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04. Januar 2013

Cinema on Demand : Das neue Kino

 Von Daniela Kloock
Alter Kino-Klassiker: Charlton Heston in „Ben Hur“.  Foto: imago

Neue Kino-Modelle lassen die Zuschauer entscheiden, welche Filme sie sehen möchten.

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Die Lichtspielhäuser stehen mehr denn je vor großen Umbrüchen. Die technischen Veränderungen durch die Digitalisierung haben starke Konkurrenzmedien hervorgebracht, die das Kino als erstes und bisher kulturell wichtigstes Auswertungsfenster von Filmen zunehmend randständig machen. Hinzu kommt ein verändertes Freizeit- und mediales Nutzungsverhalten vor allem der jungen Generation. Die will schnell und komfortabel mit Informationen versorgt werden, sich vernetzen und mitbestimmen. Dafür sind die Vertriebsstrukturen, die das Kino seit Jahrzehnten bestimmen, zu schwerfällig. Hinzu kommt, dass auch die Programme in den Kinos von vielen als zu monoton empfunden werden. Von dem weltweit riesigen Filmangebot bleibt nur ein vereinheitlichter, von Verleihern und Kinobetreibern ausgewählter Extrakt übrig. Damit musste der Kinogänger bisher leben.

Doch die Branche, die sich jahrelang vor allem mit Finanzierungsfragen und den Problemen der Digitalisierung beschäftigt hat, entdeckt nun Potenziale und fängt langsam an kreativ zu werden. „Der aktive Zuschauer“ heißt das neue Paradigma, und das Geschäftsmodell nennt sich „Cinema on Demand“. Dieses Konzept geht nicht mehr davon aus, dass es ein Publikum gibt, das nimmt, was es bekommt. Man rechnet vielmehr damit, dass die Filmvorlieben sehr vielfältig sind und dass weit mehr Menschen in die Lichtspieltheater gehen würden, wenn sie dort das fänden, was sie suchen: Filme, die sie wirklich sehen wollen, die sie vielleicht sogar selbst entdeckt haben, und Menschen, die einen ähnlichen Geschmack haben.

Film wird nur bei Interesse gezeigt

Kinoinitiativen in Frankreich und den Niederlanden experimentieren bereits mit diesem Geschäftsmodell. Im März 2011 wurde beispielsweise in Frankreich „ilikecinema.com“ von einer Gruppe unabhängiger Kinobetreiber gegründet. Auf dieser Internet-Plattform wurde bis heute ein Gesamtkatalog von über 200 Filmtiteln zusammengestellt; darunter finden sich durchaus anspruchsvolle Arthouse-Produktionen wie etwa Béla Tarrs „Turiner Pferd“, aber auch Mainstream-Filme und Klassiker wie „Ben Hur“. Der Zuschauer meldet sich über eine E-Mail-Adresse und ein Passwort an und wählt den Film und das Kino, in welches er gehen möchte. Seine Auswahl wird dann öffentlich; über Facebook können sich Freunde der Option anschließen oder „ilikecinema.com“ sucht die Kontakte. Wenn mindestens 30 Personen Interesse haben, wird der Film im Kino für 7,80 Euro gezeigt.

Die Plattform bietet neben Filmpremieren und Quizrätseln auch die Möglichkeit, Kinos für Feierlichkeiten zu buchen. Dass das Centre National du Cinéma „ilikecinema“ unterstützt, zeigt wie ernst diese Innovation innerhalb der französischen Kinolandschaft genommen wird.

Auch „La Septième Salle“ arbeitet in dieser Richtung. Bis Jahresende haben sich unter diesem Logo bereits 80 französische Kinos zusammengeschlossen, bis 2014 sollen es 250 Lichtspielhäuser werden. „La Septième Salle“ versteht sich etwas ambitionierter als eine Art Cineclub 2.0. Filme, die mit zu wenigen Kopien gestartet sind oder nur kurz in den Kinos liefen, werden hier gefördert. Aber auch Filme aus dem arabischen Raum sowie Independent-Produktionen, ja überhaupt alles, was auf den alten Vertriebswegen kaum Chancen hatte, je in einem Kino gezeigt zu werden, kommt in den Film-Pool von „La Septième Salle“. Auch hier ist die Anmeldung kostenlos; ein Klick – und der Film ist gewählt! Erhält er innerhalb einer Woche 30 weitere Zustimmungen, kommt er ins Kino. Die Macher der Plattform werben mit Teilhabe, aber auch mit der Chance, neue Communities zu gründen, da sich bei den Vorführungen Zuschauer mit ähnlichen Vorlieben treffen, die in Kontakt kommen können.

„We Want Cinema“ schließlich ist ein Start-up-Unternehmen aus den Niederlanden und hat 2012 einen „Digital Innovation Award“ erhalten. Die junge engagierte Filmdistributions-Company bietet bereits über tausend Filme zur freien Wahl an. „The Movie Theatre Is Yours“ lautet der Slogan; ein professionell gemachter Trailer läuft bereits im holländischen Fernsehen.

Doch nicht allein Teilhabe, die Bildung neuer Communities und die Chance auf ungezeigte Filme stehen für das Konzept. „Cinema on Demand“ bedeutet auch Hoffnung auf eine bessere Kinoauslastung. Es werden bereits solche Geschäftsmodelle ausprobiert, bei denen Zuschauer schon in die Produktionsphasen eingreifen, indem sie beispielsweise Rollen-Besetzungen mitbestimmen oder Kostümvorschläge machen. In Amerika entstehen derzeit schon ganze Filme, die über solche Modelle finanziert werden.

Gleichzeitig aber sollte bei der ganzen Euphorie nicht vergessen werden, dass hier auch konkrete Marketingdaten gesammelt werden, um ausdifferenzierte Käuferprofile zu entwickeln. Ungewiss ist auch, ob die Mehrzahl der vor allem älteren Zuschauer an so einem System Gefallen findet. Das Arthouse-Publikum ist hierzulande jedenfalls weit weniger digital, als viele vielleicht annehmen. So ergab die jüngste Programmkinostudie der bundesdeutschen Filmförderungsanstalt FFA, dass für diese Zielgruppe Berichte und Rezensionen aus Printmedien nach wie vor der wichtigste Anreiz für einen Kinobesuch sind.

Vor allem für ein jüngeres Kinopublikum gilt, dass durch die sozialen Medien einiges in Bewegung kommt. Und: Das Internet öffnet den Blick für die Größe und Vielfalt der Filmproduktionen. Es bleibt also spannend abzuwarten, wann hierzulande die ersten Schleusenwärter aufwachen.

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