Auch in der zweiten Februarhälfte sieht man in der Innenstadt von Kairo viele Soldaten und Panzer, aber keine Polizei. Taxifahrer beschweren sich, dass sich niemand mehr an die wenigen Verkehrsregeln hält, die es überhaupt gibt. Ausländer trifft man allenfalls im vornehmen Viertel Zamalek, wo es bis vor kurzem auch Bürgerwehren gegen Plünderer gab. Ab Mitternacht gilt immer noch eine Ausgangssperre. Universitäten und Schulen sind geschlossen. Die deutsche Botschaft nennt die Sicherheitslage „unübersichtlich“ und rät weiterhin von Reisen ins Land ab.
An manchen Kreuzungen regeln junge Leute mit Armbinden in den Farben der ägyptischen Nationalflagge den Verkehr. Am Freitagabend errichten nicht Polizisten Checkpoints auf den Zufahrtsstraßen zum Tahrirplatz, um Bürger von einer weiteren Massenversammlung fernzuhalten, sondern es sind Zivilisten, entschlossen, die Polizei auf Distanz zu halten. Studenten der Amerikanischen Universität berichten von zivilen Checkpoints auch in anderen Teilen der Stadt. In der Zeitung Al-Ahram steht, dass unbestätigten Berichten zufolge in den Wochen vor dem Sturz des Diktators Mubarak neben über 300 Protestierern auch 200 Sicherheitskräfte getötet worden seien, vor allem außerhalb der Hauptstadt.
Die demokratische Volksbewegung in Ägypten trägt Züge einer klassischen Revolution und ist doch ganz anders. Klassisch ist das Muster, dass von einem bestimmten Punkt an die Propaganda des alten Regimes niemanden mehr überzeugte und die Gewalt niemanden mehr einschüchterte. Neu ist das Ausmaß, in dem Propaganda und Gewalt von vielen Einzelnen, zumal den Kindern der urbanen Mittelschicht, als unverzeihliche persönliche Beleidigung wahrgenommen worden sind.
Bilder vom Sonnenuntergang
Auf die Frage, was ihn in der jüngsten Zeit am meisten empört hat, antwortet ein junger Mitarbeiter einer internationalen IT-Firma mit dem Hinweis auf die Bilder vom Sonnenuntergang über dem Nil, die das staatliche Fernsehen ausstrahlte, als zur selben Zeit Ägypter ihr Leben für die Freiheit riskierten.
Staatliche Propaganda läuft leer, sobald eine genügend große Zahl von Bürgern über Internetanschlüsse verfügt. Mehr noch: Bevölkerungsgruppen, die schon von Berufs wegen gut vernetzt und kooperationsorientiert sind, reagieren deutlich gereizter als andere auf den Versuch, sie für dumm zu verkaufen. Das Phänomen Facebook kann die ägyptische Revolution nicht erklären, obwohl das treibende Motiv für die zumeist jungen, gut ausgebildeten Pioniere der Demokratiebewegung tatsächlich etwas mit der Neuschaffung von Selbstbildern zu tun hat. Das Leben unter Mubarak war entwürdigend, fasst Ahmed Abdelnabi, Mitglied der soeben gegründeten Menschenrechtsinitiative Ma’aan (Gemeinsam), die Meinung vieler zusammen. Ausländer seien die einzigen gewesen, die bestimmte Schutzrechte genossen hätten, weil das Regime an einem positiven Image im Ausland interessiert gewesen sei. Wer nachts auf der Straße vor der Willkür der Polizei sicher sein wollte, tat gut daran, einen ausländischen Gast als Begleitung bei sich zu haben. Ein Ziel der Bewegung bestand darin, das auf diese Weise kultivierte Bild Ägyptens als einer „gemäßigten“ Diktatur zu zerstören.
Andere haben sich das Ziel gesetzt, Feindbilder zu bekämpfen. im Al-Azhar Park treffe ich bei einer Siegesparty eine Gruppe junger Ägypter (darunter zwei Frauen), die internationalen „Couchsurfern“ kostenlose Übernachtungen anbieten. Neben der Revolution wird Couchsurfing gefeiert als eine posttraditionelle Form orientalischer Gastfreundschaft und Vorgriff auf eine Welt, in der Fremde ungeachtet ihrer Herkunft neugierig machen. Ein junger Anwalt weist mich ausdrücklich darauf hin, dass auch israelische Couchsurfer gelegentlich auf ägyptischen Privatsofas übernachten.
Warme Decken für die Nacht
Einige berichten zudem von einer wiederkehrenden Kontrasterfahrung: All die müden und hungrigen Reisenden aus mysteriösen Gegenden wie Litauen oder Rumänien kannten im Unterschied zu den Ägyptern das Gefühl, wie es ist, verbriefte Rechte zu haben und zu lieben, was und wen sie wollten. Zahllose solcher kleinen Begegnungen nährten in der Brust vieler Ägypter ein neues schmerzhaftes Gefühl: Sie begannen, ihr eigenes Land irgendwie peinlich zu finden.
