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15. Januar 2016

Das selbstfahrende Automobil: Die Geschichte des Automobils fängt überhaupt erst an

 Von 
Nur im Film kann das Automobil schon länger halten, was sein Name verspricht. Hier eine Mensch-Auto-Konfrontation aus "Herbie dreht durch", 1980.  Foto: imago stock&people

Revolution? Evolution? Auf den selbstfahrenden Wagen und seine Fahrgäste kommt jedenfalls einiges zu.

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Die Geschichte des Automobils ist bisher nicht geschrieben worden. Denn sie hat, entgegen anderslautenden Behauptungen, noch gar nicht begonnen.

Zwar versichern Historiker ebenso wie Autobauer, seit 1886 der mit einem Verbrennungsmotor betriebene Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 des deutschen Erfinders Carl Benz – wenn auch nur auf drei Rädern – über die Straßen knatterte und Bertha Benz 1888 zwischen Mannheim und Pforzheim die erste Fernfahrt eines Autos hinter sich brachte, habe das Automobil mit alsbald rasender Geschwindigkeit die Welt erobert. Aber das ist eine kühne Behauptung, die nur derjenige bestätigen wird, der als entscheidendes Begriffsmerkmal des Automobils genügen lässt, dass es von Dampf, Öl, elektrischer Energie – das erste dreirädrige Elektrofahrzeug wurde 1881 in Paris gebaut – oder Benzin angetrieben, also nicht von einem Pferd gezogen wird. In diesem Fall aber wäre der Begriff des „Motorrads“ auch für vierrädrige Wagen offensichtlich treffender.

„Automobil“ ist eine Kombination des griechischen Wortes „autós“ (selbst) und des lateinischen „mobilis“ (beweglich), aber selbstbeweglich war das Auto nie, vielmehr ist es bis heute dem Willen seines Fahrers unterworfen, der nicht nur das Ziel der Reise bestimmt, sondern jede Aktion und jede Reaktion des Wagens dirigiert, über jede Beschleunigung und jede Tempodrosselung entscheidet und am Lenkrad jede Bewegung steuert.

Das ist demnächst vorbei. Auf der diesjährigen Detroiter Automesse versuchen die fremdbestimmten Karossen zwar noch einmal, mit altem Glanz und neuem technischen Schnickschnack Kundschaft zu locken, aber sie sind die letzten Repräsentanten einer versinkenden Epoche. Die Zukunft gehört den wahren Selbstbeweglichen, den Automobilen, die Zunft hat dafür den Pleonasmus kreiert: selbstfahrende Autos.

Beschreibung einer Unfallursache

„Der Fahrer hat die Kontrolle über seinen Wagen verloren.“ Der Satz, der bisher ausschließlich der Beschreibung einer Unfallursache diente, ist heute das Ziel der Autobranche. Die Degradierung des Fahrers zum Fahrgast, der außer der Angabe des Reiseziels nichts mehr zu sagen hat, ist beschlossene Sache.

Zwar wird es noch zwei oder drei Jahrzehnte dauern, bis das vollständig autonome Fahren in jeder Situation und auf jeder Straße möglich ist, aber schon heute versuchen die Hersteller, den Umstieg vom Fahren auf das Gefahrenwerden den Kunden als ultimativen „Fahrspaß“ zu verkaufen, als Erfüllung einer Vision, mit der endlich das Zeitalter der Kutsche – ob vom Pferd gezogen oder angetrieben von Benzin – zu Ende gehe: „Es ist acht Uhr. Zeit, zur Arbeit aufzubrechen. Das Garagentor öffnet sich wie jeden Morgen um diese Zeit. Das Auto startet den Motor, fährt von allein heraus und wartet dann. Der Terminkalender des Smartphones hat ihm gefunkt, dass heute ein auswärtiges Treffen ansteht, und die Adresse mitgeliefert. Selbstständig fährt das Auto dorthin, während der Wagenbesitzer auf der Rückbank sitzt, die Zeitung liest, E-Mails prüft oder Kurznachrichten verschickt. Um das Fahren muss er sich nicht mehr kümmern. Am Ziel angekommen, steigt er aus, sein Auto fragt, wann es wieder benötigt wird. Bis dahin sucht es sich das nächste Parkhaus, identifiziert sich dort als selbstfahrendes Fahrzeug und bekommt daraufhin vom Parkhaus den Grundriss und den freien Stellplatz auf die Festplatte übertragen. Die Parkgebühren werden von der Kreditkarte abgebucht. Zur vereinbarten Zeit steht der Wagen wieder abfahrbereit am Treffpunkt.“

Mit diesem Blick in das Auto-Idyll der Zukunft begann jüngst ein Artikel in einer seriösen Tageszeitung, eine Hymne auf das autonome Fahren, die kein Werbeprospekt eines Herstellers süßer hätte säuseln können. Im Übrigen aber war es eine durchaus plausible Zukunftsbeschreibung.

Vor drei Jahren, 125 Jahre nach der ersten Langstreckenfahrt von Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim, schickte Daimler ein fahrerloses Auto mit Tempo 100 auf dieselbe Strecke, dessen Autopilot das Tempo regulierte und den Kurs bestimmte – ein durchschlagender Erfolg, wie ihn auch BMW, Audi, Apple oder Google vorzuweisen haben, dessen Roboter-Prius seit Jahren überwiegend problemlos durch Nevada und Kalifornien kurvt. Schon die Namen der neuen Konkurrenten machen klar, dass das Auto neuen Typs nichts anderes als ein fahrender Computer ist, und sein Brennstoff sind Daten, Daten, Daten.

