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16. Januar 2012

Colin Crouch zur Finanzkrise: Es muss noch schlimmer werden

Protest gegen Finanzgeschäfte an der Wallstreet in New York.Foto: afp

Der britische Soziologe Colin Crouch erzielte großes Aufsehen mit seinem Buch „Postdemokratie“. Er beschrieb darin die verschiedenen Formen, mit denen die Finanz- und Kommunikationseliten die moderne Demokratie aushöhlen. Im Interview spricht er über die Krise und die Rolle der Deutschen in Europa.

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Der britische Soziologe Colin Crouch erzielte großes Aufsehen mit seinem Buch „Postdemokratie“. Er beschrieb darin die verschiedenen Formen, mit denen die Finanz- und Kommunikationseliten die moderne Demokratie aushöhlen. Im Interview spricht er über die Krise und die Rolle der Deutschen in Europa.

Herr Crouch, wir glaubten im Jahr 2008, der Neoliberalismus sei tot. Nun stellen wir überrascht fest, dass er quicklebendig ist. Wie konnte das passieren?

2008 hatte der Neoliberalismus zwar eine große Krise. Der Finanzkapitalismus hat uns gezeigt, dass wir völlig abhängig von ihm sind. Der Neoliberalismus ist nicht nur nicht tot, sondern noch stärker geworden.

Das zeigt sich in Ihrem Land an der Haltung der Regierung zur Regulierung des Finanzmarktes. Premierminister David Cameron fürchtet um den Finanzplatz London.

Die britische Wirtschaft ist wahrscheinlich am stärksten von dem Finanzkapitalismus abhängig. Die Wirtschaft der USA ist im Vergleich dazu diverser und differenzierter.

Ist der Neoliberalismus eine List der Reichen und Mächtigen, um noch reicher und mächtiger zu werden?

Es ist vielleicht eine List. Der Neoliberalismus ist ein Phänomen der großen internationalen Konzerne. Die List ist, dass sie den freien Markt propagieren, aber gleichzeitig diesen Markt beherrschen, so dass es keinen freien Markt gibt. Die großen Konzerne haben eine starke Verbindung zu der Politik, was ja ganz marktwidrig ist. Das ist die Lüge.

Zur Person

Colin Crouch, Jahrgang 1944, ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe. Nach Stationen in Oxford und Florenz ist er seit 2005 Professor für Governance and Public Management an der University of Warwick. Am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln ist Crouch „auswärtiges wissenschaftliches Mitglied“.

Das Buch „Postdemokratie“ ist 2004 in England und 2008 auf Deutsch erschienen. Nach seiner Analyse verkommt die öffentliche Debatte in einer Postdemokratie zu einem von PR-Strategen gelenkten Spektakel. Seinem neuesten Buch „Über das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ gab er den Untertitel „Postdemokratie II“ (Suhrkamp).

Sind die großen Konzerne durch demokratische Strukturen überhaupt noch im Zaun zu halten?

Das ist die große Frage unserer Zeit. Die Finanzwirtschaft ist etwas besonderes. Es gibt Märkte wie die von den Medien oder Pharmazeutika oder Energie. Auch wenn sie Schwierigkeiten haben, betrifft es doch nicht die Demokratie als solche. Der Finanzsektor ist aber etwas anderes. Er ist grundlegend für alle anderen Tätigkeiten. Es gibt eine Deregulierung dieses Sektors seit Mitte der 1980er-Jahre. Sie hat die Krise von 2008 hervorgerufen. Sobald Investmentbanken die normalen Geschäftsbanken für ihre Zwecke nutzen können, ist schon der Krisenfall gegeben. Es ist jedoch durchaus möglich, eine Regulierung zu haben, denn von den Dreißigern bis in die Achtziger Jahre hatten wir so etwas. Die Frage ist, ob die Politik die Kraft und den Willen aufbringen kann für eine Art Reregulierung. Es scheint in Deutschland und Frankreich leichter zu sein als in den USA oder Großbritannien, deren Wirtschaften stärkere Finanzsektoren haben.

Sie äußern sich optimistisch in Bezug auf die EU. Gerade die ist doch andererseits für Sie ein Beispiel für das, was Sie eine postdemokratische Institution genannt haben.

Ja, ich bin hier zweideutig. Aber es ist die einzige, wenngleich schwache Hoffnung, dass diese Institution die Demokratie stärkt. Wenn Europa die Lösung für Probleme sein will, muss es immer kräftiger werden. Möglicherweise wird am Ende der Krise ein stärkeres Europa stehen, mit einer echten Bürgerschaft, mit einer eigenen Demokratie. Wahrscheinlich muss alles erst noch schlechter werden, damit es besser wird.

Macht Merkel es richtig?

Merkel hat Probleme. Die Deutschen verstehen nicht, dass sie den Griechen helfen müssen. Die Bürger sehen nicht, dass der Euro von Europa abhängig ist und sie vom Euro. Es ist wichtig für die Deutschen, dass der Euro weltweit nicht zu stark ist, und sie müssen wissen, wie abhängig sie von anderen Märkten sind. Es ist nun einmal eine Exportwirtschaft, die ihnen den Wohlstand sichert. Die Deutschen meinen, die Währungsunion hätte alles schwieriger gemacht, die Wahrheit aber ist, dass es den Deutschen ohne sie schlechter ginge.

Deutschland war immer dann schlecht, wenn es in Europa Führungsaufgaben übernehmen sollte.

Deutschland hat eine gute Rolle in der Weltpolitik in den letzten Jahrzehnten gespielt. Es ist das größte Land in Europa, es liegt im Zentrum. Hätten die Deutschen nicht mit den Franzosen die Währungsunion gemacht, wäre die Lage in Osteuropa viel schlechter. Der Osten ist ein deutsches Projekt. Deutschland hat eine große Rolle für den Frieden in Europa gespielt.

Gibt es keine anderen Hoffnungsträger außer der EU? Was ist mit den sozialen Bewegungen, etwa Occupy Wall Street?

Die Bewegungen sind interessant, weil sie zeigen, dass die Menschen endlich sehen, was im Finanzsektor geschieht. 2008 war es ganz unmöglich, eine Debatte über den Finanzsektor und Demokratie zu führen. Nach der Krise gibt es ein sehr breites Verständnis dafür, dass etwas fehlt. Diese Überlegungen halten die Debatte in der Mitte. Es geht nicht mehr, dass die Politiker die Probleme vertuschen. Die Bewegung kommt von unten, und es ist gut, dass sie nicht von Populisten angeführt werden. Die Probleme sind global, wir aber müssen in Europa anfangen.

Sie sagen, die demokratischen Institutionen seien ausgehöhlt. Womit können wir sie wieder füllen?

Das ist die Zukunftsfrage, die ich nicht beantworten kann. Es gibt einen Zerfall in den demokratischen Institutionen. Entweder alles wird schwächer, die Institutionen werden weiter vernachlässigt, was sehr gefährlich wäre. Oder es gibt eine Reaktion im Volk. Wir können die neuen Bewegungen als ein erstes Zeichen der Reaktion auf die postdemokratische Welt sehen. Was kommen wird, ich weiß es nicht.

Die Linke ist zu schwach, die Konservativen ratlos. Keiner weiß, was kommt?

So ist es. Wir hatten die dreißig wunderbaren Jahre nach dem Krieg. Es waren ganz außergewöhnliche Zeiten. Normalerweise ist die menschliche Gesellschaft sehr unbequem und schwierig, es gibt viele Ereignisse, die man nicht erwartet. Jetzt ist es eher normal.

Das Gespräch führte Michael Hesse.

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