Es ging um die Freiheit. Sie war das eine, verbindende Thema in Dennis Hoppers Kunst wie in seinem Leben. Die Freiheit von Billy und Wyatt, den Bikern mit den Namen der alten Westernhelden in "Easy Rider", scheint am Ende des Kultfilms von 1969 keinen Cent mehr wert. Zwei gezielte Schüsse aus einem vorbeifahrenden Auto machen ihrem Traum ein Ende. Der von Hopper gespielte Billy ist das erste Opfer des Spießers mit der Flinte. Zuvor hatte er ihm noch zugerufen, was Millionen junge Männer jener Zeit von ihren Eltern hören mussten: "Warum lässt Du Dir nicht mal die Haare schneiden?" Sein von Peter Fonda gespielter Gefährte bedeckt ihn mit seiner Lederjacke. Sie trägt das Sternenbanner.
"Easy Rider", Dennis Hoppers erste Regiearbeit, übte auf die Kultur jener Zeit einen kaum minder prägenden Einfluss aus, als das im selben Jahr abgehaltene Rockfestival von Woodstock. Auch wenn der Satz vom Haareschneiden damit noch lange nicht aus der Welt war, wusste nun jeder, wie er zu verstehen war: als in letzter Instanz tödlicher Angriff auf die Freiheit des Individuums.
Auch das amerikanische Kino, das sich damals in seiner schwersten ökonomischen Krise befand, hat dieser Film grundlegend verändert. Der sagenhafte Publikumserfolg des nur 340.000 Dollar teuren Films ließ den Produzenten keinen Zweifel: Diese jungen Filmemacher können etwas, das wir nicht können. Am Ende verzeichnete das Aussteigerdrama Einnahmen von sechzig Millionen Doller und öffnete der damit Generation von Martin Scorsese Tür und Tor. Das alte Hollywood war Geschichte, jetzt kam "New Hollywood".
Die Siebziger Jahre gelten heute als Oase beispielloser Freiheit im amerikanischen Kino. Auch Dennis Hopper durfte für einen kurzen Augenblick mit jener "größten aller elektrischen Eisenbahnen" spielen, als die Orson Welles einmal das Kino nannte. In Peru drehte er 1971 "The Last Movie" über einen Regisseur, der nach einem tödlichen Unfall die Dreharbeiten abbricht. Er beginnt ein Aussteigerleben, bis ihn ein Priester um Hilfe bittet: Die Gewalt der Filmgeschichte ist in den Alltag der Dorfbewohner eingezogen.
Trotz eines Großen Preises in Venedig galt "The Last Movie" lange als am eigenen hohen Anspruch gescheiterter Künstlertraum. Hoppers hochkomplexes Filmgedicht irritiere mit seiner überbordenden Ideenfülle und dem hypnotischen Rhythmus eines Albums von The Grateful Dead. Es war der denkbare Gegenpol zur einfachen Dramaturgie des "Easy Rider". Erst Ende der Achtziger Jahre - Hopper erlebte damals als Darsteller in David Lynchs Kunstfilm "Blue Velvet" ein Comeback - kam auch dieser Film zu ehren. David Lynchs Surrealismus lieferte gewissermaßen die Gebrauchsanweisung.
Auch wenn Hopper während der Siebziger Jahre keinen weiteren Film inszenieren konnte, blieb sein Gesicht eine Ikone künstlerische Unkorrumpierbarkeit. Er war jener "amerikanische Freund" aus Wim Wenders Filmtitel, ein Garant jenes unabhängigen Geistes, den Europa an der amerikanischen Kunst so bewundert, verbunden mit der fast gefährlich anmuteten Aura des Freibeuters. Auch außerhalb der Leinwand blieb er diesem Image treu. In seinen späten Jahren freilich eher als Bohemien des Jet Set.
Als Schauspieler war Hopper Mitte der Fünfziger Jahre an der Seite seines Freundes James Dean in den Filmen "Denn sie wissen nicht, was sie tun" und "Giganten" bekannt geworden. Deans zugleich jungenhafte wie grüblerische Männlichkeit sollte sich als entscheidende Inspiration für jene Teenager erweisen, die anderthalb Jahrzehnte später zu Achtundsechzigern heranreiften. Hopper aber nahm sich weniger das unverwechselbare Dean-Image zu Vorbild als dessen speziellen Schauspiel-Stil der kreativen Improvisation.
