Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

06. Juni 2008

China: Die alten Wunden

 Von MA JIAN
Der Platz des Himmlischen Friedens, 19 Jahre nach dem Massaker. Foto: dpa

Der Respekt vor den Erdbebenopfern kann kein Grund sein, zu den Repressalien in China zu schweigen. Von Ma Jian

Drucken per Mail

Auf dem Platz des Himmlischen Friedens wehte im vergangenen Monat die chinesische Nationalfahne drei Tage lang auf Halbmast, um der Opfer des schweren Erdbebens von Sichuan zu gedenken. Es war das erste Mal in der chinesischen Geschichte, dass eine offizielle Staatstrauer nach dem Tod gewöhnlicher Zivilisten ausgerufen wurde. Tausende von Menschen durften sich auf dem Platz zusammenfinden und der Trauer um ihre Landsleute in Sichuan Ausdruck verleihen. Trotz der erschreckenden und ständig steigenden Anzahl der Toten hat das Ereignis die Nation zu neuem Leben erweckt. Von überall her eilen die Menschen, um Blut und Geld zu spenden und sich den Rettungsmannschaften anzuschließen. Sie haben ihren sozialen Verantwortungssinn und die Fähigkeit zur Anteilnahme wiederentdeckt.

Der allgemeine Schockzustand, die Trauer und das diffuse Solidaritätsgefühl erinnern an die Zeit kurz nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 19 Jahren, als die kommunistische Regierung Panzer nach Peking schickte, um eine von unbewaffneten, friedlichen Studenten organisierte Demonstration für Demokratie niederzuschlagen.

Die Proteste waren durch den Tod des reformorientierten Politikers Hu Yaobang ausgelöst worden. Studenten aus Peking und den Provinzen hatten sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem symbolischen Herzen der Nation, zusammengefunden und forderten Frieden, Demokratie und das Ende der Korruption in der Regierung. Bald hatten sich Angehörige aller Schichten zu ihnen gesellt: Arbeiter, Geschäftsleute, Schriftsteller, Kleinkriminelle. Der Platz war zu einem kleinen selbstverwalteten Freistaat geworden, wo die Studenten lebten, sich verliebten, zur Musik Bob Dylans tanzten und über Thomas Paines "Menschenrechte" diskutierten.

Als am Morgen des 4. Juni 1989 Panzer die Studenten vertrieben hatten, verteilten örtliche Geschäftsleute Schuhe aus an Demonstranten, die ihre im Getümmel verloren hatten. Als die Soldaten das Feuer eröffneten, eilten Zivilisten zu den Verwundeten und brachten sie ins Krankenhaus, wo Ärzte und Krankenpfleger die Nacht durcharbeiteten, um die Verletzten zu versorgen.

Die Partei verlor keine Zeit und bereitete die Schilderung der Ereignisse in ihrem Sinne auf. Sie nannte die friedliche Demokratiebewegung einen "konterrevolutionären Aufruhr" und rechtfertigte das brutale Vorgehen als notwendig, um die Ordnung wieder herzustellen. Als man damit begann, die Führer der Bewegung zu verfolgen und einzusperren, zeigten die gleichen Bürger, die den Studenten während ihrer sechswöchigen Besetzung des Platzes zu Essen und zu Trinken gebracht hatten, eben diese Studenten jetzt bei der Polizei an.

Die Partei war sich bewusst, dass sie durch das Massaker ihre Glaubwürdigkeit beim Volk eingebüßt hatte, und entschied, dass ein Wirtschaftswunder der beste Weg sei, künftig Rufe nach Reformen zu unterdrücken. Dank seiner billigen, fleißigen und nicht in Gewerkschaften organisierten Arbeiterschaft ist China inzwischen zu einer wirtschaftlichen Weltmacht geworden und steht mit jedem auf gutem Fuß.

Die weltweit im Fernsehen verbreitete Tragödie auf dem Platz des Himmlischen Friedens war ein entscheidender Moment in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie Budapest 1956 und Prag 1968, wurden die Ereignisse von Peking zu einem Symbol für totalitäre Unterdrückung. Jedoch ist das Thema in China immer noch tabu. Selbst in den eigenen vier Wänden wagen es Eltern nicht, mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Vor Angst verschließt man die Augen, richtet sich ein in dem neuen Wohlstand und ergibt sich in das kollektive Vergessen.

