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14. September 2009

China-Symposium der Buchmesse: Das Desaster

Der Buchmessen-Direktor Juergen Boos (l.) und der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland, Mao Zhaorong. Foto: dpa

Das China-Symposium der Buchmesse beginnt als Skandal und endet als Fiasko. Über weite Strecken eine Propagandaveranstaltung der chinesischen Zensurbehörde. Von Arno Widmann

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Am Ende, als es noch einmal ernst wurde auf dem Symposium, das so etwas wie die Auftakt-Veranstaltung der Frankfurter Buchmesse sein sollte, versagte nicht nur der Leiter der Buchmesse Jürgen Boos, sondern der Skandal des Tages war, dass Herbert Wiesner, der Generalsekretär des deutschen PEN, sich weigerte, auf Fragen aus dem Publikum einzugehen. Darunter die ihn unmittelbar betreffende, warum nämlich er diese Veranstaltung nicht nutze, um die Lage der in chinesischen Gefängnissen einsitzenden Autoren zur Sprache zu bringen.

Stattdessen war von "wir müssen aufhören, wir haben überzogen" die Rede. "Die ganze Tagung über haben wir nur vorbereitete Statements gehört. Jetzt wird es spannend, und Sie brechen ab," empörte sich ein Besucher, dessen Stimme stark genug war, um den Tumult zu überstimmen. Der Tumult fand vorne vor dem Podium ab. In der ersten Reihe saß der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland Mei Zhaorong, ein Scharfmacher. Er war es gewesen, der am ersten Tag das Signal zum Auszug der chinesischen Delegation gegeben hatte. Er wollte nicht hören, was die Umweltaktivistin Dai Qing und der Lyriker Bei Lei zu sagen hatten. Die Buchmesse hatte die beiden eingeladen, dann aber den notwendigen zweiten Schritt unterlassen. Auf Druck der chinesischen Seite.

Die Rede der Frankfurter Oberbürgermeisterin glaubte Mei Zhaorong noch hinnehmen zu müssen. Petra Roth hatte in aller wünschenswerten Klarheit in Rich- tung Buchmessenleitung erklärt, dass Gäste Gäste seien, und dass man sie nicht, weil von außen Druck gemacht wird, wieder ausladen kann. Petra Roth hielt sich nicht bei Allgemeinheiten auf, sondern nannte drei konkrete Fälle, bei denen die chinesischen Verhandlungspartner versucht hatten, Druck auf sie auszuüben. In allen drei Fällen genügte es, sich von den Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Petra Roth erwähnte dabei zweimal den Dalai Lama.

Mit dem Auszug der Chinesen war die Reihe der Skandale des Eröffnungstages noch nicht abgeschlossen. Juergen Boos, der Chef der Buchmesse , erklärte, er sei enttäuscht von der Aktion der chinesischen Delegation. "Auch überrascht?", fragte ein Journalist nach. "Auch überrascht", betonte er.

Kurz danach erklärte der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer der ihm höflich lauschenden Oberbürgermeisterin, den Chinesen sei garnichts anderes übrig geblieben, als den Saal zu verlassen. Dort zu bleiben, wäre ein unerträglicher Gesichtsverlust gewesen. "Die Buchmesse hat gegen eine Vereinbarung verstoßen. Das können die nicht einfach hinnehmen."

Eine gefühlte halbe Stunde später betrat Jürgen Boos wieder den Sitzungssaal im Frankfurter Instituto Cervantes. Mit ihm die chinesische Delegation.

Jürgen Boos erklärte: "Ich muss mich entschuldigen. Ich habe - ohne meinen Partnern Bescheid zu sagen, den Ablauf geändert. Das hätte ich nicht tun dürfen. Dafür bitte ich um Entschuldigung."

Man konnte sich empören über dieses erneute Dienern vor der chinesischen Delegation. Man konnte aber auch Mitleid mit ihm haben. Er hatte sich von Anfang an in eine aussichtslose Situation manövriert. Nun blieb ihm nur, die Suppe auszulöffeln. Die Chinesen kannten da kein Erbarmen. Mei Zhaorong, der Kopf der Delegation, erklärte, man sei "zu einem Meinungsaustausch gekommen, nicht um Lektionen in Sachen Demokratie erteilt zu bekommen. Die Zeiten sind vorbei." Donnernder Applaus der chinesischen Jubelperser.

Herbert Wiesner, Generalsekretär des deutschen PEN, der sich bei der ersten Auseinandersetzung sich so beherzt für die Zulassung von Dai Qing und Bei Lei eingesetzt hatte, ergriff hier nicht die Gelegenheit, klarzumachen, dass unter einem Meinungsaustausch nicht das Abgeben von Statements, sondern das Hin- und Her von Argument und Gegenargument zu verstehen ist.

Stattdessen begann die Tagung. Auch sie ein Skandal. Von Seiten der Buchmesse war erklärt worden, ein Auszug der Chinesen aus dem Symposium sei undenkbar und auf keinen Fall hinzunehmen. Sonst verwandele sich das Symposium in ein Tribunal. Die Wahrheit ist: Das Symposium war das Tribunal. Auf der Veranstaltung "Die Bilder Chinas in den Medien - Chinas Bild von den Medien" gab es jede Menge Beiträge, die den westlichen Medien Verunglimpfung und Beleidigung Chinas vorwarfen. Nicht ein einziger Vortrag beschäftigte sich mit dem Bild, das die chinesischen Medien vom Westen malen.

Es handelte sich über weite Strecken um eine Propagandaveranstaltung der chinesischen Zensurbehörde. Auch das ist lehrreich. Und ein Kaderfossil wie Mei Zhaorong in Aktion vorgeführt zu bekommen, macht Spaß, wenn man nicht gerade ein chinesischer Journalist ist. Aber das war ja nicht angekündigt worden. Es war von Diskussion und Meinungsaustausch die Rede gewesen. Das gab es bei diesem Symposium in ganz kleinen Dosen. Vor allem wohl in den Kaffee- und Mittagspausen. Keinesfalls aber auf dem Podium.

Dann kam der Sonntag. Am Morgen gab es Zahlen und Gesichtspunkte zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Danach Launiges vom großen Autor Mo Yan und sehr Spitzes und Scharfes vom viel zu wenig bekannten Autor Xu Xing.

Dann platzte die Veranstaltung. Dai Qing fragte nach der Zensur. "Bis 1989 habe ich zehn Bücher verkauft. Danach nicht ein einziges." Sie bekam keine Antwort. Als dann eine Journalistin fragte, "Verehrter Herr Botschafter, Sie sprachen vom Ton, der die Musik mache. Welchen Ton muss ich anschlagen, damit sie hören, dass wir uns Sorgen machen um die verhafteten chinesischen Journalisten und Schriftsteller?" Von diesem Augenblick an herrschte Chaos. Die Chinesen bedeuteten Jürgen Boos, er müsse auf Abbruch der Veranstaltung drängen. Diese Arbeit übernahm dann für ihn der Generalsekretär des PEN.

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