In diesem Jahr 2010, als 17 afrikanische Länder den 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feierten, trug die westliche Welt kurzzeitig den Namen eines Autors auf den Lippen, der scheinbar aus dem Nichts an die Spitze der Favoritenliste für den Literatur-Nobelpreis gerückt war. Für einen winzigen Moment sah es so aus, als könnte Ngugi wa Thiong’o das Rennen machen. Jener kenianische Autor, dessen proklamierte Außenseiterrolle sich mehr aus europäischer Ignoranz denn aus Mangel an literarischer Bedeutung erklärt. Und der aus dem Fundus seiner Prosa und postkolonialen Ideen hätte schöpfen können, um die intellektuellen Diskurse seines Kontinents ins Licht internationaler Aufmerksamkeit zu rücken.
Es kam dann doch anders. Und der mediale Blick auf Afrika blieb auch 2010 trotz kurzzeitigen Flackerns im Sommer der südafrikanischen Fußball-WM verengt auf die Außenperspektive. Wirkliche Auseinandersetzung mit den Folgen der Dekolonialisierung Afrikas fand nur in den Nischen statt. Es ist dem europäisch-afrikanischen Verein Afric Avenir zu danken, dass er die Nischen das Jahr über besonders intensiv besetzt und namhafte afrikanische Denker nach Berlin eingeladen hat. So ist aus der Vortragsreihe „50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten“ nun zum Ende des Jubiläumsjahres ein gleichnamiger Sammelband hervorgegangen, der Zeugnis ablegt davon, was abseits von eurozentrischem Fatalismus und Paternalismus auf dem und über den Kontinent gedacht wird.
Reden von Unabhängigkeitskämpfern wie Kwame Nkrumah oder Nelson Mandela bilden die historische Klammer für aktuelle Wort- und Bildbeiträge aus verschiedenen Ländern Afrikas. Wissenschaftler wie Achille Mbembe stehen neben Künstlern und Aktivisten wie Shailja Patel oder Jugendidolen wie dem senegalesischen Rap-Pionier Didier Awadi. Ihre „(selbst-)kritische Bilanz“ – so der Untertitel des Buches – kontrastiert mit den im Jahresverlauf opulent gefeierten Jubelveranstaltungen der nationalen Machteliten. „Es ist vor allem der Staat, der feiert, die Bevölkerung ist daran wenig beteiligt“, resümiert der senegalesische Historiker Ibrahima Thioub.
Dennoch verweigern sich die Autoren der Passivität einer Opferhaltung und sezieren mit scharfem Blick kulturelle, soziale, politische und ökonomische Folgen der Unabhängigkeit. Bildlich für die wiederholt verhandelte panafrikanische Idee stehen die bunten „Afro“-Geldscheine des senegalesischen Künstlers Mansour Ciss: als „real-utopisches Projekt“ einer Kontinental-Währung.
Beispielhaft für die historisch reflektierte und zugleich zukunftsgerichtete Grundhaltung der Autoren sei der Beitrag des kamerunischen Philosophen und Theologen Fabien Eboussi Boulaga herausgegriffen. Er zitiert indirekt Ngugi Wa Thiong’o, wenn er die „Notwendigkeit einer gegenseitigen ,Dekolonisierung‘ unseres Denkens“ anmahnt. Wa Thiong’o hatte unter dem Titel „Decolonising the Mind“ einst afrikanische Schriftsteller zu einer Rückbesinnung auf die eigenen Sprachen aufgerufen und seine Romane seit den späten Siebzigern auf Kikuyu geschrieben. Boulaga nun verankert seine Forderung nach geistiger Dekolonisierung in der Herr-Knecht-Dialektik Hegels: Man könne sich nicht befreien, solange man sich den kontrollierenden Mächten nicht hingegeben oder ihnen nachgegeben habe.
In der Folge dechiffriert Boulaga den Begriff der „viel beschworenen ,afrikanischen Identität‘“: „Ein weit verbreiteter intellektueller Irrtum von uns bestand darin, unsere Identität in eine Art dauerhafte Substanz umzuwandeln, die durch die Geschichte verzerrt wurde oder verloren ging und die in ihrer ursprünglichen Authentizität wieder gefunden werden müsse.“ Das, was als gemeinsame Identität verstanden werde, sei durch Repression konstruiert worden, sagt Boulaga – wie auch Institutionen der Kolonisatoren übernommen worden seien. „Wir hinterfragen die uns vorgesetzten Standards zum Erreichen von ökonomischem Wachstum und Demokratie, Modernität und Glück nicht.“ Zu schnell werde akzeptiert, dass Afrika rückständig sei. So verlangt Boulaga auch, sich vom Begriff der „Entwicklung“ zu lösen. Der sei nur ein Stellvertreter für Termini wie „Zivilisation“ oder „Fortschritt“, denen der Glaube an die „Überlegenheit der modernen westlichen Zivilisation“ zugrundeliege.
Dieser vermeintlichen Überlegenheit eine eigene Haltung, einen eigenen afrikanischen Weg entgegenzusetzen, treibt viele der versammelten Autoren in ihrem Denken an. Achille Mbembe etwa konstatiert, dass Demokratie in Afrika eine eigene Idee brauche; ein Denken, das, „um radikal zu sein, zugleich utopisch und pragmatisch sein“ müsste.
Der Band gibt in diesem Sinne keine finalen Antworten. Er müsste daran schon deswegen scheitern, weil weite Teile Afrikas auch in diesem Buch ungehört bleiben, darunter nicht nur das lusophone Afrika, sondern auch der bevölkerungsstärkste Staat Nigeria. Doch die Herausgeber maßen sich gar nicht an, eine auch nur annähernd erschöpfende Analyse des Unabhängigkeitsdiskurses bieten zu wollen. Sie möchten die afrikanische Stimmenvielfalt einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich machen. Und das gelingt ihnen, indem sie mit wertvollen Denkanstößen einer Dekolonisierung auch des europäischen Geistes Vorschub leisten.
50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten. Eine (selbst-)kritische Bilanz. Editions AfricAvenir / Exchange & Dialogue 2010, 266 Seiten, 19,90 Euro.
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