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23. Dezember 2013

Daniel Falk: We-helt ging verlo-ho-ren

 Von 
Goethe fand ihn zu frech und hätte ihn gerne aus Weimar ausweisen lassen: Johannes Daniel Falk, 1768–1826.  Foto: dpa

Was singen wir heute Abend eigentlich wieder? Eine Erinnerung an den Schriftsteller, Satiriker, Sozialpädagogen und Zeitbeobachter Johannes Daniel Falk

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Was singen wir heute Abend eigentlich wieder? Eine Erinnerung an den Schriftsteller, Satiriker, Sozialpädagogen und Zeitbeobachter Johannes Daniel Falk

Jetzt singen wir wieder oder brummen doch mit das Lied von der „gnadenbringenden Weihnachtszeit“. Es ist eines der beliebtesten deutschen Weihnachtslieder. Man kann ihm nicht entgehen. Es gibt inzwischen sogar wieder Augenblicke, da will man das nicht. Da ekelt einen das Kaufhausgeplärre zwar noch immer an, aber wenn man dann ein paar Schritte weitergegangen ist, dann summt es im eigenen Kopf: „Welt ging verloren“.

Diesem Gedanken hängt man nach, seiner Radikalität, und man wirft dem Autor vor, dass er sie nur als Trampolin nutzt, um sein „Christ ist geboren, freue, freue dich, o Christenheit“ von ganz oben herab jubilieren zu können. Dann erschrickt man über die eigene Aggressivität und fragt sich: Was weißt Du über den Mann, der diese Zeilen schrieb.

Wie hieß er? Johannes Daniel Falk hieß er. Er lebte von 1768 bis 1826. Aufklärung, französische Revolution, Napoleon, Romantik, Freiheitskriege, Biedermeier. Wer mehr über sein Leben wissen möchte, dem sei beispielsweise der 2008 erschienene, jetzt in zweiter Auflage herausgebrachte reich illustrierte Band „Johannes Daniel Falk“ von Gerhard Heufert empfohlen.

Bücher

Gerhard Heufert: Johannes Daniel Falk. Poet und Pädagoge. Weimarer Verlagsanstalt 2013. 24 Euro. 224 Seiten, 24 Euro.

Johannes Daniel Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt. Mit einer Einführung von Gerhard Heufert. Weimarer Taschenbuch Verlag 2010.
191 Seiten, 10 Euro.

Johannes Daniel Falk: Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel. Lustspiele, Gedichte, Publizistik. Rütten & Loening, Berlin 1988. 702 Seiten, antiquarisch z.B. 1,49 Euro.

Wissenswert ist etwa, dass der in Danzig geborene Sohn eines Perückenmachers einer reformiert-hugenottischen Familie entstammte. Er studierte Theologie, dann klassische Philologie. Er begann zu schreiben. Nichts Frommes jedoch, sondern Satiren. Ein Marionettenspiel („Die Uhu“), das im Jahr 1796 dreimal in Halle aufgeführt wurde, kündigt sich folgendermaßen an: „Raritäten sind zu sehn, / Schöne Raritäten! / Bis ans Knie im Blute gehen / Ihre Majestäten. / Kräht danach nicht Hund, nicht Hahn, / Stimme ein Tedeum an: /Schöne Raritäten!“

Ich könnte mir ein Theater vorstellen, das dieses Stück in der Weihnachtszeit aufführt. Aber ich muss es mir auch vorstellen. Denn ein solches Theater gibt es nicht. „Jauchzet den Despoten zu Ehren, welche uns mit Toten ernähren und vom Schlachtfeld Leichen uns reichen“, heißt es später. Ich sehe einige Leser die Nase rümpfen über die Reime. Zu Recht. Und doch steckt auch viel Dummheit in dieser Art ästhetischen Hochmuts. Man könnte sich Darbietungen vorstellen, bei denen die Hilflosigkeit der Reime Ausdruck der Hilflosigkeit der Opfer ist. Es würde genügen sie nicht als hin geklapperte Ergebnisse zu servieren, sondern als scheiternde Versuche, an einer humanen Ordnung – und sei es der des Reims – festzuhalten inmitten der Massaker der Geschichte.

