kalaydo.de Anzeigen

Comic: Die Farbe des Todes

"Jakob" von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder: ein erstaunlich ausgereifter Comic-Erstling. Von Christian Schlüter

Begegnung mit dem Raben: Jakob auf der Suche nach seiner Mutter.
Begegnung mit dem Raben: Jakob auf der Suche nach seiner Mutter.
Foto: Cross Kult Verlag

Comics sind ein Medium der Vermischung. Klar, schließlich steht das Wort "Comic" nicht nur für Komik oder komisch, sondern verweist auch, wie der große Art Spiegelman einmal bemerkte, auf "Comix" - also Zusammen-Mischung. Das gilt ganz offensichtlich für das besondere Ineinander von Schrift und Bild, das eine Bildergeschichte erst zu einem Comic werden lässt. Doch mischen sich hier wie in jedem anderen Medium auch verschiedene Stile. Seit einiger Zeit ist diesbezüglich ein interessanter Mix zu beobachten: Die ästhetisch längst eigenständig gewordene Form des Comics schließt wieder an eine ihrer Anfänge an - an das Kinderbilderbuch.

Das muss nicht immer gut gehen, die Gefahr der Anbiederung oder Verharmlosung ist groß. Eine gelungene Variante dieser Vermischung stellt in jedem Fall "Jakob" von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder dar. Der Zeichner und der Szenarist haben einen erstaunlich ausgereiften Erstling vorgelegt: Als die Mutter des achtjährigen Jakob stirbt, macht sich der Junge auf die Suche nach ihr. Es geht hier also um nichts Geringeres, als den Tod durch die Augen eines Kindes zu betrachten oder, was doch eigentlich unmöglich ist, zu erzählen. Der Tod, das ist ja der Feind alles Lebens, die schroffe und nicht mehr vermittelbare Absage an jede (erzählerische) Sinnstiftung. Der Tod ist das Angst machende, das unbestimmte Dunkel.

Auch bei Schreuder und Mertikat verliert der Tod sein Unheimliches nicht. Doch erscheint er in freundlichen, pastellig leichten Farben. Die Hauptfigur, der kleine Jakob, ist ein niedlicher, verstrubbelter, ein aufgeweckter wie neugieriger Junge, der auch in jedem Bilderbuch eine gute Figur machen würde. Jakob gerät auf seiner abenteuerlichen Reise jedoch schnell auf Abwege. Die Farben bleiben zumeist licht und sonnensatt, schließlich geschieht der Tod auch am helllichten Tag, gleich um die nächste Ecke, am Wegesrand - er ist in dieser Welt ein ständiger Begleiter. Weil Jakob seine Mutter sucht, sucht er auch nach dem Tod. Und weil ihm dabei niemand helfen kann, niemand den Ort kennt, an dem sie nun sein muss, lernt er Gegenden kennen, die erst befremdlich, dann aber ins Fabelhafte und Groteske auswachsend, eine ganz neue Wirklichkeit offenbaren: Nur Füchse und Raben kennen den Todesort.

Jakob sucht also nach dem Tod und beginnt deshalb, ihn überall zu sehen. Allein das schon verändert seine Welt. Sie ist nicht länger die Welt der Erwachsenen, die mit ihrem kindischen Getue immer nur den Tod verdrängen oder wegerklären, ihm alles Schroffe nehmen. Für Jakob aber fangen die Tiere an zu sprechen. Und so lernt er den Rabenkönig kennen, der über einen riesigen, stetig wachsenden Haufen Müll herrscht, und den greisen und weisen Fuchs, der seiner Jugend nachtrauert. Jakob begegnen auch verlorene Seelen, wie etwa die Frau, die sich verzweifelt ihren Jungen zurückwünscht, oder ein Waisenkind, das einen Korb auf seinem Rücken trägt und sich für eine Schildkröte hält. Die Welt, in die Jakob geraten ist, erscheint verrückt, aber sie ist vielfältig und lebendig, gerade weil ihr der Tod allerorten sichtbar eingeschrieben ist.

Schreuder und Mertikat zeichnen eine farbenfrohe, mitunter surreal anmutende Jenseitswelt. Hier herrschen die erzählerische Logik des bruchlosen Nacheinanders, die Ökonomie des Sinns nur noch bedingt; hier vermischen sich verschiedene Stile, und die Kinderbuchperspektive scheint tatsächlich die Annäherung an ein intrikates Thema zu gestatten. "Jakob" zeigt auf jeder seiner Seiten, dass eine Unterscheidung zwischen Kinder- und Erwachsenensicht gerade in Hinblick auf den Tod kaum sinnvoll ist. Ein erstaunliches Buch. Erstaunlich auch, dass "Jakob" als Diplomprojekt an der Filmakademie Baden-Württenberg angenommen wurde. Bleibt noch zu erwähnen, dass unsere beiden Autoren auch auf dem am Mittwoch beginnenden Comic-Salon in Erlangen mit einer Ausstellung vertreten sind.

Felix Mertikat/Benjamin Schreuder: Jakob. Cross Kult Verlag, Ludwigsburg 2010, 64 Seiten, 16,80 Euro.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  1 | 6 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.