Die Geschwister Scholl haben ja mitten in einer Realität des Schweigens und des Nichthinschauens, in der sich die meisten von einer Welle nationalistischer und rassistischer Triebe mitreißen ließen, mutig ihre kleine Untergrundzelle gegründet. Obwohl es die Ausnahme ist, formuliert ihr Handeln ganz klar die schlichte und doch so schwer umzusetzende Tatsache, dass in beinahe jeder Situation ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit besteht; dass auch in einem System absoluter Willkür jeder Mensch einen gewissen Spielraum hat, selbstständig zu bleiben, sich anders zu definieren, und sich damit diesem Herrschaftssystem zu entziehen.
In fast jedem meiner Bücher gibt es den Versuch - oder den Wunsch - geradezu untergrundartige "Zellen" des freien Willens, der Individualität und Idiosynkrasie zu schaffen, und das inmitten einer Realität von Willkür, Zwang und Entfremdung. Die Figuren, die ich beschreibe, kämpfen fast immer gegen ein starres, gleichgültiges und undurchdringliches "System", sei es die erniedrigende Realität militärischer Besatzung oder die Art und Weise, wie wir alle lernen, uns an die erste uns als Menschen begegnende Willkür zu gewöhnen, die Willkür des Körpers und die Art und Weise, in der unsere Seele - die freie, bewegliche und scheinbar unendliche - gezwungen ist, sich an die beschränkte physische Dimension zu gewöhnen. An diese komplizierte Bürokratie unseres Körpers.
In meinen anderen Büchern, vor allem in meinem letzten Roman "Bis ans Ende des Landes", der nächstes Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird, und auch in "Die Kraft zur Korrektur", habe ich unter anderem versucht, die Lebenswirklichkeit im heutigen Israel zu beschreiben: Zum einen die Gefahr, den Ängsten und der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, die der andauernde Konflikt mit den arabischen Staaten erzeugt, zum andern die gewaltigen Anstrengungen, die intime und verletzliche Zelle der Familie in einer derart brutalen Wirklichkeit zu beschützen.
Schaut man sich heute die Israelis - und auch die Palästinenser - an, kann man sehen, wie die äußerliche Willkür der "Lage", in der sie gefangen sind, bis in die allerinnersten Zellen beider Völker eindringt. Wie sie sich schon über Jahrzehnte in einem festgefahrenen Mechanismus von Schlag und Gegenschlag, von Resignation und sofort danach kurz anhaltender Euphorie bewegen. Man kann sehen wie wir alle - Israelis und Palästinenser - Geiseln einer Situation wurden, in der wir von Tag zu Tag weniger Handlungsfreiheit, Gedankenfreiheit und Willensfreiheit haben.
Ich schreibe seit dreißig Jahren, und ich weiß: Jedes Mal, wenn ich über einen Kampf gegen die Willkür schrieb, entdeckte ich von Neuem, dass, wenn ich so genau wie möglich die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und dieser Willkür beschrieb, etwas in mir sich veränderte. Etwas in mir wurde erlöst. Wenn ich noch etwas mehr um die Genauigkeit der Beschreibung, der Empfindungen, der feinsten Nuancen dieses Kampfes gerungen hatte, wenn ich mich selbst in meinen Worten sozusagen neu formuliert hatte - in einer um mich herum immer mehr erstarrenden Situation -, dann kam ich einen Millimeter weiter an jener Stelle zwischen mir und dem, was mir vorher als etwas Unüberwindbares erschienen war.
Nicht, dass ich einen besseren Weg gefunden hätte, mit den widerstreitenden Kräften von Körper und Seele zu leben. Nicht, dass ich wirklich verstanden hätte, wie ein Mensch sich selbst so auslöschen kann, dass er Bestandteil einer Vernichtungsmaschine wird. Nicht, dass die militärische Besatzung enden würde, wenn ich ihre Untaten nur möglichst genau beschriebe. Doch meine innere Einstellung zu dem Unabänderlichen änderte sich dann. In dem Moment, wo ich zu schreiben begann, stand ich jedweder Willkür nicht mehr dort gegenüber, wo ich vor dem Schreiben verharrt war. In Situationen, die mir wie ewig, absolut und monolithisch vorgekommen waren, taten sich mir neue Nuancen auf. Ich erschuf mir eine gewisse Bewegungsfreiheit. Gegenüber dem Unabänderlichen, was mich vorher mit Angst und Verzweiflung gelähmt hatte, wurde ich frei. Ich war kein Opfer mehr.
Und für mich, als Jude und Israeli, als der Mensch, der ich heute bin, mit all meinen Erfahrungen und all dem, was ich in den letzten Jahren erlebe, ist das Gefühl, nicht Opfer zu sein, nicht das Opfer einer wie auch immer gearteten Willkür sein zu müssen, vielleicht das Tröstendste, was ich erreichen kann.
"Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten" ist, wie Sie wissen, eine Zeile Goethes, die der Vater von Hans Scholl diesem in seiner Kindheit oft vorlas. Dies sind die Worte, die Hans wenige Minuten, bevor man ihn zur Hinrichtung abholte, mit Bleistift an die Wand seiner Zelle geschrieben hat.
Auch wenn Hans und Sophie Scholl und ihre Mitkämpfer vom damals herrschenden System ermordet wurden, waren sie doch in einem tieferen Sinn keine Opfer. In einer totalitären tyrannischen Realität hatten sie sich ihre eigenen Gesetze und Wertmaßstäbe gegeben. An einem Ort und in einer Zeit, in der Dutzende Millionen Menschen "wir" grölten, haben sie "ich" gesagt.
Gibt es einen größeren Mut, eine größere Freiheit?
Ich danke Ihnen, dass Sie mich für würdig befunden haben, den nach ihnen benannten Preis zu erhalten.
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