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Claude Lévi-Strauss: 100 Jahre Einsamkeit

Sittenbild der Hautevolee: Im Musée du Quai Branly feiert die Pariser Prominenz den Geburtstag von Claude Lévi-Strauss.

Natürlich ließ es sich Staatspräsident Nicolas Sarkozy nicht nehmen, Claude Lévi-Strauss persönlich zum 100. Geburtstag zu gratulieren.
Natürlich ließ es sich Staatspräsident Nicolas Sarkozy nicht nehmen, Claude Lévi-Strauss persönlich zum 100. Geburtstag zu gratulieren.
Foto: afp

Paris, Musée du Quai Branly. "Dort, wo die Kulturen im Dialog sind." Genauso steht es in der Einladung. Hier wird er gefeiert, der 100. Geburtstag des Anthropologen Claude Lévi-Strauss, des mit Sicherheit einflussreichsten, des größten lebenden Denkers Frankreichs. Ein Mann, der weiß, was Schenken heißt. Er selbst wird nicht kommen, wird seinen Geburtstag zu Hause verbringen, umgeben von seiner Familie, während im Museum 100 französische Intellektuelle in einer Art Marathon seine Texte lesen werden. Die Liste der Teilnehmer liest sich wie ein "Who's Who" der Geisteswissenschaften, und vielleicht hat der alte Mann geahnt, dass es ein Jahrmarkt der Eitelkeiten werden könnte.

Lévi-Strauss verlässt nicht mehr oft das Haus, hört man. Aber Frankreichs Präsident, Nicolas Sarkozy, wird Zeit finden, ihm am frühen Abend einen Besuch abzustatten und persönlich zu gratulieren. Lévi-Strauss, so vermeldet der Elysée-Palast, habe sich sehr interessiert gezeigt und mit Sarkozy über die Republik gesprochen. Er habe ihm seine Überlegungen über die Zukunft der modernen Gesellschaften mitgeteilt. Vor drei Jahren hatte er in einem Interview gesagt: "Die Welt, die ich gekannt und geliebt habe, hatte 2,5 Milliarden Bewohner." Inzwischen sind es neun Milliarden. Was mag er dem Präsidenten geraten haben?

Zur Person

Am vergangenen Freitag wurde Claude Lévi-Strauss, der vielen als Frankreichs größter lebender Denker gilt, 100 Jahre alt.

Aus diesem Anlass feierte "tout Paris" den legendären Ethnologen im Musée du Quai Branly. Die Gästeliste liest sich wie ein "Who's Who" der Kulturszene: U.a. Bernard-Henri Lévy, Julia Kristeva, Claude Lanzmann, Raphaël Enthoven, das Psychoanalytiker-Ehepaar Miller und Cathérine Clement waren mit von der Partie.

Der Jubliar zog es vor, zu Hause zu bleiben - wo ihm Staatspräsident Sarkozy persönlich gratulierte.

Es geht die weiße Rampe hinauf, hinein in den Bauch des Museums, langsam wird es dunkler, ein großer Raum tut sich auf. In Afrika, sagt der Mann vom Info-Schalter, soll es losgehen. Punkt 13 Uhr. Es ist ein wenig so wie auf dem Flughafen. Nach seinem Namensschild zu urteilen, spricht der Info-Mann drei Sprachen, aber er weiß nicht, wo der Große Megalith aus dem Senegal ist. Das Museum, muss man wissen, ist in Kontinente aufgeteilt. Die Kontinente haben Farben. Afrika ist gelb. Natürlich ist der Große Megalith nicht zu verfehlen. Eine Menschentraube hat sich um ihn herum gebildet. Heute ist der Eintritt frei.

Daniel Mesguich, Schauspieler, Regisseur, liest aus den "Traurigen Tropen". Er ist nicht zu sehen und kaum zu hören. Hin und wieder kann man einen Wortfetzen auffangen. Armer Wilder. Er spricht das extrem pathetisch aus. Mesguich, so steht es in der Pressemappe, zeichnet für die Inszenierung verantwortlich. Aber da steht nicht "mise en scène", sondern "mise en espace", nur ist da kein Raum, oder zu wenig. Massen schieben sich durch das Museum und es wirkt, als sei diese Feier in Wahrheit eine traurige Metapher für die Überbevölkerung der Welt.

