Von einem meiner zahlreichen Besuche in der Tierklinik blieb mir ein junger Tierarzt als besonders geduldiger Operateur in Erinnerung. An einem Sonntag brachte ich ein Huhn mit einem Darmvorfall zum Notdienst, und weil die Klinik nicht voll besetzt war, mussten eine Nachbarin und ich als Assistentinnen fungieren. Das ist schon eine spezielle Weise, sich näherzukommen: Meine Nachbarin hielt die kleine Narkosemaske, ich die Beine des Huhns. Und besagter Arzt, nennen wir ihn Malte, vollführte eine sogenannte Tabaksbeutelnaht: eng genug, um den Darm im Körper zu halten; doch locker genug, um ein Ei hinauszulassen. Dabei ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. Eine Stunde lang nähte Malte, bis er zufrieden war (und das Huhn erholte sich später völlig).
Derselbe Malte eröffnete mir kürzlich, dass er seinen Jagdschein mache. Ich konnte es zunächst nicht glauben: Ob er wirklich jagen wolle? Ja, denn er habe keine ethischen Probleme damit, Rehe und Wildschweine zu schießen, und auch keine mit der für die Tiere besonders aufreibenden Treibjagd. Mal abgesehen davon, wie man über das Unterthema Jagd denkt: Stimmt es nicht nachdenklich, dass ein Mensch, der von Berufs wegen Tiere heilt, dieselben Hände auch zum Töten gesunder Tiere einsetzt? Wie lautet überhaupt das Ethos eines Tierarztes, im Vergleich zu dem eines Menschenarztes?
Was früher der hippokratische Eid war, formuliert die Bundesärztekammer heute in der Muster-Berufsordnung als ärztliche Aufgabe, „das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern …“ Dabei dürfen Ärzte „weder ihr eigenes noch das Interesse Dritter über das Wohl der Patientin oder des Patienten stellen“.
Anders verhält es sich dagegen beim Tierarzt. Seine Verantwortung scheint nur in bestimmten Fällen dem kranken Patienten, in anderen aber einem menschlichen Kunden zu gelten. Zwar wird er in seiner Berufsordnung einerseits „der berufene Beschützer der Tiere“ genannt, hat aber gleichzeitig „den Menschen vor Gefahren und Schädigungen durch Tierkrankheiten sowie durch Lebensmittel und Erzeugnisse tierischer Herkunft zu schützen“.
Das sind ja nun zwei unterschiedliche und potenziell konträre Ziele. Bestimmungen zur Seuchenprävention verlangen oft das Töten lebensfähiger Tiere, und das Nahrungsmittel Fleisch entstammt ohnehin einem getöteten Körper. Und so ist der Tierarzt, der in einem Schlachtbetrieb arbeitet, eben nicht als „berufener Beschützer“ des Tiers, sondern eher seines Schlächters unterwegs. Neben 75 Stunden im Hygiene-Bereich umfasst daher das Studium der Tiermedizin auch ein circa dreiwöchiges Praktikum in einem „Schlacht- und Zerlegebetrieb“.
Ich schrieb die Bundestierärztekammer an, doch deren Vertreterin verstand meine Irritation nicht. „Selbstverständlich“ gehörten beide Teile – das Heilen von Tieren und die Überprüfung der Schlachtkörper – zusammen. Schließlich falle auch der Verbraucherschutz in den Verantwortungsbereich eines Tierarztes. Die Arbeit im Schlachthof „schreckte niemanden ab, jedenfalls ist uns niemand bekannt, und die Bundestierärztekammer hat meines Wissens noch nie eine Beschwerde deswegen erhalten… Selbst Vegetarier … haben damit unseres Wissens keine Probleme.“
Letztere Aussage verdankt sich womöglich einem drastischen Kommunikationsloch. Sogar Malte, der nachweislich kein Vegetarier ist, erzählt Horrorstories aus seiner Ausbildungszeit im Schlachthof.
Nun besteht der grundlegende Konflikt weniger zwischen den Interessen von Tier und Mensch per se. Nicht Spezies stehen gegeneinander, sondern Tierschutz und Verbraucherschutz. Das Verständnis des Tiers als Patienten und als Nutztier. Subjekt oder Objekt? Ein Arzt, so hatte ich bisher geglaubt, trage Sorge für das Wohl des ihm jeweils Anvertrauten und achte ihn als einen Zweck an sich. Dies scheint für tierische Patienten nicht zu gelten.
Wen das beunruhigt, der bezweifelt nicht automatisch das Ethos niedergelassener Tierärzte; auch ich werde meine Tiere weiterhin unbesorgt von Malte und seinen Kollegen behandeln lassen. Vielmehr spiegelt sich in der Berufsordnung der Tierärzte die allgemeine „Moral“auffassung unserer Gesellschaft, die zulässt, ja sogar fordert, dass das Tier immer wieder zum bloßen Objekt wird. Während sie doch auf der universellen Gültigkeit der Regel bestehen müsste, dass „ein berufener Beschützer“ niemals das Interesse Dritter über das Wohl seiner Schützlinge stellt.
Hilal Sezgin lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide, zuletzt gab sie das „Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu“ (Blumenbar) heraus.
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