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12. Januar 2012

Daniel Barenboim im Interview: „Elgar ist ein universeller Komponist“

 Von Caspar Wieck
Daniel Barenboim: Dirigent, Pianist, inzwischen auch britischer Ritter. Foto: dpa

Seit 1979 stand Edward Elgars Oratorium „The Dream of Gerontius“ nicht mehr auf dem Programm der Berliner Philharmoniker. Nun bringt Daniel Barenboim die Rarität wieder zur Aufführung. Mit uns sprach der Dirigent über Sterben, Glaube und Musik.

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Berlin –  

Herr Barenboim, warum soll man sich Elgars „The Dream of Gerontius“ anhören?

Es gibt mehrere Gründe. Zum einen das Sujet. Das ist eine Frage, die jeden von uns beschäftigt – egal ob König, Bundespräsident, Künstler oder Arbeiter. Nämlich die Frage: Was passiert nach dem Leben? Edward Elgar, angeregt durch den Text von John Henry Kardinal Newman, hat hier den Versuch unternommen, sich vorzustellen, was mit einem Menschen geschieht in dessen letzten Augenblicken. Und diese Augenblicke vor dem Sterben beschäftigen uns alle irgendwann – auch wenn wir nicht an eine Welt nach dem Leben glauben. Die Mischung aus Angst und Hoffnung – Angst vor dem Tod und Hoffnung auf eine künftige Welt, die für Katholiken wie Elgar und Newman natürlich viel stärker wiegt als für Nicht-Gläubige – macht „The Dream of Gerontius“ zu einem sehr menschlichen Stück.

Kann Musik uns denn helfen, uns auf das Sterben einzustellen?

Oh, das ist ein großes Thema, zu dem man eigentlich wenig sagen kann. Eine sehr subjektive, sehr individuelle Angelegenheit. Es gibt Musiker, die gar nichts mit Musik zu tun haben wollen, wenn sie in schwere Situationen kommen. Andere finden aber gerade Trost darin – und zwar nicht in dem Sinn, dass sie traurige Musik brauchen, nur weil sie selbst traurig sind. Die Welt des Klanges ist allein schon ein Trost. Für mich war sie das jedenfalls immer.

Also hören Sie Musik in schweren Momenten?

Nein, hören nicht! Aber ich spiele oder dirigiere.

Im Text von Kardinal Newman spielt der Zweifel eine große Rolle. Nachdem von Gerontius nochmals die Dogmen der Kirche beschworen werden, verliert er kurz vor dem Tod alle Zuversicht: „Ich kann nicht mehr. Jetzt kommt es wieder, dieses Gefühl des Untergangs, der Zusammenbruch all dessen, was mich zum Menschen macht“.

Ja, das ist ein starker Moment, wie überhaupt der ganze erste Teil besonders gelungen ist. Der zweite hat gewisse Längen, enthält aber wunderschöne Musik, die sich in ihren besten Momenten mit Elgars berühmtem Cellokonzert messen kann. Wenn der Engel „Halleluja“ singt, mal zögernd, mal einfach, dann wieder mit einer Größe, die man eigentlich nicht erwartet – das ist musikalisch so wunderbar gestaltet.

Und weich antwortet das Solohorn…

Ja, ja. Wissen Sie was seltsam ist? Als ich das erste Mal Elgar hörte, war ich überhaupt nicht begeistert. Ich war vierzehn Jahre alt, und Arturo Toscanini war gerade gestorben. In New York saß ich 1957 im Gedenkkonzert für ihn. Da dirigierte unter anderem Pierre Monteux die „Enigma-Variationen“ von Elgar. Ich hatte den Namen nie gehört. Das Stück hinterließ damals auch keinen tiefen Eindruck bei mir. Zu Elgar gekommen bin ich erst durch meine erste Frau, Jacqueline du Pré. Sie hatte damals das Cellokonzert gespielt und mich so begeistert, dass ich fast alle wichtigen Orchesterwerke von Elgar in England dirigiert habe in den sechziger und siebziger Jahren.

In Deutschland hat es Elgar bis heute schwer.