Rechtliche Probleme entstehen

Manche sprechen von einer Revolution, andere von Evolution – fest steht, dass die Automatisierung den motorisierten Individualverkehr stärker verändern wird als jede andere Technologie zuvor. Das Versprechen lautet, Autofahren werde damit sicherer und umweltfreundlicher, aber klar ist bisher nur, dass die Lösung eines technischen Problems, das der Einlösung des Versprechens im Wege steht, zugleich die Entstehung rechtlicher Probleme bedeutet, die bisher nicht einmal alle erkannt, jedenfalls aber nur unbefriedigend gelöst sind.

Am leichtesten dürfte der Widerstand zu überwinden sein, den das Wiener Übereinkommen über den Straßenverkehr von 1968 bisher dem Einsatz autonomer Autos leistet, indem es verlangt, dass jeder Lenker sein Fahrzeug beherrschen müsse. Im Jahr 2014 wurde das Abkommen dem technischen Fortschritt bereits angepasst, schon vorhandene Assistenz-Systeme wurden erlaubt, sofern sie vom Fahrer „übersteuerbar“ oder abschaltbar sind. Das zuständige UN-Expertengremium dürfte auch in Zukunft die internationale Rechtslage auf dem neuesten Stand der Technik halten.

Im Übrigen aber eröffnen sich für Juristen – in der Versicherungswirtschaft, Anwälten, Richtern – auf Jahre hinaus unendliche Weiten grundlegender Rechtsprobleme. Zwar verspricht die Industrie absolute Sicherheit, aber jeder weiß, dass es sie nie geben wird.

Wer also haftet, wenn es mit einem selbstfahrenden Auto kracht? Der Fahrer, der kaum noch am Fahrgeschehen beteiligt ist? Die Probleme dürften schon mit der Feststellung beginnen, ob es sich um einen individuellen Fahrfehler gehandelt hat – falls der Fahrer eingegriffen haben sollte – oder um einen vom Hersteller verursachten Systemfehler oder um einen vom Fahrzeughalter nicht behobenen Systemfehler. Das ließe sich vermutlich mit den Daten ermitteln, die das selbstfahrende Auto unentwegt sendet und empfängt. Die Frage ist nur, wem die Daten gehören. Das müsste der Halter oder der Fahrer des Wagens sein, aber darf dann die Polizei die Daten zur Aufklärung eines Unfalls konfiszieren und die Versicherung die Herausgabe verlangen?

Warnsignale des Systems

Auch im Strafrecht wird es schwierig. Zwar dürfte der Fahrer strafrechtlich verantwortlich sein, wenn der Unfall dadurch verursacht wurde, dass der Fahrer schuldhaft – also fahrlässig oder vorsätzlich – Warnsignale des Systems übersehen und nicht reagiert hat. Andererseits lautet doch das Versprechen, dass der Fahrer entlastet werden soll – das dürfte kaum gelingen, wenn er mit einer Verurteilung rechnen muss, falls er dem Versprechen bedingungslos glaubt.

Das Versprechen, so viel ist klar, ist unseriös, nicht nur aus zivil- und strafrechtlichen Gründen. Ihm liegt die Annahme zu Grunde, dass sich die Sicherheit im Straßenverkehr unvermeidlich erhöhe, je mehr der „Sicherheitsfaktor“ Technik den „Unsicherheitsfaktor“ Mensch als Akteur verdränge. Verwiesen wird gerne auf die Statistik, wonach in Deutschland mehr als 91 Prozent aller Verkehrsunfälle mit Personenschäden durch menschliche Verhaltensfehler verursacht werden. Was wäre gewonnen, wenn die Statistik eines Tages berichtet, dass mehr als 91 Prozent derartiger Unfälle von technischen Fehlern ausgelöst werden, ohne dass die Gesamtzahl der Unfälle gesunken ist, der Mensch als Gefahrenquelle also nur durch die Technik ersetzt worden ist?

Nur nebenbei die Frage, wie der Mensch als Gefahrenquelle ausgeschaltet werden können sollte: Weltbekannt wurde vor einiger Zeit die Aktion zweier Hacker, die den Bordcomputer eines Chrysler-Jeeps kaperten, mit ihren Gesichtern auf dem Display erschienen und den Wagen meilenweit über einen Highway steuerten. Der Fahrer hatte nicht die geringste Chance, die Kontrolle über sein Auto zurückzugewinnen.

Natürlich ist es eine schöne Idee, dass eines Tages Blinde und Jugendliche, Betrunkene und Greise in einem Auto reisen können, ohne es fahren zu müssen. Und die Vorstellung, die Straße werde – jedenfalls für Insassen selbstfahrender Autos – schon bald zu einer Sicherheitszone, ist bezwingend. Wir glauben gerne an das Paradies, zumindest seit wir aus ihm vertrieben wurden, und gegen eine Rückkehr hätten wir auch ganz bestimmt nichts einzuwenden. Aber ehe wir uns – geleitet von den Hochrufen der Automobilindustrie – hineinbegeben, sollten wir bedenken, dass es zwar Schlangen ohne Paradiese gibt, aber kein Paradies ohne Schlangen.

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