Morgen ist Weihnachten. Woran denken Sie beim Blick auf das Kind in der Krippe?
Sehr wahrscheinlich lebt in unserem Christkind eine uralte Göttergeschichte fort, die ihre ältesten uns noch greifbaren Wurzeln in alten indo-iranischen Mythen hat. Dort hießen diese Götter unter anderem Indra und Mithra und glichen unserem Christkind in bemerkenswert vielen Details. Der Mythenschatz ihres Umfeldes war freilich bedeutend größer. Die kindlichen Gottessöhne dort waren Weltenschöpfer. Und sie erschufen die Welt in gewissem Sinn tatsächlich. Zwar nicht im physikalischen, sehr wohl aber im psychologischen Sinn.
Harald Strohm, geboren 1953, lebt als Privatgelehrter in Lindau. Sein neuestes Buch heißt "Mithra oder: Warum ,Gott Vertrag' beim Aufgang der Sonne in Wehmut zurückblickte" (Wilhelm Fink Verlag).
Was heißt das? In ihren Mythen wird re-inszeniert, wie sich die menschliche Welt in der frühen Kindheit, insbesondere in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres eröffnete. Die Kurzsichtigkeit der ersten Lebensmonate verliert sich und die Kleinen kriechen wie aus einer schillernden Höhle, noch immer von einer lichtgleißenden Aura umhüllt. In diesem Alter weitet sich, darauf abgestimmt, auch der haptische Raum. Das Greifen und Begreifen wird nun differenzierter und weitet das einstige Höhlendasein zu einer - morgenroten - Welt. In den Krippendarstellungen der Christenheit ist davon noch manches durchzuspüren. Insbesondere ist das Christkind ja auf keiner Darstellung ein wirkliches Neugeborenes, sondern immer ein etwa sechsmonatiges Knäblein: mit schon wachem Blick, einem bereits recht großen Kopf, (oft) blonder Lockenpracht wie bei Indra und Mithra, einer Lichtaura, und lebendig greifenden Händchen und strampelnden, das Gehen vorbereitenden Beinchen.
Wuchsen Indra und Mithra nicht auch heran? Wurden sie Krieger und Helden oder kamen sie auch an ein Kreuz?
Nein, sie wuchsen eigentlich nicht heran. Sie bestanden zwar Abenteuer, insbesondere im Kampf und in der Liebe. Aber wer einmal den Blick dafür hat, erkennt, dass all diese Abenteuer nicht wirklich die erwachsener Krieger sind, sondern in den Rahmen frühkindlicher Schöpfung gehören. Genauer: Diese Götter repräsentierten die im "Unbewussten" verwahrten Erlebnisstrukturen der frühen Kindheit, und die ihnen zugedachten Kulte und Gebete dienten der Pflege dieser Strukturen.
Und die Liebesgeschichten? Auch diese Eroberungen handeln, genauer besehen, von der ersten Liebe, der Liebe zur Mutter im ersten Licht der Morgenröte. In der Tat hieß die Geliebte Indras auch Usas, Göttin der Morgenröte. Sie glich der christlichen Muttergottes in vielen Einzelheiten: Sie trug einen Schleier sowie einen nachtblauen Mantel und ein morgenrotes, oft zum Stillen geöffnetes Untergewand; ihr jugendlich schönes Gesicht mit leuchtenden, ja geschminkten Augen wird immer wieder hervorgehoben. Und zu Recht. Denn neben der mütterlichen Brust ist das mütterliche Gesicht gleichsam die Ur-Wahrnehmung des Menschen, Basis und Ausgangspunkt im Zuge der optischen Welteröffnung. In altindischen Liedern an Usas heißt es daher: "Sie legt sich Schminke auf und geht, stolz auf ihren Körper, zu dem sie begehrenden Gott (Indra) ... Lächelnd enthüllt sie vor ihm die Brüste, wenn sie im Osten (als Morgenröte) erstrahlt ... Sie hat ihre lieben Sachen entblößt, des Himmels Enden enthüllend ... Usas hat die ganze Welt enthüllt." Mit erstaunlicher Intuition und Präzision haben die Madonnenmalereien eines Raffael oder Rubens diese alte Psychologie im Überlieferungsschatz des Christentums gleichsam wiederentdeckt. Genau wie bei ihnen das Jesusknäblein in den Armen der freimütigen Muttergottes werden uns auch die alten indo-iranischen Schöpfungsgötter geschildert: mit pausigen Bäckchen, dickem Bäuchlein und - ironisierend - "am Euter ein Schlund". Ein Ahne dieser alten, "heidnischen" Götter, der kleine Krishna, wird in Indien auch heute noch verehrt.
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