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24. November 2008

David Grossman: Der Bann der Kränkung

Auch in einem Willkür-System hat jeder einen Spielraum, sagt David Grossman. Foto: dpa

Friedensaktivist David Grossman hat den Geschwister-Scholl-Preis bekommen. Seine Dankesrede dokumentiert seine Überzeugung, dass auch in einem "Willkür-System jeder einen Spielraum" hat.

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Zur Person

David Grossman, geboren 1954 in Jerusalem, Schriftsteller und Friedensaktivist, erhielt gestern in München den Geschwister-Scholl-Preis. Seine Dankesrede dokumentieren wir in leicht gekürzter Form. Anne Birkenhauer übersetzte sie aus dem Hebräischen. Von Grossman erschien zuletzt bei Hanser der Sammelband: "Die Kraft zur Korrektur. Über Politik und Literatur".

Schalom und Guten Abend. Ich bin sehr bewegt, diesen nach den Geschwistern Scholl benannten Preis entgegenzunehmen, und möchte Ihnen gerne erklären, warum er für mich so wichtig und bedeutsam ist.

Vor einigen Jahren erzählte mir ein nicht mehr junger jüdischer Mann folgende Geschichte: In seiner Jugend in Wilna, das schon von den Nazis besetzt war, spielte er mit Freunden auf dem Schulhof Fußball. Jüdische und christliche Jungen kickten zusammen, es war ein wildes, begeistertes Spiel, als plötzlich überall in der Stadt die Lautsprecher ertönten und eine "Akzia" ankündigten. Kurz darauf stürmten deutsche Soldaten den Schulhof und nahmen die jüdischen Jugendlichen fest. Eine Stunde später steckten sie bereits in einem Zug, der sie in die Vernichtungslager fuhr. Der Zug fuhr nahe am Schulhof vorbei. Die Jungen schauten durch die Ritzen des Waggons und sahen, wie die anderen dort weiter Fußball spielten.

Eine kleine, nicht besonders dramatische Geschichte. In jener Zeit geschahen, wie wir wissen, weitaus entsetzlichere Dinge. Und doch lässt mich diese Geschichte, seit ich sie gehört habe, nicht mehr los. Sie erzählt mir vor allem von einer raffinierten und zweifelhaften Fähigkeit des Menschen: Er kann beschließen, nicht zu wissen, was direkt um ihn herum wirklich passiert. Beschließen, sich selbst keine Rechenschaft darüber abzulegen. Einfach die Augen zu verschließen und weiterzumachen, als wäre nichts geschehen.

Meine Damen und Herren, Sie verleihen mir heute diesen ehrenvollen Preis, benannt nach zwei jungen Menschen, die eine für sie gefährliche Entscheidung trafen: Nicht die Augen zu verschließen. Nicht weiterzumachen, als geschähe nichts. Im Gegenteil: Sie beschlossen, alles zu sehen. Sie gingen durch die Welt, als hätten sie sich die Augenlider ausgerissen, und sie legten Rechenschaft über alles ab, was sie sahen.

Und als sie sahen, was geschah, hatten sie den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie nannten Mord - Mord, Böses - böse, Wahnsinn - Wahnsinn. Sie weigerten sich, jene Sprache und die Denkmuster zu übernehmen, die die Regierenden, das Militär, die Presse, eine riesige Propagandamaschine und der "Zeitgeist" für sie geschaffen hatten. Bei ihrem Prozess fragte sie der Präsident des Volksgerichtshofs, wie sie ihre Taten erklären könnten, und Sophie Scholl antwortete ihm in ihrer klaren und einfachen Aufrichtigkeit: "Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen."

Sie haben angefangen, und das war sehr mutig. Ich weiß nicht, wer von Ihnen in der Lage gewesen wäre, zu tun, was sie getan haben. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, zu tun, was sie getan haben.

Ich habe "Stichwort: Liebe", einen Roman über die Schoah, geschrieben, um unter anderem genau auf diese Frage zu antworten: Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich damals gelebt hätte? Hätte ich es gewagt - oder wäre ich überhaupt in der Lage gewesen -, in diesem alle mitreißenden, gewalttätigen Strudel ich selbst zu bleiben? Natürlich habe ich mich zuerst gefragt, wie ich mich als Jude verhalten hätte. Als einer, dem alles, was ihm teuer war, genommen wurde und der selbst schon zur Vernichtung bestimmt war. Wie hätte ich versucht - und hätte ich die Kraft dazu gehabt, meine Selbstständigkeit zu behalten, den menschlichen Funken in mir zu bewahren, in einer Situation, die ganz und gar darauf angelegt war, mich vom Antlitz der Erde und aus dem Bewusstsein überhaupt auszulöschen?

Doch noch eine andere Frage beschäftigte mich beim Schreiben von "Stichwort: Liebe". Wenn ich in jener Zeit Deutscher gewesen wäre, wäre ich in der Lage gewesen, gegenüber dieser Welle, die beinahe das ganze deutsche Volk erfasste, standhaft zu bleiben? Hätte ich in mir Antikörper gegen das gewalttätige, rassistische, nationalistische Fieber gefunden, das eine ganze Nation befallen hatte? Hätte ich rechtzeitig erkannt, wo ich bereits anfange, mit dem System und seinen so raffinierten Mechanismen zu kooperieren, die dazu führen sollten, dass normale, seelisch ausgeglichene und auch ziemlich moralische und anständige Leute nach und nach ihr selbstständiges Denken, ihren freien Willen und die Werte einer universalen Ethik, nach der sie bisher gelebt hatten, aufgeben?

Liebe Freunde, es fällt mir schwer, Deutsche anzusprechen, wenn ich über die Schoah rede. Ich habe den Eindruck, dass es mir nicht gelingt, genau auszudrücken, was ich sagen will. Immer ist da eine kleine Verzerrung drin, eine Überempfindlichkeit oder eine Übertreibung. Statt meinen ganz persönlichen Schmerz auszudrücken, ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich als "Vertreter von" rede. Ich bin mir gegenüber misstrauisch geworden, prüfe, ob ich nicht unbeabsichtigt an einer Stelle emotional manipuliere, an der absolute Klarheit vonnöten wäre. Ich weiß zum Beispiel, wie bestimmend bei mir das Gefühl der Kränkung ist, wenn ich daran denke, was in der Schoah passiert ist. Nicht Wut, Hass oder der Wunsch nach Rache, vielmehr eine bittere Kränkung, dass Menschen anderen so etwas angetan haben. Und ich weiß, mit keinem anderen Gefühl als dem der Kränkung kann der Mensch sich so in resignierter Verbitterung festfahren, und die ist an sich schon demütigend.

Und siehe da, gerade der Fall der Geschwister Sophie und Hans Scholl und ihrer Freunde aus dem deutschen Untergrund der "Weißen Rose", ermöglicht mir, und vielleicht nicht nur mir, über etwas zu sprechen, was hier in München, in Deutschland, in Europa passiert ist, ohne in den Bann eben dieser Kränkung zu geraten.

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