Natürlich ist auch Arte-Chef Jérôme Clément da. Er hat den Auftakt der Veranstaltung gemacht. Er liest nicht schlecht. Im Übrigen ist er nicht der Ehemann, sondern der Bruder von Cathérine Clément, die alle Texte ausgewählt und alles orchestriert hat. Aber sie hat auch an ihren Mann gedacht. André Roderich Léwin, "Botschafter a.D.", wird auf einem anderen Kontinent lesen: "Amériques", in der Mehrzahl wohlgemerkt, die Farbe ist blau. Dort steht bereits seine Frau, Madame Clément, die nicht milde ist, wie der Name vielleicht suggeriert. Sie sieht aus wie eine Kulturbeamtin, die mit einem Zelt bekleidet ist, und maßregelt Menschen, die nach vielen Stunden einen Sitzplatz auf dem Boden ergattern wollen.
Clément ist ein interessanter Fall: Wenn man sie "googelt", erfährt man, dass sie bei Lacan, bei Michel Serres und Vladimir Jankélévitch studiert hat. Sie war mit 24 Professorin, hielt Vorträge im Seminar von Lévi-Strauss und hat zahlreiche Bücher geschrieben. Heute leitet sie die Volks-Uni des Branly-Museums und ist der Beweis, dass Bildung nicht gleichbedeutend ist mit Anstand und Respekt.
Eine Dame bemerkt klug: "Die Veranstaltung ist langsam ein Fall für den Ethnologen." Derweil liest Julia Kristeva, Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin, Schriftstellerin. Sie hat sich sogar vorgestellt, das machen hier die wenigsten. Die anderen gehen davon aus, dass man sie ohnehin kennt. Sie sagt sogar, welche Seiten sie lesen wird. Es ist ein Text über den Vergleich der Heilung durch Schamanen und der Psychoanalyse, der so klingt, als würde er von ihr stammen. Von hinten sieht man nur, dass sie einen schwarzen Anzug trägt. Vor zwanzig Jahren hielt sie ihre Vorlesungen noch in Netzstrümpfen, sie trug roten Nagellack und aufreizende Kostüme, was in einem deutschen Hörsaal damals ein wirklich ungewohnter Anblick gewesen wäre. Wenn der Hausmeister ihr zum Semesterende Blumen überreichte, sagte sie schlicht: "Einer unser Kommilitonen wünscht uns schöne Ferien."
Das hatte "classe". Jetzt dreht sie sich um und man sieht, dass sie ein schwarzes T-Shirt unter dem Anzug trägt mit zwei pinkfarbenen Flamingos aus Strasssteinen, die sich küssen. Beim Abgang redet sie kurz mit Elisabeth Roudinesco, ebenfalls Psychoanalytikerin, ebenfalls im schwarzen Anzug, aber ohne Pink Flamingos, als wäre das hier eine Beerdigung.
Es ist eine seltsame Hommage, die sich die Veranstalter da ausgedacht haben. Sie ist gemacht für Menschen, die Lévi-Strauss in Ruhe zu Hause oder in einer Bibliothek lesen könnten, aber den Eventcharakter eindeutig der akademischen Einsamkeit vorziehen. Gut möglich, dass sie nur gekommen sind, um Wissenschafts-Vips zu sehen. Aber man ahnt auch, dass es vielen um die konkrete Erfahrung, um Präsenz, um Stimmen geht. Sie wollen Menschen zuhören, die ein Werk durchdrungen haben, hoffentlich.
Aber es hätte wahrlich nicht dieses akademischen Aufmarsches bedurft, nicht der Fernsehstars und auch nicht der Politiker. Die Wissenschafts- und Forschungsministerin Valérie Précresse muss sich immerhin von einigen Geburtstagsgästen den Vorwurf gefallen lassen, dass sie dabei ist, das Forschungsinstitut CNRS zu zerschlagen. Am Tag zuvor hatten die Forscher gegen die "Reform" demonstriert. "Wir sind alle Studenten der Ethnologie", schreit ein Mann, wie damals, '68, aber jetzt ist '08, spürbar.
Erwähnt werden muss noch, dass der Unterhaltungskünstler Bernard-Henri Lévy der einzige ist, der es geschafft hat, auf der Liste der Teilnehmer zu stehen, ohne im Programm aufzutauchen. Im Sittenbild darf auch sein ehemaliger Schwiegersohn nicht fehlen, der Philosoph Raphaël Enthoven, der Lévys Tochter für Carla Bruni verließ. Enthoven trägt Schuhe, die kein Geräusch machen, kommt viel zu früh, liest, und ist längst weg, als die Massen kommen, die ihn sehen wollen. Aber sie haben nichts verpasst. Was er deklamierte, klang wie Molière.
Es ist Abend geworden. Draußen leuchtet der Eiffelturm europablau in der Dunkelheit. Eine Frau sagt, die Farbe erinnere sie an einen Parfumflakon aus den siebziger Jahren. Das klingt deprimierend. Und es bleibt nur ein einziger Trost, der in Gestalt von Claude Lanzmann auftritt.
Lanzmann liest als allerletzter, stehend, lange, ohne Wasserglas, aus Protest hat er den Mantel angelassen, weil er am Vorabend seinen 83. Geburtstag gefeiert hat und man wirklich nicht hundert werden muss, um einen Stuhl zu verdienen. Der Regisseur von "Shoah" liest aus den "Traurigen Tropen" einen Auszug über den Sonnenuntergang, den Lévi-Strauss auf See, auf der "Mendoza" geschrieben hat. Er liest mit einer Stimme, die von weit her kommt, und endlich liest hier einer nicht für sich, sondern für den Text, der immer größer, immer bunter wird, der den Himmel durch alle Farben zieht, und plötzlich ist klar: Das hat nicht nur ein wichtiger Denker, das hat der Sohn eines Malers geschrieben, ein sehr großer Schriftsteller.
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