Frau Dai, warum hat die Regierung solche Angst vor Ihrer Meinung?
Ich gelte in China als Störenfried. Deshalb möchte die Regierung mich mundtot machen - ganz egal um welches Thema es geht. Dabei ist es überhaupt nicht so, dass ich immer nur schlecht über mein Land oder unser System reden würde. Ich bin keine aggressive Aktivistin, sondern eine Schriftstellerin,die Bücher und Artikel über Themen wie Umweltschutz oder Geschichte schreibt. Damit möchte ich das Leben in meinem Land verbessern. Und wenn ich China dabei kritisiere, dann nur, weil ich China liebe.
Dai Qing, 68, sprach kurz vor ihrem Abflug aus Peking nach Frankfurt mit FR-Korrespondent Bernhard Bartsch. Dai gilt als Chinas prominenteste Investigativ- und Umweltjournalistin. Ihr Vater war ein bekannter kommunistischer Intellektueller, der 1944 im antijapanischen Krieg starb. Die damals Dreijährige wurde daraufhin von General Ye Jianying adoptiert, der später von 1978 bis 1983 amtierendes chinesisches Staatsoberhaupt war.
Bekannt wurde Dai Qing in den Achtzigern unter anderem mit Büchern, in denen sie auf die Umweltkatastrophe durch den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms aufmerksam machte. Als im Frühjahr 1989 die Studenten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens protestierten, galt die kritische Redakteurin der Guangming-Zeitung vielen Demonstranten als Heldin; bald tauchten Plakate mit der Aufschrift "Dai Qing, wo bist du?" auf. Dai versuchte aber, die Studenten zur Aufgabe zu bewegen, weil sie ein blutiges Ende voraussah.
Nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 wurde Dai dennoch für zehn Monate inhaftiert. Danach erklärte sie öffentlich ihren Austritt aus der Kommunistischen Partei und arbeitet seitdem als Buchautorin und Aktivistin. 1992 erhielt sie den Freiheitspreis des internationalen Schriftstellerverbandes PEN. (bba)
Wie sind Sie in die Rolle des Störenfrieds geraten?
In den Achtzigern war ich Kolumnistin für die Guangming-Tageszeitung. Eines der Themen, mit dem ich mich beschäftigt habe, war der Drei-Schluchten-Staudamm, der damals geplant wurde. Unter Wissenschaftlern war das Projekt äußerst umstritten, aber die Regierung ließ keine Zweifel zu. Dahinter steckte vor allem Li Peng, der seinen ganzen Aufstieg vom Bürgermeister bis zum Premierminister auf dem Staudamm aufgebaut hat. Weil die Ergebnisse meiner Recherchen in den Zeitungen nicht gedruckt werden konnten, habe ich ein kleines Buch daraus gemacht und an alle Mitglieder des Volkskongresses und des Politbüros geschickt. Als es dann im Parlament zurAbstimmung kam, haben 33 Prozent der Delegierten gegen den Staudamm gestimmt. So etwas hat es in China vorher und nachher nie wieder gegeben, denn eigentlich müssen Vorschläge der Parteiführung natürlich mit 98 oder 99 Prozent abgenickt werden. Der Fall hat der Regierung gezeigt, wie mächtig Informationen sind - und wie wichtig es ist, sie zu kontrollieren.