Google kennt keinen Halt: Längst greift das milliardenschwere Unternehmen nicht nur nach vermeintlich harmlosen Textpassagen, die im weltweiten Datennetz umherschwirren. Bereits seit Monaten wertet eine Konzern-Tochter - man mag es kaum glauben - menschliche Gene aus.
Bei der Firma "23andme" kann jedermann für 399 US-Dollar sein Erbgut auswerten lassen, das dann auf fernen Servern schlummert. Wo auch sonst. Und wer will, kann seine DNA dann mit dem Erbgut anderer vergleichen, per Mausklick Erbfolgen prüfen oder mal eben schnell sein Herzinfarktrisiko einsehen.
Mittwoch, 14. Januar: "wissen aktuell: Die Zukunft der Evolution", 20.15 Uhr. Donnerstag, 15. Januar: "nano extra: Darwins langer Schatten", 20.15 Uhr. "scobel: Mehr Wissen über Charles Darwin und den Rassismus", 21 Uhr. Freitag, 16. Januar: "Das Geheimnis der Junk-DNA", 20.15 Uhr.
Dass das menschliche Genom einmal derart als Wirtschaftsgut ausgeschlachtet wird, dürfte außerhalb der Vorstellungskraft Charles Darwins gelegen haben. Was der vor 200 Jahren geborene Brite mit seiner modernen Evolutionstheorie aufstellte, bietet heute aber noch einen viel größeren Anlass zum Nachdenken, wie das derzeit nicht nur Zeitungen und Zeitschriften tun, sondern dieser Tage etwa auch der Kultursender 3sat in einem seiner stets vorzeigbaren Themenwochen. Denn auch Darwins Diktum "Survival of the Fittest", das Überleben des Stärkeren, gewinnt in Zeiten finanzieller Besinnung an Aktualität.
Das Sozialsystem etwa droht in der Krise am stärksten in einen Zustand abzudriften, der sich der Prinzipien des Sozial-Darwinismus bedient. Dann werden Ressourcen umverteilt und das durchaus schon mal zulasten der schwächeren Glieder in der Gesellschaft.
Dann werden möglicherweise Forderungen aufgestellt, die allen Grundsätzen der gesellschaftlichen Solidarität widersprechen, wie vor gut fünf Jahren mit dem Gedankenspiel des jungen Christdemokraten Philipp Mißfelder prominent illustriert wurde, der zynisch eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachte. Unterm Strich stand: Verweigert mittellosen Greisen medizinische Ersatzteile wie neue Hüften. Das rechnet sich für unsere Gesellschaft schlicht nicht!
Auch mit diesem langen Schatten Darwins setzt sich der Kultursender auseinander, passt er doch in das Bild der Gier der an die Wand gefahrenen Finanzsysteme. Abwegig sind manch gruselige Vorstellungen leider nicht, wie die Geschichte lehrt: In Großbritannien wurden einst Teile des Proletariats in Arbeitshäuser gepfercht und Männlein zu jeder Tages- und Nachtzeit strikt von Weiblein getrennt.
Die Gesellschaft sollte gestärkt werden, indem die Fortpflanzung der Schwachen beschnitten wurde. Dieses sogenannte Naturrecht trieb bekanntlich auch die Täter im Dritten Reich an. Das waren schaurige Meister der Rassen-Hygiene.
Von alledem sind wir in Westeuropa glücklicherweise wieder ziemlich weit entfernt, auch wenn sich in anderen Regionen der Welt noch immer Irre im Sozial-Darwinismus suhlen. Eine unangenehme Facette der Lehre, die 3sat übrigens leider nicht aufgreift, das den Geburtstag Darwins sonst vorbildlich zum Anlass nimmt, mehr zu bieten als eine bloße historische Aufarbeitung der Evolutionstheorie.
Abseits der Googleisierung der DNA nämlich bietet auch die Wissenschaft neue Erkenntnisse. Denn je tiefer die Forschung in die Gene eindringt, desto mehr lernt sie auch, diese zu manipulieren. Das bringt bestenfalls medizinischen Fortschritt.
In New York arbeitet etwa der deutsche Molekularbiologe Thomas Tuschel mit wachsendem Erfolg daran, einzelne Gene gezielt auszuschalten. Vorstellbar, dass mit entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen der Ausbruch von Krebskrankheiten quasi auf Knopfdruck verhindert werden können. Auch lästige Phänomene wie Alzheimer und Parkinson könnten so einfach ausgeknipst werden.
Man möchte sagen: Willkommen in der Zukunft, Charles! Nur wäre es aber reichlich ungerecht, dem Briten die positiven wie negativen Folgen seiner einst mutigen Evolutionstheorie anzuhängen. Auch das ein Aspekt, der in den sonst teils beeindruckenden Filmen dieser Tage bisweilen zu kurz kommt.