ein Glücksfall für den amerikanischen Jazz der fünfziger und sechziger Jahre.

Er gehörte unter anderem zu den Formationen um Ornette Coleman, die die stilprägenden und zukunftsweisenden Alben „The Shape of Jazz to Come“ und „Free Jazz“ einspielten. 1967 wurde er Bassist im Ensemble des Pianisten Keith Jarrett und entwickelte sich immer mehr zu einer der markanten politischen Stimmen der 68er im US-Jazz-Biotop.

2005 bekommt Haden den Grammy.  Foto: AFP

Gleichwohl war Politik nie sein einziges Anliegen. Mindestens genau so wichtig waren ihm immer die Musik und ihre Schönheit, und jede musikalische Schönheit, wenn nicht Schönheit überhaupt hatte für ihn ihren Grund im Zuhören. Die Welt wäre besser, sagte er gelegentlich, wenn wir uns besser zuhören könnten. Manfred Eicher, Gründer der Tonträgerfirma ECM, der fast zwei Dutzend Alben mit ihm produziert hat, beschreibt ihn als Meister in der Kunst des Hörens und darin, die Ideen seiner musikalischen Weggefährten zu ergänzen und weiterzuführen, die Musik zu verankern und ihr zugleich Flügel zu verleihen: „Ein einziger Ton von Charlie konnte die musikalische Landschaft verändern – ein Phänomen, dessen Zeugen wir viele Male gewesen sind.“

Während der vergangenen drei Jahrzehnte war seine musikalische Heimat das Quartet West. Das war keine experimentierende Avantgarde-Truppe, sondern eine Formation mit einem Sound, der volltönend und klangschön daherkam, von einer souveränen, fast klassischen Eleganz durchwirkt. Melodische Verbindlichkeit war die Mitte, um die die Band zusammenkam.

Vor vier Jahren erschien das Quartet-West-Album „Sophisticated Ladies“, auf dem Haden seinem alten, liedhaften Traum vom Jazz nachging. Es versammelt Songs, die das Quartett mit den Vokalistinnen Norah Jones, Melody Gardot, Cassandra Wilson, Diana Krall, Renée Flemig und Ruth Cameron aufgenommen hat. Aber auch in dieser klangschwelgerischen, fast nostalgisch erscheinenden Musik vergaß er nicht ihre politische Mission: „Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen, die Schönheit am Leben zu halten. Wir müssen das Gegengift sein zu all dem Mist, der sonst passiert.“

Charlie Haden war schon seit etlichen Jahren nicht mehr auf der Bühne zu erleben, späte Folgen seiner Polio-Erkrankung behinderten ihn zunehmend. Er hat dennoch nicht aufgehört, Musik in die Welt zu setzen. Im März 2007 hat ihn sein alter Weggefährte Keith Jarrett zu sich eingeladen, um gemeinsam Aufnahmen zu machen. Dabei entstanden die Alben „Jasmine“ und „Last Dance“. „Es ist, als würden zwei Menschen zusammen singen“, sagte Keith Jarrett über sein Zusammenspiel mit Charlie Haden, und Haden selbst befand: „Keith hört wirklich zu, und ich höre auch zu. Das ist das Geheimnis. Es geht ums Zuhören.“

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