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Chinas Starblogger Han Han: "Ich spekuliere nur"

Chinas Starblogger Han Han malt sich aus, wie weit die Internet-Zensur gehen könnte. Die vergnügliche Utopie einer alles andere als witzigen Realität.

Der chinesische Autor und Blogger  Han Han.
Der chinesische Autor und Blogger Han Han.
Foto: Bernhard Bartsch/FR

2010: China beginnt eine Internet-Säuberungskampagne mit dem Slogan: "Wen man drei Tage lang nicht haut, der steigt einem aufs Dach." (Chinesisches Sprichwort für unartige Kinder. Anmerkung der Redaktion.)

Juni 2010: Die Regierung startet die Kampagne "Schützt die Kinder". Informationen, die die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gefährden könnten, werden verboten. Die Regierung betont, dass alles, was mit Pornografie zu tun hat, Obszönität und Feudalismus verkörpere und daher zensiert werden müsse. Grundschüler werden mobilisiert, durch die Straßen zu marschieren und gegen das "Gelbe" zu demonstrieren. (Gelb ist in China die Farbe der Pornografie; die Behörden rechtfertigen damit die Internetzensur. Die Mobilisierung spielt auf die Roten Garden der Kulturrevolution an. A.d.R.)

Zur Sache

Google hat nach dem Streit über gefilterte Suchergebnisse seinen Rückzug aus China angekündigt. Chinas Starblogger Han Han malt sich nun aus, wie weit die Zensoren bei ihrer Kontrolle des Internets noch gehen könnten. Seine Satire "Ich spekuliere nur" wurde kurz nach Veröffentlichung in Hans Blog von den Behörden gelöscht. Mit Hans Genehmigung drucken wir eine gekürzte Version.

Han Han, 27, gehört zu Chinas populärsten Jung-Autoren und regimekritischsten Bloggern. Zugleich ist er einer der erfolgreichsten Autorennfahrer im Lande. Bei vielen jungen Chinesen, zumal Studenten und anderen städtischen Eliten, haben seine satirischen Texte zum aktuellen Geschehen Kultstatus. bb

Juli 2010: Das Komitee Patriotischer Grundschüler erklärt, dass die fünf gelben Sterne der Nationalflagge im Widerspruch zur fortschrittlichen Ideologie stehen. Die zuständige Behörde entscheidet, die Sterne rot zu färben.

August 2010: Die Regierung stellt fest, dass die roten Sterne auf rotem Grund nicht zu erkennen sind. Schülervertreter schlagen vor, die Sterne grün zu färben, um den "Grünen Damm" zu symbolisieren ("Grüner Damm" heißt einer Zensur- und Spionagesoftware, die Chinas Regierung 2009 auf allen neuen Computern installieren wollte. Nach Protesten wurde die Einführung verschoben. A.d.R.). Die Regierung baut im Internet eine neue Große Mauer.

Januar 2011: Die Regierung stellt in ihrem jüngsten Konjunkturpaket 100 Milliarden Yuan bereit, um Kommentarschreiber für Internetforen einzustellen. Das Planziel für das Jahr 2011 beträgt 100 Milliarden positive Kommentare.

2011: Es erscheinen Ankündigungen von Google, Youtube, Facebook und Twitter, dass sie nach China zurückkehren und Benutzer zur Registrierung eingeladen sind. Wer sich bei den genannten Webseiten registriert, wird vom Große-Mauer-System erkannt. Wer hinterher eine gewöhnliche Webseite aufrufen will, erreicht automatisch die Volkszeitung und die Nachrichtenagentur Xinhua. Wer ein Videoportal ansehen will, wird ans Zentralfernsehen weitergeleitet. In der zweiten Phase der Internetsäuberung werden alle Suchmaschinen gesperrt. In großen Portalen und Zeitungen erscheinen Artikel mit Überschriften wie "Suchen hat uns faul gemacht" oder "Internetsuchen führen bei Grundschülern zu schweren Beeinträchtigungen der Gehirnaktivität" usw.

2012: Sina.com (Chinas größtes Portal, auf dem auch Hans Blog erscheint. A.d.R.) berichtet, dass ein Dorfkader Bestechungsgeld in Höhe von 500 Yuan kassiert hat. Die Nachricht wird in China zur meistgelesenen Nachrichtengeschichte des Jahres. Viele halten das für einen neuen Höhepunkt der Kontrolle des Staats durch die Medien. Doch geben in einer Umfrage 90 Prozent an, der Artikel hätte nie erscheinen dürfen, weil er die soziale Stabilität gefährde und Unruhen heraufbeschwöre.

2013: Internetforen akzeptieren keine Kommentare mehr. Der Chinesische Schriftstellerverband übernimmt das Internet und liefert künftig alle Inhalte. Das Internet wird von Web 3.0 auf Web 0.3 zurückgesetzt.

2015: Die Regierung schaltet das Internet ab und führt einen zentralen Onlinecomputer ein. Computer haben keine Tastatur mehr, sondern nur noch eine Maus.

2016: Die Zahl der chinesischen Internetnutzer fällt unter eine Million (Heute: 380 Millionen. A.d.R.). Sämtliche Webseiten werden zu einer einzigen zusammengelegt, Nachrichten werden mit der Volkszeitung synchronisiert. Im gleichen Jahr verschwindet Chinas Internetindustrie. Fünf Millionen verlieren ihren Job. Die Volkszeitung schreibt: "Eine Industrie wurde geopfert für die Stabilität der Nation. Es hat sich gelohnt."

2017: Die Arbeitslosenzahlen steigen dramatisch. Der Zusammenbruch der Internetindustrie hat zu einer schweren Rezession geführt. Anti-chinesische Kräfte aus dem Ausland verabschieden bei den UN eine Resolution, die den Import chinesischer Waren weltweit verbietet. Damit protestieren sie gegen die Schließung des Internets in China. Die Regierung reagiert empört und bezeichnet die Verwaltung des Internets als interne Angelegenheit, in die sich kein anderes Land einmischen dürfe. Die anderen Länder erwidern, es sei auch ihre interne Angelegenheit, den Import chinesischer Waren zu verbieten.

2019: Militärparade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik. Die Regierung erklärt, die Landesgrenzen würden geschlossen, um sich auf die Selbststärkung zu konzentrieren. Reaktionäre Kräfte sollen vor Angst zittern. China veröffentlicht eine Nachricht an den Rest der Welt: "Wen man drei Tage lang nicht haut, der steigt einem aufs Dach."

Aus dem Chinesischen von Bernhard Bartsch

Autor:  Han Han
Datum:  21 | 1 | 2010
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