Auch an Johannes Daniel Falks kurzen Text „Über die Systemsucht der Teutschen“ aus dem Jahre 1806 sei erinnert: Er spielt im Elysium, dort hört er seinem großen Vorbild, dem irischen Schrifsteller Jonathan Swift, zu, der – wir denken „Gullivers Reisen“ und die Akademie der Projektemacher in Lagado – erklärt: „Nirgend ist das Planmachen mehr üblich als in Teutschland. In keinem Lande der Welt sind zum Beispiel über Erziehung, gute Kinderzucht und dergleichen so viele nützliche Bücher geschrieben worden als in den letzten zehn Jahren in Teutschland; nie sind indes die Zuchthäuser dort bevölkerter gewesen als in ebendieser Periode. – Kein Land in der Welt hat über Finanzen, Fruchtsperren, Verbesserung des Feldbaus und der Viehzucht so viele gründliche, gemeinnützig-praktische und systematisch-ökonomische Vorschläge aufzuweisen als in den letzten zehn Jahren Teutschland; nie sind indes dort Menschen und Vieh dem Verhungern näher gewesen als in ebendieser Periode. In keinem Land von der Welt ist zuletzt das neuere Kriegssystem so ausführlich, so unparteiisch, so tief und so vernünftig erläutert worden als in den letzten zehn Jahren in Teutschland; nie sind indes größere Armeen von einem völlig ungeübten, ja undisziplinierten Feinde überall, wo sie sich zeigten, öfter geschlagen worden als in Teutschland in ebendieser Periode.“ 1988 erschienen diese Sätze bei Rütten & Loening in Berlin, der Hauptstadt der damaligen DDR. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Lektoren einander diese Sätze zeigten und wie die Leser des verendenden ersten und letzten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden sie mit dem Lächeln von Auguren zitierten.

Falk hatte sie geschrieben angesichts der Niederlagen der deutschen Staaten im Kampf gegen die Truppen Napoleons. Kurz darauf, als die französischen Truppen dann Weimar – dort lebte Falk inzwischen – in Beschlag nahmen, diente er der Besatzungsmacht als Dolmetscher. In den Jahren danach war er in diplomatischen Missionen unterwegs, über die nicht viel bekannt zu sein scheint.

1804 schon hatte Goethe, der sehr erbost war über Falks Marionettentheaterstück „Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel“, erfolglos auf eine Ausweisung des Dichters aus Weimar gedrungen. Aus Falks Nachlass erschien 1832 das noch heute lesenswerte Bändchen Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt“ erschien. Gerhard Heufert hat es vor ein paar Jahren wieder vorgelegt. Falk stimmt darin ein Loblied auf Goethe an. Kein Wort verliert er darin über den Konflikt über die „Prinzessin mit dem Schweinerüssel“.

1813, das Jahr, in dem Preußen Napoleon den Krieg erklärt, das Jahr, in dem Weimar und seine Umgebung zu einem Durchmarschgebiet für die befeindeten Truppen wird, das Jahr, in dem bei einer der zahlreichen Epidemien drei seiner sieben Kinder sterben, ist zugleich das Jahr, in dem Johannes Daniel Falk die „Gesellschaft der Freunde in der Not“ gründet. Auch er selbst erkrankt schwer.

Weitere seiner Kinder sterben. Falk wird Mitglied einer Kommission für das Erziehungswesen in Weimar. Er startet jetzt ein großes Projekt, für das er sämtliche Mittel, über die er selbst verfügt, mobilisiert und für das er außerdem Geld aus ganz Deutschland zu akquirieren versucht. Es geht um die elternlosen Kinder und Jugendliche, die bisher nichts kennengelernt haben als den Krieg und die auch danach noch in Banden herumstreunen. Für sie baut Johannes Daniel Falk ein Heim, das nach seinem Tode von seiner Frau weitergeführt wird. Das Falksche Institut dient als Modell für ähnliche Einrichtungen unter anderem in Erfurt, Berlin, Hamburg und Paris.

Im Jahre 1816 schrieb Johannes Daniel Falk für dieses Kinderheim ein „Allerdreifeiertagslied“, dessen erste Strophe wir als Weihnachtslied kennen. Die zweite Strophe war für Ostern und die dritte Strophe für Pfingsten gedacht. Die Strophen zwei und drei unseres Weihnachtsliedes stammen von Heinrich Holzschuher (1798–1847) aus Wunsiedel. Als Melodie diente Falk die eines heute noch in Italien gesungenen Marienliedes.

„Welt ging verloren“ – Falk wusste sehr genau, was er mit dieser Zeile meinte. Das war nicht nur das alte Europa. Es waren Tausende Tote in seiner eigenen Umgebung, darunter ein halbes Dutzend seiner Kinder. Er hielt dagegen nicht nur mit seinem Kinderheim, sondern auch mit „O du fröhliche“.

Das Lied singt nach den Verheerungen der napoleonischen und nach denen der Befreiungskriege von einer anderen Befreiung. Man glaubt das zu spüren. Auch wenn man an diese Art der Befreiung nicht glaubt.

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