Comics sind ein Medium der Vermischung. Klar, schließlich steht das Wort "Comic" nicht nur für Komik oder komisch, sondern verweist auch, wie der große Art Spiegelman einmal bemerkte, auf "Comix" - also Zusammen-Mischung. Das gilt ganz offensichtlich für das besondere Ineinander von Schrift und Bild, das eine Bildergeschichte erst zu einem Comic werden lässt. Doch mischen sich hier wie in jedem anderen Medium auch verschiedene Stile. Seit einiger Zeit ist diesbezüglich ein interessanter Mix zu beobachten: Die ästhetisch längst eigenständig gewordene Form des Comics schließt wieder an eine ihrer Anfänge an - an das Kinderbilderbuch.
Das muss nicht immer gut gehen, die Gefahr der Anbiederung oder Verharmlosung ist groß. Eine gelungene Variante dieser Vermischung stellt in jedem Fall "Jakob" von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder dar. Der Zeichner und der Szenarist haben einen erstaunlich ausgereiften Erstling vorgelegt: Als die Mutter des achtjährigen Jakob stirbt, macht sich der Junge auf die Suche nach ihr. Es geht hier also um nichts Geringeres, als den Tod durch die Augen eines Kindes zu betrachten oder, was doch eigentlich unmöglich ist, zu erzählen. Der Tod, das ist ja der Feind alles Lebens, die schroffe und nicht mehr vermittelbare Absage an jede (erzählerische) Sinnstiftung. Der Tod ist das Angst machende, das unbestimmte Dunkel.
Auch bei Schreuder und Mertikat verliert der Tod sein Unheimliches nicht. Doch erscheint er in freundlichen, pastellig leichten Farben. Die Hauptfigur, der kleine Jakob, ist ein niedlicher, verstrubbelter, ein aufgeweckter wie neugieriger Junge, der auch in jedem Bilderbuch eine gute Figur machen würde. Jakob gerät auf seiner abenteuerlichen Reise jedoch schnell auf Abwege. Die Farben bleiben zumeist licht und sonnensatt, schließlich geschieht der Tod auch am helllichten Tag, gleich um die nächste Ecke, am Wegesrand - er ist in dieser Welt ein ständiger Begleiter. Weil Jakob seine Mutter sucht, sucht er auch nach dem Tod. Und weil ihm dabei niemand helfen kann, niemand den Ort kennt, an dem sie nun sein muss, lernt er Gegenden kennen, die erst befremdlich, dann aber ins Fabelhafte und Groteske auswachsend, eine ganz neue Wirklichkeit offenbaren: Nur Füchse und Raben kennen den Todesort.
Jakob sucht also nach dem Tod und beginnt deshalb, ihn überall zu sehen. Allein das schon verändert seine Welt. Sie ist nicht länger die Welt der Erwachsenen, die mit ihrem kindischen Getue immer nur den Tod verdrängen oder wegerklären, ihm alles Schroffe nehmen. Für Jakob aber fangen die Tiere an zu sprechen. Und so lernt er den Rabenkönig kennen, der über einen riesigen, stetig wachsenden Haufen Müll herrscht, und den greisen und weisen Fuchs, der seiner Jugend nachtrauert. Jakob begegnen auch verlorene Seelen, wie etwa die Frau, die sich verzweifelt ihren Jungen zurückwünscht, oder ein Waisenkind, das einen Korb auf seinem Rücken trägt und sich für eine Schildkröte hält. Die Welt, in die Jakob geraten ist, erscheint verrückt, aber sie ist vielfältig und lebendig, gerade weil ihr der Tod allerorten sichtbar eingeschrieben ist.
Schreuder und Mertikat zeichnen eine farbenfrohe, mitunter surreal anmutende Jenseitswelt. Hier herrschen die erzählerische Logik des bruchlosen Nacheinanders, die Ökonomie des Sinns nur noch bedingt; hier vermischen sich verschiedene Stile, und die Kinderbuchperspektive scheint tatsächlich die Annäherung an ein intrikates Thema zu gestatten. "Jakob" zeigt auf jeder seiner Seiten, dass eine Unterscheidung zwischen Kinder- und Erwachsenensicht gerade in Hinblick auf den Tod kaum sinnvoll ist. Ein erstaunliches Buch. Erstaunlich auch, dass "Jakob" als Diplomprojekt an der Filmakademie Baden-Württenberg angenommen wurde. Bleibt noch zu erwähnen, dass unsere beiden Autoren auch auf dem am Mittwoch beginnenden Comic-Salon in Erlangen mit einer Ausstellung vertreten sind.
Felix Mertikat/Benjamin Schreuder: Jakob. Cross Kult Verlag, Ludwigsburg 2010, 64 Seiten, 16,80 Euro.
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