Hopper blieb bis in die Sechziger Jahre ein gefragter Nebendarsteller in Western und Fernsehserien, doch der Schwerpunkt seines Interesses verlagerte sich schon damals in die Kunstwelt. Seine Porträtfotografien von Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein und Jasper Johns zählen zu den frühesten Dokumenten der jungen Pop Art. Und schon in den Fünfziger Jahren begann Hopper damit, jene bedeutende Kunstsammlung aufzubauen, von der er hoffte, sie würde nach seinem Tod den Weg in öffentliche Sammlungen finden. Der familiäre Streit, der um das Erbe bereits während seiner letzten Lebensmonate schwelte, muss ihn persönlich tief getroffen haben. Als Sammler war sein Motto simpel, bezwingend und wie vieles an ihm nicht ganz frei von Eitelkeit: "Ich sammle, was ich selbst gerne geschaffen hätte".
Die Verknüpfung zwischen Bildender Kunst und Schauspielerei ergab sich für Hopper ganz selbstverständlich: Im populären Lehrbuch des Stanislawski-Schülers Richard Boleslawski ("Acting: The First Six Lessons") fand er den Leitsatz, dass jeder Schauspieler etwas von Kunst verstehen müsse. "Also ging ich los und suchte Gemälde, weil ich glaubte, das würde einen besseren Schauspieler aus mir machen".
Schaden konnte es nicht: In seinen Schurkenrollen (wie im Erfolgsfilm "Speed") scheint das Böse eine ins Negative gekehrte künstlerische Schaffenskraft; das Zerstörisch-Böse als Anti-Kunst. Wie überrascht war man dann, ihm persönlich zu begegnen: Mit der gleichen Energie füllte seine Gegenwart unwillkürlich den Raum - nun allerdings gefasst in den distinguierten Gestus eines mitteilsamen Kunstfreunds.
Es war nicht immer so. In den späten Siebziger Jahren wurde Hoppers starker Drogenkonsum bei Filmproduktionen zu einem kaum kalkulierbaren Risiko. Während es Francis Ford Coppola noch gelang, Hoppers Kokainsucht in die Filmfigur eines hyperaktiven Kriegsreporters in seinem Meisterwerk "Apocalypse Now" zu integrieren, blieb Roland Klick, einer der besten deutschen Regisseure der Siebziger Jahre, auf einem Scherbenhaufen zurück. "White Star" (1983), sein ambitionierter Musikfilm aus der Berliner Punkszene blieb durch Hoppers Unzuverlässigkeit ein Torso, den der Regisseur nur notdürftig abschließen konnte. Doch Hoppers Kokainkonsum, der damals drei Gramm pro Tag erreicht haben soll, ließ sich noch im selben Jahr durch eine Therapie besiegen. Wie zur Belohnung erblühte Hoppers Darstellerkarriere wie nie zuvor.
Zwei weitere Regiearbeiten werden von Dennis Hopper in Erinnerung bleiben. "Out of the Blue" mit dem großartigen Song Neil Youngs übertrug die fatalistische Stimmung des "Easy Rider" auf eine nachgewachsene Jugendgeneration. Niemand, der als Teenager diesen Film über die Tochter eines verelendeten Aussteigerpärchens sieht, wird ihn je vergessen. Und dann ist da "Colors - Farben der Gewalt" von 1988, ein straff erzählter, zugleich überaus stimmungsvoller Thriller im Stil des Independent-Cinema. Auch hier geht es um die Schutzbedürftigkeit der Jugend. Sean Penn spielt einen Polizisten im Sumpf der Bandenkriminalität in den Slums von Los Angeles. Hopper inszeniert diese Subkultur mit dem Blick des Künstlers, lässt sich von der Schönheit der Graffiti inspirieren, ohne das Elend zu verklären, das sie umgibt. Er hörte einen Schrei nach Freiheit in diesen Bildern, diesem uramerikanischen Ideal, nach dem er selbst so intensiv gelebt hat. Am Samstag ist Dennis Hopper, 74-jährig an Prostatakrebs gestorben - umgeben von seiner Familien und engen Freunden in seinem Haus im kalifornischen Venice.
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