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16. Dezember 2012

Claus von Wagner: Einmal Gierschlund, immer Gierschlund

 Von Wolfgang Heininger
Claus von Wagner. Foto: dpa

Der Kabarettist Claus von Wagner lotet Tiefen und Untiefen des Raubtierkapitalismus aus. Es ist nicht immer lustig, sondern oft gallebitter, wenn Wagner zeigt, wie die Geldinstitute die Kunden ihren Produkten anpassen statt umgekehrt.

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Pferdewetten. Das, was der Bankenkapitalismus treibt, sind Pferdewetten. Nur dass die Mitspieler nicht einmal genau wissen, auf welche Mähre sie da setzen, in welcher Verfassung das Tier ist und wo überhaupt sich die Rennbahn befindet. Wem das nun zu kompliziert oder zu dröge ist, der sollte Claus von Wagner aus seinem Kalender streichen und besten auch diesen Text nicht weiterlesen.

Wagner ist Kabarettist. Einer dieser jungen Generation, die die ebenso alte wie falsche Behauptung, das Genre sei tot oder zumindest im Auflösung begriffen, Lügen straft. Einer der sich in seinem Ein-Personen-Stück von der „Theorie der feinen Menschen“ an ein Thema wie die internationale Finanzwelt herantraut, ohne dass die Zuhörer, wie am Samstag im Aschaffenburger Hofgarten, nicht gleich wegsacken und tief schlummernd vom Stuhl fallen.

Menschliches Handeln im Gewirr von Zahlen

Der geborene Münchner und Bayer mit norddeutschen Wurzeln lockt sein Publikum mit feinem Witz auf ein staubtrockenes Terrain, indem er das menschliche Handeln im Gewirr von Zahlen und Abhängigkeiten in den Mittelpunkt rückt. Denn der bleibt immer der gleiche, egal in welchem Milieu er sich befindet. Bleibt anständig, wenn er zutiefst anständig ist oder wird allenfalls zum großen Gierschlund, wenn er schon immer ein kleiner Gierschlund war. Der 35-Jährige beobachtet die Mechanismen genau, um sie zu analysieren. So sagt, wie er sagt, das Bruttoinlandsprodukt alles mögliche aus über dieses Land aus, nämlich auch, dass es wächst, wenn wir uns gegenseitig Schaden zufügen, der dann repariert werden muss. Aber rein gar nichts darüber, warum es sich lohnt, in eben diesem Land zu leben.

Das ist nicht immer lustig, schon gar nicht zum Schenkelklopfen, sondern oft gallebitter, wenn Wagner zeigt, wie die Geldinstitute die Kunden ihren Produkten anpassen statt umgekehrt. Wie sie die Risiken im Kleingedruckten verbergen und mit der Vergangenheit im Blick eine blendende Zukunft versprechen. Wie sie für ihre Geschäfte, die sie zu unseren machen, eine eigene Sprache kreieren, die niemand mehr versteht. Denn würden wir verstehen, wie das alles funktioniert, dann würden wir das große Spiel womöglich nicht mehr mitmachen und es würde nicht mehr funktionieren.

"In God we trust"

Dabei war das, was mit Geld als Ersatz für den klassischen Tauschhandel zu tun hat, mal ein solides Geschäft, das sogar – Wagner hat dafür eine Studie der renommierte Yale-University parat – Kapuzineräffchen nach einer Zeit der Übung beherrschen. Damals stand aber auf dem Dollarschein auch noch, dass dafür der Gegenwert in Gold auszuhändigen war. Geblieben ist auf dem Greenback nur noch das wenig vertrauenserweckende „In God we trust (Wir vertrauen auf Gott)“ - und auf dem Euro könnte gar stehen „Hoffentlich geht das gut“. - Findet Wagner und liefert auch gleich die Erklärung, warum die amerikanische Währung trotz höherer Verschuldung immer noch besser dasteht als das europäische Pendant: „Hinter dem Dollar steht die US-Army, hinter dem Euro steht nur Mutti...“

Wirtschaftsethik hat Wagner einmal studieren wollen: „Na da müssen sie sich schon entscheiden“, habe ihm ein Professor höhnisch entgegengehalten. Er hat sich dann weder für Ethik noch Wirtschaft, sondern für Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Medienrecht entschieden. So ein klassischer Studiengang, in dem man eigentlich nichts rechtes werden kann. Außer Schreiberling oder Kabarettist. Wagner ist beides geworden – und kein schlechter.

Claus von Wagner gastiert am 13. Januar, 9. und 10. Februar in München, am 28. Februar im Mainzer Unterhaus und vom 6. bis 9. März in Berlin. Im Rhein-Main-Gebiet ist er am 13. März in Hofheim, am 27. März in Bad Vilbel und am 4. April in Frankfurt zu sehen.

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