Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

23. März 2013

Chinua Achebe gestorben: Das Alte stürzt, alles zerfällt

 Von Sabine Vogel
Chinua Achebe (1930-2013)  Foto: dpa

Der Konflikt zwischen Weltbildern war für Achebe die Triebkraft seines Schreibens: Er wusste, er hatte eine Geschichte zu erzählen. Zum Tod des großen Autors Chinua Achebe.

Drucken per Mail

Als sein Roman „Things Fall Apart“ 1958 erscheint, ist sein Heimatland Nigeria noch eine britische Kolonie. In dem 10 Millionen Mal verkauften, in 50 Sprachen übersetzten Klassiker (Dt. „Okonkwo oder Das Alte stürzt“ und „Alles zerfällt“) erzählt Albert Chinualumogu Achebe vom Eindringen des Kolonialismus in die bis dahin funktionierende Welt der Igbo-Kultur, der er angehört. In seinem Roman über den stolzen aber an der aufoktroyierten Moderne scheiternden Okonkwo setzt er der präkolonialen Vergangenheit eines Dorfkosmos ein literarisches Monument entgegen. Hier erzählt Afrika seine Geschichte selbst: „Das Afrika, über das ich schreibe, wird nicht von Menschen bewohnt, denen es an der Gabe zu sprechen gebricht“, sagte Achebe einmal.

Dem Sohn eines zum Christentum konvertierten Missionars war zwar das heidnische Teufelszeug der Masken und Initiationsriten verboten. Aber Toleranz für parallel existierende Religionen und Hautfarben war in der Igbo Kultur tief verankert, und so wuchs Achebe an einer „Kreuzung der Kulturen“ auf: „Es ist also besser, sich mit beiden (Göttern) gut zu stellen.“ Der Konflikt zwischen Weltbildern war für Achebe die Triebkraft seines Schreibens: Er wusste, er hatte eine Geschichte zu erzählen. Die Notwendigkeit einer Geschichte definiert für ihn die Aufgabe des (afrikanischen) Schreibens und seine Rolle als Schriftsteller. Immer wieder mischte sich der engagierte Moralist politisch ein, stritt sich mit den Machteliten seines Landes und prangerte die Korruption an.

Als der „Unruhestifter“ im Jahr 2002 in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis erhielt, sagte der streitbare Humanist, das habe ihm buchstäblich das Leben gerettet. Während des nigerianischen Bürgerkriegs (1967-1970) agierte er als Sonderbotschafter für die „Republik Biafra“, die sich von Nigeria lösen wollte. „Es war einmal ein Land“ – damit ist das massakrierte Biafra gemeint, von dessen Geschichte er erzählt. Geschichte ist für ihn immer das, was sie mit den Menschen, den Familien, ihrer Kultur macht.

„Schriftsteller bieten keine Rezepte“, lässt Achebe einen seiner Protagonisten einmal sagen, „Schriftsteller bereiten Kopfschmerzen.“ In der Nacht zum Freitag ist der „Vater der modernen afrikanischen Literatur“ im Alter von 82 Jahren in Boston gestorben.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Times mager

Mottig

Von  |
Auf seinem Weg in die Geschichtsbücher macht Donald Trump auch vor der Tierwelt nicht halt.

Wem zu Ehren oder zum Hohn wurde eigentlich eine neu entdeckten Mottenart nach Donald Trump benannt? Der Motte? Trump? Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2017: 23. Januar

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 23. Januar 2017: Mehr...

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.