Aber warum werden diese Babys oft als junge Männer dargestellt? Das hat einen einfachen Grund: Diese Darstellungen entstammen der Welt des kultischen Schauspiels. Die Akteure dort waren natürlich Erwachsene. Ähnlich wie in der griechischen Tragödie um König Ödipus ja ein erwachsener Schauspieler auftritt, der Plot des Stücks aber, wie wir seit Freud wieder sehen, ein Drama der Kindheit ist. Gekreuzigt wurden die Kleinen zwar nicht. Im Hintergrund ihrer Mythen stehen aber sehr wohl Szenen um Tod und Auferstehung. Denn sowohl in Indien als auch im Iran gab es eine ganze Reihe, eine ganze "Blockflöte" oder "Rasselbande" solcher Götter. Sie waren altersabgestuft und standen für die aufeinanderfolgenden Etappen der frühen Kindheit, und deshalb auch für die aufeinander aufbauenden Schichten in den Fundamenten unseres Seelenlebens. Der Gott Soma (altiranisch Haoma, heute Hom) etwa repräsentierte die frühkindliche Schicht vor dem Aufbrechen der besagten Höhle. Er musste einst "sterben", ja wurde in einem eigenen Ritual (symbolisch) "getötet", um als nächst älterer Gott sogleich wieder auferstehen zu können. Das so genannte Somaopfer ist zum Opfer des christlichen Gottessohnes nicht ohne Parallelen. Auch Soma "starb" gewissermaßen in den Armen einer schmerzleidenden Mutter oder Pietà, und auch Soma auferstand - nur jetzt eben verwandelt zu Indra oder Mithra - in die Welt des himmlischen Vaters.
Ist unser liebes Jesuskind also kein Jude, sondern ein Perser?
Beides. Jesus und seine Jünger waren sicherlich Juden; ebenso wie es auch die ersten Gemeinden in Jerusalem waren. Das werdende Christentum hat viele und zentrale Motive aus dem Judentum übernommen. Eine beträchtliche Anzahl von Motiven hat aber kein Vorbild im Judentum; obenan das Motiv eines geopferten Gottessohnes. Schon Paulus selbst schrieb deshalb, dass den Juden ein gekreuzigter Messias ein Skandalon, ein Ärgernis, sei (1 Kor 1,23). Ich glaube, wir müssen deshalb neben die jüdische Mutter einen iranischen Vater stellen.
Das klingt sehr seltsam. Es ist aber das Wahrscheinlichste. Die Juden standen der altiranischen Kultur näher als der griechischen (und schon gar der römischen). Dem persischen König Kyros verdankten sie die Befreiung aus dem Babylonischen Exil und den Wiederaufbau des Tempels (538 v. Chr.), und viele Passagen des so genannten Alten Testaments verweisen auf lebhafte Beziehungen zum Iran.
Austausch gab es im Handel, aber auch im Zuge der Migration, und nicht zuletzt den der Sprachen. Das Aramäische (die Muttersprache Jesu) war auch im Iran die lingua franca, und überdies ist eine Vielzahl von iranischen Fremd- und Lehnwörtern im damaligen Aramäisch Israels nachweisbar. Es wäre ein Wunder, wenn sich im breiten Spektrum des Judentums zur Zeit Jesu nicht auch iranische Traditionen wiederfänden. Motive aus dem Umfeld frühkindlicher Schöpfungsdramen sind bereits im Neuen Testament reichlich anzutreffen. Wäre es denn eine Schande, wenn sich das Christentum als Kind zweier Eltern erwiese und endlich das Trauma vom ungeliebten Halbwaisen überwinden könnte? Was würde das für das heutige Judentum, und was für den heutigen Iran bedeuten!
Interview: Arno Widmann
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen