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Das Sparpaket: Vom Leben über die Verhältnisse

Das von der Regierung vorgelegte Sparpaket verrät keine übergeordnete Idee zum Umgang mit der Staatsverschuldung. Selbst die aktuelle Finanzlage ist alles andere als eindeutig geklärt. Von Harry Nutt

Der russische Schauspieler Oleg Tabakov (Mitte) als der morbide von seiner eigenen Trägheit überwältigte Oblomow, in der gleichnamigen Goncharov-Verfilmung von 1979.
Der russische Schauspieler Oleg Tabakov (Mitte) als der morbide von seiner eigenen Trägheit überwältigte Oblomow, in der gleichnamigen Goncharov-Verfilmung von 1979.
Foto: Mosfilm

Es war nicht die Stunde starker Rhetorik. Schwierige Zeiten, sagte Kanzlerin Merkel. "Wir können uns jetzt nicht mehr alles leisten." Das klingt nach gestrichener Süßspeise. Und Vize-Kanzler Westerwelle ergänzte so kess wie unappetitlich: "80 Millionen Euro sparen sich nicht einfach so mit der Nagelschere."

So asynchron die Diktion des politischen Führungspersonals daherkommt, scheint es sich doch einig darin, die ökonomische Notwendigkeit des Sparens in einen psychologischen Verschuldungszusammenhang zu stellen. Wer Schulden hat, wird auch ein bisschen schuldig sein. Was jetzt ansteht, ist die Konsequenz und wohl auch Strafe dafür, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mit ähnlicher Logik wurde die griechische Misere beschrieben, und so rief es nun Guido Westerwelle seinen Landsleuten zu.

Dabei ist die Frage, inwiefern der verschuldete Staat mit dem Haushaltsgebaren seiner Bürger zu tun hat, eher komplex und widersprüchlich. Der Rückgang der Steuerquote, der zu nicht geringen Teilen zur Staatsverschuldung beigetragen hat, rührt nicht zuletzt von einer Entlastung der Unternehmen und der weitgehenden Abschaffung der Gewerbesteuer her. Zwar hat die hohe Staatsverschuldung nicht direkt mit der Überschuldung der privaten Haushalte zu tun, die gesellschaftliche Lesart der Krise kommt darin aber unmittelbar zur Sprache. Am eigenen Dispokredit lässt sich ablesen, wie eng es werden kann.

Statistisch betrachtet hat die Zahl überschuldeter Haushalte in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. "Exakte Angaben, wie viele Haushalte überschuldet sind", schreibt Jürgen Angele vom Statistischen Bundesamt, "gibt es nicht. Je nach Definition, aber auch nach Interessenlage, schwanken die Expertisen zur Zahl der absoluten oder relativ überschuldeten Haushalte zwischen knapp unter drei Millionen und bis weit über drei Millionen."

Genauere Angaben liefern die Gerichte, die sich mit so genannten Privatinsolvenzen zu befassen haben. Bei einer durchschnittlichen Schuldenlast von 22000 Euro pro Kopf liegt das Gesamtschuldenvolumen überschuldeter Haushalte bei etwa 65 bis 70 Milliarden Euro. Der größte Teil dieser Schulden, so die Mutmaßung, ist uneinbringbar.

Aus derlei unübersichtlichen Haushaltslagen haben RTL und andere ihre erfolgreichen Schuldenshows komponiert. Wenn Peter Zwegat seine Stirn in Falten legt, wird´s ungemütlich. Zwegat ist Schuldnerberater der Dokusoap "Raus aus den Schulden", die auf das Unterhaltungspotenzial von Menschen setzt, die den Überblick über ihre Konten verloren haben.

Eine Zeit lang verlief das Leben nach dem Motto: Geld ist nicht alles. Man hat ja Kredit. Aber plötzlich macht sich auf penetrante Weise der Alltag bemerkbar. Es gab ein Leben jenseits des Geldes, aber nun wird alles in lästigen kleinen Zahlen verbucht. Wenn am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist, dann gewinnt das Grübeln darüber Raum, was man regelmäßig oder so nebenbei alles ausgibt. Fast immer ist es mehr als gedacht. Der Staat operiert anders, das Ergebnis ist aber in etwa dasselbe.

Die Neigung, den Kopf vor den sich auftürmenden Lebenskosten in den Sand zu stecken, ist keine Erfindung der jüngsten Krise. Ihr herausragender Exponent ist Oblomow. Der Held von Iwan Gontscharows Romanklassiker aus dem Jahr 1859 ist der Prototyp einer Haltung, der alles gleichgültig zu sein scheint. Alles geht dem russischen Gutsherrn zu schnell, nichts hat er im Griff und er trachtet auch nicht danach, seinem Leben eine Wendung zu geben.

Eine ähnliche Figur muss Guido Westerwelle vorgeschwebt sein, als er sich über spätrömische Dekadenz ausließ. Der bloße Gedanke an die Überwindung seiner Trägheit nimmt Oblomow jede Kraft. Obwohl ihn Krankheiten und Gerstenkörner plagen, scheint ihm jeder Sinn für die Sorge um sich zu fehlen. Nicht einmal seine Dienerschaft, die ihn schamlos bestiehlt, hält er dazu an, sich um das Nötigste zu kümmern. Oblomow vermag nicht einmal zu sagen, worin das Nötigste besteht. Zwar hat er das Streben nach prinzipieller Ordnung nicht aufgegeben.

Immer wieder aber verwirft er Pläne, seine Gutsangelegenheiten zu regeln. Dabei ist es weder Prunksucht noch Verschwendungslust, die es ihm unmöglich machen, seiner Belange Herr zu werden. Das Leben über die Verhältnisse hat ihn im Griff, weil es nichts gibt, zu dem er sich ins Verhältnis setzt. Er ist nicht bösartig noch berechnend. Das Geld wird arglos ausgegeben, verloren oder einfach liegengelassen. Oblomow erweist sich als völlig unfähig, auf die Verhältnisse zu reagieren.

Ein flüchtiger Blick in Peter Zwegats Sendung verrät, dass der private Schuldner bis heute der Figur des Oblomow ähnelt. Wie Doppelgänger Oblomows erscheinen allerdings auch die koalitionären Schuldenverwalter. Es ist keine übergeordnete Idee identifizierbar, die aus dem Sparpaket hervor gehen könnte. Selten erschien Politik so uninspiriert. In der Redewendung vom Leben über die Verhältnisse klingt eine Kritik an der Hybris an, mit der man sich über die ökonomische Notwendigkeit hinweggesetzt hat. Die Verkündung des Sparpakets erweckt den Anschein, ebenfalls weit von derlei Notwendigkeit entfernt zu sein.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  9 | 6 | 2010
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