Es ist einer der Abende, an denen es scheint, als hätten sich weite Teile der Bevölkerung an einen einzigen Ort begeben. Das Große Haus des Schauspiels ist Minuten nach Öffnung der Türen randvoll. Daniel Kehlmann liest nun also auch in Frankfurt.
Er liest jünger vor, als er schreibt. Darum ist es ein Erlebnis, "Rosalie geht sterben" von ihm zu hören, das dritte Kapitel seines Romans "Ruhm". Während man (erneut) darüber staunt, wie er über die Gefühlslage einer älteren Frau schreiben kann - "Eben waren wir noch wie alle ..." -, macht er kleine Kunstpausen. Er wirkt eigentlich wie ein Student, der sich bemüht, einen Text von Kehlmann möglichst gut und spannend vorzulesen. Es ist auch gut und spannend. Als Rosalie mit ihren Freunden über Enkel spricht, eine sehr komische Stelle, hört man ihm an, das gleich etwas Komisches kommt. Es ist, als würde er sich auf das Gelächter freuen. Da ist es schon.
Wenn wiederum Rosalie mit ihrem Autor rechtet, macht es natürlich Effekt, dass Kehlmann selbst der Autor ist, aber zugleich auch nicht. Seine Romanfigur Leo Richter hat "Rosalie geht sterben" geschrieben, wie eine Figur von Kehlmann erwähnt, die liebend gerne eine Figur von Richter wäre. Ausgerechnet die "Rosalie"-Geschichte aber mag sie überhaupt nicht.
Im Gespräch mit der Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg nennt Kehlmann David Foster Wallace als seinen Schutzheiligen und Leo Perutz als Vornamensgeber für Leo Richter. "Nachts unter der steinernen Brücke" sei am ehesten vergleichbar mit der Bauart von "Ruhm". Die Form, das dürfte seine Leser interessieren, sei vor der ersten Geschichte da gewesen. Sein Buch, das dürfte seine Nicht-Leser interessieren, könne er jenen, die keine Lust an kleinen Rätseln haben, nicht uneingeschränkt empfehlen.
Natürlich geht es auch um Ruhm, bei aller Ironie. Ruhm sei "identitätserschütternd": Gewöhnlich fühle man sich von der Umwelt nicht ernst genug genommen. So aber fühle man sich zu ernst genommen. Die Relativierung müsse man nun selbst übernehmen. Im Gespräch erweckt der 34-Jährige nie den Eindruck, dass ihm das nicht gelingt. Dann liest er noch ein Stück aus "Ein Beitrag zur Debatte" und zwar nicht wie beim Vorlesewettbewerb, sondern mit zungenbrecherischer Brillanz wie ein Schauspieler. Er macht es also genau so, wie er es haben will.
Daniel Kehlmann liest am 26. Februar in Stuttgart, am 12. März in Köln,
am 13. in Leipzig, am 15. in Dresden.
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