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Das Material und die Haltung

Notizen vom 42. Deutschen Jazzfestival Frankfurt im Sendesaal des Hessischen Rundfunks

        

Der Saxofonist Archie Shepp in Frankfurt.
Der Saxofonist Archie Shepp in Frankfurt.
Foto: DPA

Selbst im Turbokapitalismus muss es doch etwas geben, auf das man sich verlassen kann. Ist die Gegenwart hoch problematisch und die Zukunft ungewiss, haben wir immer noch die Gewissheit einer großen Vergangenheit. Im Jazz lautet der Name dieser Unumstößlichkeit John Coltrane, und das Schallplattenlabel – so nannte man damals einen Tonträgerhersteller –, das mit diesem Namen aufs engste verbunden war, hieß „Impulse“. Dass es in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, war ein wunderbarer Grund für das Deutsche Jazzfestival des Hessischen Rundfunks, das jetzt auch den Städtenamen „Frankfurt“ im Titel führt, sich thematisch um das Label und seine große Zeit zu gruppieren und damit zugleich dem aktuellen Jazz Impulse für die Debatte um eine historisch informierte Aufführungspraxis zu geben.

Denn schließlich: Was tut, wer sich an etwas Sicheres anlehnt? Unternimmt er eine Wiederbelebung oder gewinnt er neue Ufer? Wie groß ist bei beidem die Erfolgsquote? In Teilen der geneigten Öffentlichkeit gesellt sich als vierte Frage dazu: Darf man das, einfach so? Also zum Beispiel (im Falle des schwedischen Saxofonisten Jonas Kullhammar sogar mit einer hohen Erfolgsquote) versuchen, wie Coltrane zu klingen? Das Festival blätterte eine Auswahl von Umgangsweisen und Haltungen in Bezug auf die große Vergangenheit auf und hatte damit, abgesehen vom musikalischen Ertrag, allerlei Anregungen zu bieten.

Für Daniel Erdmann, Saxofon, Hasse Poulsen, Gitarre, und Edward Perraud, Schlagzeug, die das Trio „Das Kapital“ bilden, gehen die Impulse für die aktuelle Schaffensphase vor allem von Hanns Eisler aus, ein Name, der seit Alfred Harths und Heiner Goebbels’ Siebziger-Jahre-Produktionen „Vier Fäuste für Hanns Eisler“ und „Vom Sprengen des Gartens“ immer wieder einmal im Kontext improvisierter Musik auftaucht. Das könnte unter anderem damit zusammenhängen, wie Hanns Eisler mit Klangmaterial gearbeitet hat. „Das Kapital“ ist einerseits durch diese Schule gegangen, hat seine eigene Haltung zum Material vorbildlich geklärt, arbeitet mit kundig-verspieltem Humor, der nie in distanzierende Ironie umschlägt. Ebenso klar sind die Entscheidungen für die klangbildlichen Qualitäten ausgefallen. „Das Kapital“ trifft auf ganz und gar zeitgemäße, also subtil-virtuose Weise einen ungemein gepflegten und beherrschten Sechziger-Jahre-Sound. Dass das Trio im Anschluss an seinen Set den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik überreicht bekam, zeigt, dass Auszeichnungen manchmal wirklich genau da ankommen, wo sie hingehören.

Unter den eher konservativ akzentuierten Projekten einer historischen „Impulse“-Aufführungspraxis gab es zwei profilierte Sets mit der hr-Bigband. Unter der Leitung von Charles Tolliver und mit dem Gast-Solisten Archie Shepp widmete sie sich zunächst dem ersten von Coltrane für „Impulse“ eingespielten Album „Africa Brass“, der zweite Auftritt war Oliver Nelsons Arrangeursarbeit für das Album „The Blues and the Abstract Truth“ gewidmet. Jörg-Achim Keller, Ex-Chefdirigent der hr-Bigband kehrte dafür nach Frankfurt zurück, Gast-Solist am Altsaxofon war Vincent Herring. In beiden Fällen zeigte die Bigband die beeindruckend souveräne, elastisch-metallische Klanglichkeit, die sie entwickeln kann, wenn es um altamerikanisches Material geht.

Mit einer geringeren Trefferquote musste sich Coltranes Weggefährte McCoy Tyner zufrieden geben, ebenso wie das Harriet Tubman Double Trio, das sich Coltranes legendärer „Ascension“ widmete. Tyner eröffnete mit einer intensiven Erinnerungsphase, um dann – trotz Chris Potter am Tenorsaxofon – zusehends nachzulassen und in eine erstaunlich schlichte Auslaufstrecke einzubiegen. Das elektronisch geprägte Doppeltrio aber zerfaserte von Anfang an in psychedelische Beliebigkeiten, basal strukturiert von unverzeihlich simpel gestrickter Rhythmusarbeit.

Um Lichtjahre intensiver waren die beiden Begegnungen mit authentischen, also übrig gebliebenen Impulse-Aktivisten. Den Pianisten Joachim Kühn hat man lange nicht so präzise und so intensiv erlebt wie im Duo mit Archie Shepp und am nächsten Abend im Quartett mit seinem Bruder Rolf und zwei Musikern der jüngeren amerikanischen Jazz-Generation, John Patitucci, Kontrabass, und Brian Blade, Schlagzeug. Nach all den Referenzen konnte man im Kühn-Shepp-Duo tatsächlich so etwas wie das Original hören: afroamerikanisch-spätromantisch geprägte, klangintensive, fein strukturierte, eruptive Improvisationskultur in einer spannungsvollen Mitte zwischen rasanter Gegenwart und respektvoller Zurückwendung. Das Quartett der Kühn-Brüder litt für einige kurze Momente an einer allzu komprimierten Probenphase, machte das aber durch einen ähnlich gelungenen Spagat zwischen Damals und Heute wett, woran die rhythm section erheblichen Anteil hatte.

Bleibt, als einsam herausragendes Festival-Projekt Bob Degens aktuelles Quartett. Nach wenigen Minuten schon fragt man sich, wenn man zu Gerechtigkeitsfragen neigt, wie es geschehen konnte, dass im Jazzbetrieb ein Keith Jarrett die Rolle des großen Neoromantikers spielt und nicht Bob Degen. Man kann dann in seiner Bescheidenheit und attitüdenfreien Zugewandtheit einen Grund dafür sehen. In Frankfurt sieht man Bob Degen regelmäßig bei Konzerten des Ensemble Modern, wo er sich mit tief versunkenem Lächeln an der Musik freut.

So ist es kein Wunder, dass aus diesem Ensemble der argentinische Trompeter Valentin Garvie kommt, der Degens Kompositions- und Improvisationskunst eine Art klassischen Glorienschein gibt. So perfekt intoniert, so sensibel phrasiert so leicht kein anderer Trompeter, und es ist, als sei dieser spezielle lupenreine Ton genau das, auf das Degens Musik gewartet hat. Was das mit „Impulse“ zu tun hat? Ach, egal.

Fassen wir zusammen: Historisch informierte Aufführungspraxis gibt es längst auch im Jazz, und sie widmet sich nicht mehr nur seinen frühen Blüten. Der Free Jazz ist in eine Art Revival-Phase gekommen, von der einige Spielarten beim 42. Deutschen Jazzfestival Frankfurt vertreten waren. Die Jazzpolizei war zufriedener als im vergangenen Jahr, als ein vom Jazz kaum je berührter Ukulele-Virtuose die Aufmerksamkeit auf sich zog: Diesmal war wirklich – fast – alles Jazz: nicht zu neu und nicht zu abgehangen, nicht zu brav und nicht zu wild, klangbewusst, aber nicht zu authentizistisch, bestätigend gerahmt von ein wenig Nicht-Jazz. Die heroische Phase des aktuellen Revivals waren die grandiosen Sechziger. Die Diskussion um historische Aufführungspraxis kann weitergehen.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  31 | 10 | 2011
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