Einige sind der Ansicht, man solle jetzt, da China von einer Katastrophe heimgesucht wurde, nicht noch zusätzlich alte Wunden aufreißen. Aus Respekt vor den Toten haben westlichen Medien ihre Berichterstattung über Repressalien in China und Tibet eingestellt. Bei einer Menschenrechts-Veranstaltung in London, wo ich als verbotener chinesischer Schriftsteller eingeladen war, bat man mich, nichts Negatives über mein Land zu sagen.

Leid und Trauer lassen sich jedoch auf Dauer nicht unterdrücken. In Sichuan verwandelte sich der Schmerz in Wut, als aufgebrachte Eltern eine Erklärung dafür verlangten, dass 6898 Schulen durch das Erdbeben einstürzten, während Regierungsgebäude es unbeschadet überstanden. Die Trauer um die Erdbebenopfer wird auch jene Tote in Erinnerung bringen, derer man sich nach dem Willen der Regierung nicht erinnern darf: nicht nur die Tausende, die 1989 niedergemetzelt wurden, sondern auch die geschätzten 70 Millionen, die unter Mao starben während seiner Kampagne gegen Rechtsabweichler, des Großen Sprungs nach vorn und der Kulturrevolution.

Die Regierungsführer wissen, dass trotz ihrer Anstrengungen darum, die Geschichte zu verfälschen, alte Wunden weiter schwelen. Mit jedem ins Land ziehenden Jahrestag des Massakers wird offensichtlicher, wie viel Angst sich hinter dem großen Gebaren der Partei verbirgt. Letztes Jahr ließ man wie immer Zivilpolizisten den Platz des Himmlischen Friedens überwachen, um eventuelle Versuche, der Opfer zu gedenken, sofort unterbinden zu können.

Anhänger der Demokratiebewegung wurden aus der Stadt entfernt oder unter Hausarrest gestellt. Drei Redakteure einer Zeitung in Chengdu, die eine Kleinanzeige mit einem Gruß an die "Mütter des 04.06" veröffentlichte, wurden entlassen. Es ist ein tragischer Umstand, dass die junge Angestellte, die die Anzeige annahm, sich der Bedeutung des Datums nicht bewusst war. Man hat sie - und ihre ganze Generation - der eigenen Geschichte beraubt.

Trotzdem ruhen einige mutige Einzelne nicht, sich zu erheben und die Welt an die Geschehnisse zu erinnern. Der Dichter Shi Tao informierte per Email eine westliche pro-demokratische Internetseite über eine Direktive der Regierung, in der den Medien verboten wurde, den Jahrestag des Massakers zu erwähnen. Er wurde verhaftet und hat jetzt drei Jahre seiner zehnjährigen Haftstrafe verbüßt. Din Zilin, die Organisatorin der Tiananmen-Mütter, die selbst ihren 17-jährigen Sohn in dem Massaker verlor, wird dieses Jahr wieder darum kämpfen, an der Stelle, wo ihr Sohn erschossen wurde, einen Kranz niederlegen zu dürfen.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: "Man kann sich nur dort erheben, wo man fiel." Damit China sich wahrlich erheben und seine mächtige Position in der internationalen Gemeinschaft verdientermaßen einnehmen kann, muss es an den Ort zurückkehren, wo es fiel.

Die Regierung muss die Wahrheit über die tragischen Ereignisse enthüllen und sich bei den Opfern und ihren Familien entschuldigen; sie muss die etwa hundert Menschen, die wegen ihrer Verbindung zu der Demokratiebewegung noch immer im Gefängnis sitzen, freilassen, genauso wie Zehntausende anderer politischer Gefangene, die ihre Tage in Gefängnissen und Arbeitslagern fristen; und sie muss demokratische Reformen einleiten.

Dem chinesischen Volk wurde durch das Erdbeben klar, dass Menschenleben unersetzlich sind und dass der Toten gedacht werden muss. Diese Einsicht zeugt von einer entscheidenden Veränderung in der politischen und moralischen Landschaft der Nation.

Deutsch von Andrian Widmann

Jetzt kommentieren

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

TV-Kritik
Videonachrichten Kultur
Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Fotostrecke
Otto Griebels Kind am Tisch

Otto Griebels "Kind am Tisch", ein undatiertes Aquarell, ist Teil des Münchener Kunstfunds bei Cornelius Gurlitt. Weitere Werke in unserer Galerie. Der Fall hebt das Thema Nazi-Raubkunst endlich auf die politische Agenda. Die Hintergründe dazu im Dossier "Münchener Kunstfund".

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!