Der Schriftsteller Bernard Pingaud, auch schon ein alter Herr mit sehr, sehr leiser Stimme, steigt auf eine Kiste. Nur wer sich nach vorne kämpft, kann ihn hören und wird erfahren, dass die Marx-Lektüre für Lévi-Strauss eine Offenbarung war: "Eine ganze Welt tat sich vor mir auf. Diese Begeisterung hat seither nicht nachgelassen und selten kommt es vor, dass ich ein soziologisches oder ethnologisches Problem zu lösen versuche, ohne vorher meine Überlegungen durch ein paar Seiten des 18. Brumaire von Louis Bonaparte oder der Kritik der politischen Ökonomie belebt zu haben."

In der musealen Hölle der Übervölkerung zieht die Karawane der Wissbegierigen wie ein Flüchtlingsstrom weiter nach Ozeanien, die Farbe ist: rot. Denn dort, bei den Traumbildern der australischen Aborigines, verschärft sich die Lage noch. Die Philosophin Judith Miller steht in einer winzigen Ecke, die zugebaut ist von Stellwänden und Exponaten. Es passen in diese Nische vielleicht zehn Zuschauer und der Kameramann des Museums. Der Rest steht dahinter. Es ist ein wenig so wie in der Oper, wo man billige Karten kaufen kann, und die Vorstellung stehend hinter einer Säule verbringt. Obwohl, da hört man wenigstens etwas.

Langsam wird das Publikum laut und wütend. Eine Zumutung sei das alles, ein Skandal. Ein Mann mit Glatze, dessen Kopf und Gesicht vollständig tätowiert sind und der ein wenig wirkt wie ein lebendiges Ausstellungsstück, brüllt sehr laut, dass die, die hier lesen, mehr verdienen als der Obdachlose, der gerade im Bois de Vincennes erfroren sei. Das sei keine Veranstaltung für die Öffentlichkeit, sondern eine für die Medien.

Miller, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen amerikanischen Journalistin, die für den Irak-Krieg Propaganda gemacht hat, ist die Tochter des berühmten Psychoanalytikers Jacques Lacan. Nach ihr liest Jacques-Alain Miller, ihr Ehemann. Auch er ist Psychoanalytiker. Es ist jetzt 14.30 Uhr, und er hat ein Mikrofon bekommen. Na endlich.

Es geht ums Schenken. Ein Geschenk, liest er vor, sei ein Gefäß gefüllt mit Liebe. Daher die Lust der Kinder, übergroße Geschenke machen zu wollen: lebende Eisbären, riesige Schiffe. Das Geschenk für den größten lebenden Denker Frankreichs wirkt auf einmal beängstigend klein, entschieden zu voll und mit Liebe nur bedingt gefüllt.

Wie seine Frau liest auch Miller aus "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft". Vielleicht ist das hier eine Familienfeier, zu der versehentlich die Öffentlichkeit geladen wurde. Wenn sich Lévi-Strauss über die Liste der eingeladenen Vorleser beugen würde, fiele ihm sicherlich eine schöne Theorie über die Pariser Gesellschaft ein. Etliche Ehepaare sind hier auszumachen, auch Geschwisterpaare, das Netzwerk der Eitelkeiten und des geliehenen Ruhmes. Meistens lesen Familienmitglieder hintereinander. Die Brüder Olivier und Patrick Poivre d'Avor lesen sogar gemeinsam. Patrick, in Frankreich nur PPDA genannt, ist der Wickert der Franzosen. Er hat lange die Nachrichten im Privatsender TF1 moderiert, bis er nach 21 Jahren in Ungnade fiel, obwohl er doch bis zur Rente weitermachen wollte. Er wird an diesem Abend um 20 Uhr lesen, das muss die Macht der Gewohnheit sein. Demnächst soll er für Arte große Interviews führen. Für kleine ist er nicht zu haben.

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Autor:  MARTINA MEISTER
Datum:  1 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
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