Viele der jungen Aktivisten spielen die Gefahr herunter, die von den Muslimbrüdern ausgeht. Allerdings haben sich die Muslimbrüder, deren religiöser Fundamentalismus weithin abgelehnt wird, in den „Tagen des Zorns“ einigen Respekt bei den Söhnen und Töchtern der Mittelschicht verdient. Das liegt vor allem an den organisatorischen und logistischen Fähigkeiten sowie an der Nervenstärke, die die gläubigen Muslime auf dem Tahrirplatz und an anderen Schauplätzen der Gewalt gezeigt haben. „An alles wurde gedacht“, schwärmt ein arabischer Mitarbeiter des Goethe-Instituts. Tagsüber gab es Feldküchen und nachts warme Decken. Mütter mit Kindern wurden in der relativen Sicherheit der Mitte des Platzes konzentriert. Und wer an Rückenproblemen litt, dem haben emsige Muslime das Ausgraben von Pflastersteinen zum Werfen auf die anrückende Polizei abgenommen.
Heute genießen die Ägypter das neue Bild in den Medien, das sie von sich selbst erzeugt haben, und das so ganz anders ist als das Klischee von der „arabischen Straße“. Die Revolution wird als Videoclip verfolgt, während sie noch in vollem Gange ist. Abends in den Straßencafés sitzen Männer und häufig auch traditionell gekleidete Frauen, die Minztee trinken, Shishas rauchen und andächtig oder auch feixend Youtube-Videos anschauen, von denen es inzwischen Tausende im Netz gibt. Dieses neue, von einer Bilderflut getragene Selbstgefühl der Ägypter ist als solches bereits eine Errungenschaft der Revolution.
Der Revolution ging ein Autoritätsverlust von Eltern und Lehrern voraus, die nicht länger als unbestreitbare Quellen glaubwürdiger Informationen über die Welt betrachtet wurden. An ihre Stelle traten Blogs, der Austausch mit Kommilitonen und Facebook-Freunden oder die Texte des Amerikaners Gene Sharp über gewaltfreien Widerstand. Andere ausländische Instanzen haben von sich aus und vor Ort Hilfe angeboten. In ganz überraschender Weise ist auch die deutsche Botschaft seit den entscheidenden Tagen der anschwellenden Massendemonstrationen aktiv.
Übung in Demokratieförderung
Zur selben Zeit, als die politischen Stiftungen sämtlicher Parteien und das Goethe-Institut ihre deutschen Mitarbeiter evakuierten, hat die Botschaft viel mehr getan, als sich nur symbolisch auf die Seite der Demonstranten zu stellen. Durch die Initiative und das Gespür eines einzelnen hochrangigen Diplomaten ist in kurzer Zeit ein Netzwerk entstanden, das womöglich mehreren Ägyptern das Leben gerettet hat. Der Diplomat, im früheren Leben einmal Mitglied des Frankfurter SDS, hat bei den lokalen Vertretern von Siemens, der Commerzbank und anderen beträchtliche Spenden gesammelt und gemeinsam mit ägyptischen Ärzten die Bestände ganzer Apotheken an Medikamenten und Verbandsmaterial aufgekauft und weitergeleitet.
Als die alte Regierung die elektronischen Netze lahmlegte, wurden als Schwangere getarnte Frauen mit Nachrichten und Anweisungen durch die Polizeisperren geschleust. Einige Schwerverletzte wurden in deutsche Krankenhäuser ausgeflogen – die notwendigen Visa konnte man ja gleich im selben Haus ausstellen.
Auch der Umstand, dass die ägyptische Revolution nicht eine politische, sondern die physische Säuberung der Straßen und Plätze der Hauptstadt nach sich gezogen hat, hängt ein bisschen mit der revolutionären Zelle in der Nachbarschaft der deutschen Botschaft zusammen. Während die Initiative zum Großputz von ägyptischen Jugendlichen ausging, wurden die Farben, Plastikhandschuhe und die Entsorgung der Müllbeutel von der Botschaftsgruppe spendiert. All das konnte geschehen, weil es interpretiert werden konnte als zwar eigenwillige, aber durchaus regierungskonforme Übung in praktischer Demokratieförderung.
Die pausenlosen, oft gefährlichen Einsätze haben der deutschen Botschaft bei bestimmten Kerngruppen der demokratischen Bewegung in Kairo ein enormes moralisches Prestige eingetragen. Etwa zweimal pro Woche finden inzwischen informelle Zusammenkünfte mit Vertretern verschiedener Strömungen statt, von denen niemand älter als 30 Jahre ist. Hier übt man die Bildung von neuen Parteien und Schattenkabinetten. Repräsentanten der keineswegs homogenen Muslimbrüderschaft, der bei freien Wahlen nicht mehr als 20 bis 25 Prozent der Stimmen zugetraut werden, sind auch dabei – eher zum Leidwesen einiger säkularer Ägypter, die lieber unter sich bleiben würden.
Demnächst wird das Goethe-Institut hinzustoßen, deren Leiterin Gabriele Becker von Kairo aus die auswärtige Kulturpolitik Deutschlands im gesamten Nahen Osten koordiniert. Zügig geplant werden die Unterstützung von Verlagsneugründungen und die Übersetzung von Texten über Demokratie, Rechtsstaat und Kriegsprävention ins Arabische. Ein anderes reizvolles Projekt ist die Gründung einer freien Filmschule und die Einrichtung einer Plattform für junge ägyptische Filmemacher. Ob all das gut geht, wird davon abhängen, ob die bisher nur gefühlte Revolution der Ägypter bald in robuste demokratische Strukturen überführt werden kann.
Volker Heins ist Wissenschaftler am Institut für Sozialforschung in Frankfurt und lernt zur Zeit Hebräisch in Jerusalem, von wo aus er nach Kairo reiste.
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