Ursprünglich hatte er es in England schwer. Die Uraufführung des „Gerontius“ im Jahr 1900 in Birmingham war ein Misserfolg. Erst ein Jahr später in Düsseldorf waren die Massen begeistert. Und damals kam auch Richard Strauss auf Elgar zu, gratulierte ihm zu dem Stück und trank auf das Wohl des „ersten progressiven Meisters“ englischer Musik. Aber ich finde: Man muss wirklich weg von der Idee, dass das englische Musik ist. Elgar ist ein universeller Komponist. Ich wünsche mir, dass sich nicht-englische Dirigenten und Orchester damit beschäftigen. Elgar wird immer als „viktorianisch“ bezeichnet. Aber das ist er gar nicht.

Politisch war er dem Nachfolger Victorias, Edward VII., viel mehr zugetan. Außerdem empfand er sich als Katholik von der anglikanischen Mehrheitsgesellschaft sowieso ins Abseits gedrängt.

Ja, das muss man sich mal vorstellen: Zehn Jahre lang hat man von ihm verlangt, er soll den Text des „Gerontius“ ändern, weil das den Anglikanern zu katholisch war. Sowas ist doch absoluter Unsinn! Wissen Sie, als ganz junger Mann hatte ich das Glück, mit Otto Klemperer zu musizieren und kam ihm, der fast sechzig Jahre älter war als ich, ungewöhnlich nahe. Eines Tages habe ich ihn gefragt: „Warum sind Sie als Jude zum Protestantismus konvertiert?“ Wir kamen darauf, weil er nie das Israel Philharmonic dirigiert hatte. Das Orchester verfolgte damals die Politik, keine konvertierten Juden einzuladen. Heute hat sich das längst geändert. Klemperer antwortete mir: „Ich war dreiundzwanzig Jahre alt und verliebt – in Bachs ,Matthäuspassion’. Da dachte ich, man müsse an Jesus Christus glauben, um dieses Stück dirigieren zu dürfen“. Nun ist er aber wieder zurückkonvertiert und hatte am Ende seines Lebens sogar einen israelischen Pass. Da habe ich ihn also gefragt: „Warum sind Sie dann wieder zurückkonvertiert?“ Und er antwortete: „Ich habe gemerkt: Es war doch nicht notwendig“. Eine wunderbare Geschichte über Musik und Glauben. Ich bin ein großer Bewunderer von Widerstand gegen jeglichen Fundamentalismus. Und ich bewundere Elgar auch dafür, dass er als Katholik seine Selbständigkeit verteidigt hat.

Es gibt ja im „Gerontius“ viele Formen liturgischen Singens: Psalmodien des Priesters, Antiphone des geteilten Chores, Anklänge an den Gregorianischen Choral. Ist das nur Kolorit für Elgar?

Nein, ich glaube, damit soll auch etwas gezeigt werden: die Verwurzelung in einer bestimmten kirchlichen Tradition. Das ist mehr als nur Kolorit, auch wenn es für mich persönlich von nicht zu großer Wichtigkeit ist.

Später hat Elgar sich von der Kirche distanziert: Er glaube an ihren Hokuspokus nicht mehr und auch nicht an ein Leben nach dem Tode. Es gebe nur das völlige Vergessen.

Ja, aber er war die letzten vierzehn Jahre seines Lebens, besonders nach dem Tod seiner Frau, auch schwer depressiv und hat bis zu seinem Tod 1934 keine Note mehr komponiert.

So wie Sie sich für Elgar einsetzen, müsste Elizabeth II. Sie zum „Master of the Queen’s Music“ ernennen!

Sie hat mich ja schon geehrt. Ich bin seit letztem Sommer „Knight Commander of the most excellent Order of the British Empire“, also eigentlich Ritter und Großkomtur. Nur darf ich den Titel „Sir“ nicht führen, weil ich keinen britischen Pass habe. Meine größte Ehrung war allerdings, dass ich mit Jacqueline du Pré, die sich mit dieser Welt so tief identifiziert hatte, musizieren durfte und durch sie die herrliche Musik von Elgar kennengelernt habe.

Das Gespräch führte Caspar Wieck.

12.−14. Januar, jeweils 20 Uhr, Philharmonie.

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