Am 8. März hatte der Internationale Frauentag seinen 100. Geburtstag. Ein Grund zu feiern? Ja und Nein. Die Emanzipation der Frau wird in den nächsten hundert Jahren nicht so voranschreiten, wie sie es im letzten Jahrhundert getan hat. Sie wird sich wohl eher rückläufig entwickeln.
Politische Freiheiten - das Recht zu wählen und für ein Amt zu kandidieren, freie Rede, wirtschaftliche Unabhängigkeit, der Zugang zu Bildung und bezahlter Arbeit; sexuelle Freiheit, das Recht einer erwachsenen Frau, ihr Leben so zu führen, wie sie es für angebracht hält - das alles sind verhältnismäßig neue Ziele für westliche Frauen, die in atemberaubender Geschwindigkeit erreicht worden sind.
Ayaan Hirsi Ali, geboren 1969 in Mogadischu, Somalia, hat u. a. die Autobiographie "Mein Leben. Meine Freiheit" veröffentlicht. Im April soll ebenfalls bei Piper erscheinen: "Ich bin eine Nomadin: Mein Kampf für die Freiheit der Frauen".
Sie ist Gründerin der AHA Foundation (www.theahafoundation.org), die die Rechte der Frauen gegen den militanten Islam verteidigt.
Unser Text wurde von Nuria Wrobel aus dem Englischen übersetzt. (fr)
Im Jahre 1869, ungefähr ein halbes Jahrhundert vor dem ersten Internationalen Frauentag, veröffentlichte John Stuart Mill den Essay "Die Hörigkeit der Frau". Er plädiert darin für Frauenrechte, die wir hier im Westen heute als selbstverständlich ansehen.
Als ich Mills Essay 1996 das erste Mal in Holland las, war ich sprachlos darüber, wie häufig er schrieb, dass das, was er für Frauen wollte, als "provokant", "neu", "unerreichbar", und für viele Menschen seiner Zeit sogar als "unvorstellbar" galt. Es machte mich sprachlos, denn wenn Mill das heutige Holland sähe, würde er feststellen, dass seine Ziele nicht nur erreicht, sondern sogar noch übertroffen wurden.
Dennoch steht der Fortschritt, den der Großteil der westlichen Frauen genießt, in starkem Kontrast zur Realität der Frauen jenseits der westlichen Welt. In der arabisch-muslimischen Welt wird der Zugang zu Bildung den meisten Frauen verweigert. Die Anzahl jener, die Lesen und Schreiben können, ist deprimierend gering. Ihre Sexualität wird patriarchisch kontrolliert, die Möglichkeiten, wirtschaftliche Eigenständigkeit zu erlangen, sind begrenzt.
In großen Teilen Asiens bestehen kleinen Mädchen gegenüber auch heute noch große Vorurteile. Abtreibung weiblicher Föten und die Vernachlässigung weiblicher Säuglinge sind die Folge davon. Asiatische Frauen leiden überproportional unter dem grausamen Geschäft mit Sex, dem Frauenhandel - einer modernen Art der Sklaverei.
Armut und Bürgerkriege treffen Mädchen und Frauen in Afrika auf eine Weise, in der Männer nie betroffen sind - weil Massenvergewaltigungen zu ungewollten Schwangerschaften und HIV-Infektionen führen. Darüber hinaus stirbt eine schockierende Anzahl junger Mädchen noch während der Geburt. Weil ihre Körper noch nicht bereit sind zu gebären oder weil ihre Genitalverstümmelung eine Fistel während der Entbindung verursacht - einer der schmerzhaftesten Tode, die man sich vorstellen kann.
Warum herrscht im Jahr 2010 eine solche Kluft zwischen den Rechten der Frau im Westen und denen in Entwicklungsländern, besonders in jenen der muslimischen Welt? Ein Grund dafür ist die Armut. Dennoch sind große Teile der weiblichen Unterdrückung nicht auf Armut sondern auf allgemeine Prinzipien zurückzuführen: Werte, Überzeugungen, Gewohnheiten und Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und denen durch Überredung, Gruppenzwang und Gewalt Nachdruck verliehen wird.
Westliche Frauen hatten dieselben Probleme. Tief verwurzelte Ansichten beschränkten das Leben einer Frau aufs Kinderkriegen und andere weibliche Pflichten. Gesetze in Europa und in den USA verboten Frauen zu wählen, für Ämter zu kandidieren, Vermögen zu erben oder sich zu beschweren, wenn sie von ihren Männern vergewaltigt oder geschlagen wurden. Im vergangenen Jahrhundert wurden jedoch all diese Formen der Diskriminierung weggefegt.
Wie können wir also die immer noch vorhandene Unterlegenheit der Frauen jenseits des Westens erklären? Durch die Entkolonialisierung sind die Länder unabhängig geworden, frei, ihre eigenen Wege in die nationale Identität zu finden. Wieso hat sich diese Freiheit nicht auf die Frauen übertragen?
Einer der Gründe hierfür ist die Verschiebung des Gedankens der universellen Menschenrechte hin zu kulturellen und relativen Gesetzen. Frühere Kolonien wollten sich vom Westen abgrenzen und ihre "authentischen" Kulturen zurückerlangen. Schlechte Nachrichten für die Frauen.
Ein weiterer, damit zusammenhängender Grund ist der Machtverlust des Westens durch nicht-westliche Gesellschaften, besonders durch den Islam. Das Ende des Imperiums bedeutete, dass die kolonialen Mächte aufhörten, Menschenrechte durchzusetzen - insbesondere Frauenrechte. Wir vergessen oftmals, dass sich britische Funktionäre in Indien gegen Witwenverbrennung und den Kindsmord an Mädchen eingesetzt haben.
Letztes Jahr hat ein unbekannter Saudi seine 12-jährige Tochter für 22.600 Dollar an einen 80-jährigen Mann verkauft. Der ältere Mann wurde von Menschenrechtsanwälten wegen Vergewaltigung des Kindes verurteilt. Einigen Medienberichterstattungen zufolge schrie das Mädchen, wehrte sich gegen die Annäherungen des Mannes und landete schließlich blutend im Krankenhaus. Ihr Mann hatte angeblich vor ihr schon drei andere junge Mädchen geheiratet.
Saudi-Arabien hat die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet und ratifiziert, die jede Person unter 18 als Kind definiert. Sie haben außerdem Artikel 16.2 des UN-Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau unterzeichnet und ratifiziert. Es setzt fest, dass die Ehe mit einem Kind keine rechtliche Gültigkeit haben darf. Ergänzt ist jedoch dieser Vorbehalt: "Im Falle einer Unvereinbarkeit der Konventionen mit dem islamischen Recht ist das Königreich nicht verpflichtet, die Regeln der Konvention zu befolgen."